Plädoyer für ein Denkmal für die Opfer des NS in und aus dem Gailtal

Ein Text über den Zustand der Gedenkkultur im Gailtal und ein Plädoyer für ein Denkmal von Bernhard Gitschtaler vom Verein Erinnern-Gailtal.

Plädoyer für ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus in und aus dem Gailtal


„Die Vergangenheit nicht zu kennen heißt, sich selbst nicht zu begreifen. Die Zeit ist reif. Wir wollen uns und unsere Geschichte verstehen.“
(Gstettner 2007 nach Gstettner 2012: 8)


Ein Text über den Zustand der Gedenkkultur im Gailtal, den Opfer-Begriff im Tal, den Stand der Forschung bzgl. der NS – Opfer und ein Plädoyer für ein Denkmal in Hermagor.
Ich bin in einem Tal aufgewachsen, das die tatsächlichen Opfer des Nationalsozialismus vergessen hat. Gemerkt habe ich das aber erst spät, als ich wegen meines Studiums bereits einige Jahre in Wien lebte. Die Strategie im Tal war eine einfache: Schweigen. Schweigen um die Vergangenheit zu vergessen, schweigen um die Vergangenheit vielleicht ungeschehen zu machen. Schweigen um sich nicht zu erinnern. Schweigen um sich keiner Verantwortung bewusst zu werden, der man sich irgendwie längst bewusst ist. Das Schweigen ist der Beweis.
Die „dunkelsten“ Jahre der Vergangenheit halten das Gailtal gefangen. Denn das Schweigen hat die Ideologien der Vergangenheit nicht töten können, sondern zu deren Konservierung beigetragen. Im Gailtal ist die Vergangenheit gegenwärtig. Nicht, weil wir in einem lange sehr abgelegenen Tal leben, das heute von gestressten TouristInnen auf der verzweifelten Suche nach authentischer Einfachheit und Unkompliziertheit in den Bergen profitiert. Sondern, weil mit dem langjährigen kollektiven Schweigen über die NS-Verbrechen im Tal, an denen GailtalerInnen beteiligt waren und denen GailtalerInnen zum Opfer fielen, die unbewältigte Vergangenheit stur und unhinterfragt weitergetragen wurde. Das Schweigen und das „Nicht-Auseinandersetzen“ mit der eigenen Vergangenheit, trägt die Vergangenheit ständig weiter und wird mal mehr, mal weniger sichtbar.


Schweigen als Ausweg?
Das Schweigen schreit im Tal zum Himmel. Wenn es am Stammtisch im Wirtshaus oder der (Dorf)-Disco spät wird, wird auch das Schweigen unüberhörbar. Wir können das Schweigen aber auch immer wieder in Artikel der unterschiedlichen Medien des Tales, ein anderes Mal an der „Raus“- Schmiererei an der Fassade eines Kebabladens ablesen. Wir hören es immer wieder in den Vereinen und beim Feuerwehrfest oder Kirchtag, wo es besonders schrill werden kann. Das bei so manchem Kirchtag im (oberen) Gailtal noch bis vor nicht allzu langer Zeit von den jungen Burschen stolz die SS Uniform vom Opa getragen wurde, ist ein pikantes Detail in einer Region, dessen Geschichte sich aus pikanten Details zusammensetzt.
Die Politik im Tal wird dabei gezwungenermaßen der manifeste Ausdruck des Schweigens, da sie natürlich in einem Wechselverhältnis zu den Menschen im Tal steht, gewissermaßen aus ihnen hervorgeht. Die Musikkapellen spielen Märsche, die zackiges Schweigen sind. Wir können die Klänge des Schweigens verfolgen. Sie klingen im Tal von weit oben in Kötschach über Goderschach, kommen Hermagor über Kameritsch, Watschig, Kraschach und Podlanig näher. Hallen an den Wänden des Poludnig und Oisternig runter über Potschach, Egg, Paßriach, Latschach, Nampolach, Görtschach, Sussawitsch, Wertschach und Labientschach zum stolzen Dobratsch, um dann auch im untern Gailtal zu hören zu sein. Wir entfernen uns von der Bezirkshauptstadt mit den schrillen Klängen des Schweigens weiter Richtung Osten und verlassen das Tal über Nötsch, Feistritz, Jeserz, Achomitz, Draschitz und Arnoldstein Richtung Villach. In Villach ist das Schweigen weit weniger zu hören. Das Gailtal ist ein deutsches Tal.
Wehe dem, der das Schweigen unterbricht! Hysterische Wut kann die Folge sein. Nestentschmutzer haben es hier schwer. Weil kollektives Schweigen kollektive Schuld bedeuten könnte? Vorsicht scheint geboten, denn das Schweigen ist eigentlich nur eine dünne Decke über der Emotion. Diese Decke könnte auch schnell brüchig werden.
Freilich, das Gailtal kann nicht außerhalb eines kärntner und österreichischen gedenkkulturellen Rahmens gesehen werden. Das wäre unfair und würde den Realitäten nicht gerecht werden. (vgl. AK Gegen den Kärntner Konsens 2011: 58ff) Im schönen Tal halten sich aber dennoch Gedenktraditionen, die in anderen Teilen Kärntens und Österreichs längst „entsorgt“ werden und wurden. Warum? Weil dort das Schweigen unterbrochen wurde. Wir müssen dafür nicht weit gehen. Ein Blick nach Villach zum angesehenen Verein „Erinnern-Villach“ unter Hans Haider oder ein Blick über die Gailtaler Alpen ins Drautal zum Verein „Kuland“ unter dem renommierten Historiker Peter Pirker reichen. Dort wie da stehen Denkmäler für die Opfer der NationalsozialistInnen bzw. werden sie gerade errichtet. Dort wie da gibt es eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Dass (…)[mit dem] Schweigen die Vergangenheit verschwindet, ist eine verhängnisvolle Illusion, der sich die Gesellschaft da hingibt. Es sind die Täter, sagt der österreichische Schriftsteller Jean Améry, der selbst Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen überlebt hat, die erreichen wollen, dass die Zeit möglichst still und heimlich Taten und Tatorte zuwachsen lässt. Mit dem Zeit-Argument soll ihre Schuldhafte Verstrickung in die NS-Verbrechen zum Verschwinden gebracht werden. Einmal verschwunden, brauchen sich die Täter ihrer Unmoral und Unmenschlichkeit ihrer Taten nicht mehr zu stellen. Die Gesellschaft „vergisst“ ihre dunkle Vergangenheit und lässt sich freisprechen von jeglicher Schuld. (…) Was uns als bequeme Vergesslichkeit erscheint, ist auch ein Manöver der Schmerzvermeidung. (Gstettner 2012: 42) Und im Gailtal? Gibt es hier vielleicht keine Opfer der NS Verbrechen?


Über Opfer und Denkmäler im Gailtal
Opfer der Nazis sind im Gailtal, dem kollektivem Gedächtnis zufolge, in gewisser Weise „alle“. Besonders aber sind es die Wehrmachtsoldaten und SSler, die für „Heimat“ und
„Vaterland“ in „treuer Pflichterfüllung“ ihr Leben gelassen haben. „Opfer“ scheint in besonderer Weise die von alliierten Luftangriffen aufgeschreckte Bevölkerung. Thema sind auch die vermeintlichen „Opfer“ der PartisanInnen. Also bestenfalls „alle“. Die Ausblendung der Ursachen des Krieges und der NS-Verbrechen, an denen GailtalerInnen nachweißlich direkt und indirekt beteiligt waren und die ebenso im Tal selbst stattgefunden haben, sichert das reibungslose Funktionieren der TäterInnen-Opfer-Umkehr im Tal und stellt dabei eine hoch fragwürdige, aber auch entlarvende Geschichtsauffassung dar. Wenn im Tal von den „Opfern des nationalsozialistischen Regimes“ gesprochen wird, sind meist die TäterInnen gemeint, die mit einem Mal auf derselben Ebene stehen, wie die tatsächlichen Opfer. „Je länger dieser lautlose Übergang von der Lüge zum Selbstbetrug praktiziert und von der Gesellschaft toleriert und honoriert wird, desto mehr können sich Täter als Opfer fühlen und mit Verständnis und sogar Mitgefühl rechnen.“ (Gstettner 2012: 16f) Diesen Umstand gilt es zu ändern. Die Zeit dafür ist reif.
Die Widersprüche in der Geschichtsauffassung im Tal, scheinen aber grundsätzlich nicht weiter zu stören. Immerhin sind es Widersprüche, die dem gesamten österreichischen Geschichtsverständnis und der eigenen Rolle im 3. Reich inhärent sind. Nazis sind wir keine (gewesen), vielmehr Opfer der aggressiven Expansionspolitik Hitlerdeutschlands. Gleichzeitig aber haben hunderttausende ÖsterreicherInnen und natürlich auch GailtalerInnen „nur ihre Pflicht“ getan, als sie das Terrorregime und seinen Angriffs- und Vernichtungskrieg direkt oder indirekt unterstützten. Kurt Waldheim hat uns dies 1986 erklärt und damit die Geschichtslüge von Österreich als erstem Opfer Hitlerdeutschlands unabsichtlich zerstört. (vgl. Uhl, 1999; Aber auch Gstettner 2012: 20f)
Dass der Anschluss gerade im Gailtal schnell und reibungslos verlief, dass die Freude weiter Teile der Bevölkerung über den Anschluss groß war, wird gerne verschwiegen. Der Krieg wird vor diesem Hintergrund im Gailtal ebenso wie in Kärnten und Österreich allgemein als unausweichliche Naturgewalt ohne Ursache verstanden. (vgl. AK Gegen den Kärntner Konsens 2011: 30).
Wer sich aber dem Kampf gegen die Nazis anschloss, der/die wurde schnell zum/zur HeimatverräterIn, zum „Kameradenmörder“. Wer nicht für die Nazis war, war gegen sie und also gegen uns und unsere „Helden“. Auch so sehen faschistische Gedenkkontinuitäten aus. Dementsprechend ist das Gailtal zugepflastert mit Kriegs- und „Heldendenkmälern“, die alljährlich mit frischen Kränzen und in engem Schulterschluss zwischen Politik und Kirche aufs Neue gesegnet werden. Die durch Kameradschaftsbund und andere Organisationen, die tief im Tal verwurzelt sind, aufgestellten Denkmäler, nehmen einen zentralen Ankerpunkt im Gailtaler Geschichtsdiskurs ein. Sie sind dabei mehr als symbolische Grab- und Trauerstätten. Sie bedeuten Rehabilitierung und auch Verherrlichung der Soldaten, die für das „Dritte Reich“ im Vernichtungskrieg kämpften. (AK gegen den Kärntner Konsens 2011: 30) Die Verbrechen des NS-Systems und die Opfer haben bei diesen Grab- und Heldenstätten keinen Platz. Der Blick ist verstellt von Kameradschaftsbündlern, ihren Fahnen und Kriegsabzeichen. Die Sicht auf das Wesentliche wird sogar hoch oben am Nassfeld und am Plöckenpass genommen, wenn wieder das „internationale Soldatentreffen“ stattfindet. Der Blick ist getrübt, die Sicht auf das Wesentliche von Kriegsdenkmälern verstellt.

Zum Stand der Forschung über die Opfer
Das Wesentliche sind die tatsächlichen Opfer des NS-Systems. Die Opfer jener, denen im Tal bisher ausschließlich Gedacht wird. Diese tatsächlichen Opfer gibt es, auch wenn über sie weitgehend geschwiegen wird. Auch wenn sie aktiv vergessen werden und wurden, auch wenn sie bis heute kaum sichtbar gemacht werden.
Die Forschung im Tal bezüglich der Opfer des NS-Systems steht am Anfang und ist auf Privatinitiativen, finanziert aus eigener Tasche, angewiesen. In manchen Bereichen der Opferforschung gibt es dabei bereits mehr Wissen, in manch anderen noch sehr wenig. So ist bisher kaum bekannt, dass von Kirchbach bereits während dem Dollfußregime, Sinti in Lager deportiert wurden. (AK gegen den Kärntner Konsens 2011: 243) Die ideologische Saat war fruchtbar. Wenige Jahre später folgten unter der NS-Herrschaft Juden und JüdInnen (Jamritsch 2008). Die Opfer der Euthanasie sind im Gailtal besonders zahlreich. Manche wurden dabei von den Nazis auf „Erholungsurlaub“ geschickt. Ein Urlaub von denen keinEr zurückkehrte. Die Liste mit den Euthanasieopfern ist lange und voller Kinder. (Jamritsch 2009/ Baum; Gstettner; Haider; u.a. 2010: 89ff) Sowohl auf dem Gebiet der Forschung über Juden und JüdInnen im Gailtal, als auch auf dem Gebiet der Euthanasie, sind die Namen der Opfer noch nicht restlos ausfindig gemacht, noch nicht alle Geschichten geklärt.
Eine wohl schon ziemlich vollständige Liste an Namen gibt es bezüglich der Zeugen Jehovas im Tal. Sie wollten keine Waffe in die Hand nehmen, und wurden deshalb, zumeist aufgrund von „Wehrdienstverweigerung“, der NS-Justiz und damit dem sicheren Tod zugeführt. (Kärnten down under). Die Liste jener, die im Gailtal wegen „Zersetzung der Wehrmacht“ und „Feindbegünstigung“, manchmal auch „Fahnenflucht“ gesucht, inhaftiert und getötet wurden, geht aber über die Gruppe der Zeugen Jehovas hinaus. Im Tal sind aber auch Opfer zu beklagen, die es mit ihrem katholischen oder evangelischen Glauben ernst genommen haben und sich nicht am Nationalsozialismus beteiligen wollten, gegen diesen in unterschiedlichster Weise Widerstand leisteten und so Opfer der Todesmaschine wurden. Speziell in den slowenisch-sprachigen Orten scheint es eine Verbindung zwischen der starken Religiosität, dem Engagement der Pfarrer und einem gewissen Widerstandsgeist gegen die Diktatur zu geben. Unterlagen aus dem Landesarchiv legen den Schluss nahe, dass es in den zweisprachigen Gebieten des Gailtals ein Wechselverhältnis zwischen permanent ausgeweiteter Überwachung, Disziplinierung und „Bestrafung“ der Bevölkerung und einem gewissen Sinn dieses System zumindest zu schwächen, gab. Die Überwachung durch das NS- System wurde dabei „unauffällig“ und mithilfe der tatkräftigen Unterstützung von Teilen der Bevölkerung ausgeweitet. Gerade die slowenisch-sprechende Bevölkerung im Gailtal war schon vor 1942 starker Repression ausgesetzt. Auf keinen Fall sollte auf „vermeintliche Interesse[n] windischsprachiger (sic!) (…)“ Rücksicht genommen werden, lies der NS Landrat von Hermagor 1942 an die Bürgermeister von Egg, Görtschach, St. Stefan und Vorderberg schreiben. (1) (Kärntner Landesarchiv, AT KLA 534, Karton 154, Sign. 844) Slowenisch- oder Zweisprachige Bezeichnungen, Schilder, Namen etc. mussten entfernt und beseitigt werden, Berufserlaubnisse wurden gelöscht und der ausschließliche Gebrauch der deutschen Sprache wurde in etlichen Briefen, Anweisungen und Mahnungen an die lokalen NS – Behörden schon vor 1942 angewiesen. Um den Druck zu verstärken, wurden neben dem NS-Landrat und den Bürgermeistern ausdrücklich auch Arbeiter, Beamte und Gendarmen angewiesen dies zu kontrollieren. (ebd.) Dies einerseits, weil Kärnten „Deutsch gemacht“ werden sollte, andererseits, weil sich gerade in diesen Gebieten Widerstand organisierte. Im April 1942 kam es schließlich zur Katastrophe. Rund 1000 Kärtntner SlowenInnen wurden deportiert, darunter viele GailtalerInnen. (Entner, Malle 2012) Auch wenn es heute noch immer nicht gerne gehört wird, das Gailtal ist ein zweisprachiges Tal.
Besonders hartnäckige, aber stille Zeugen der Zweisprachigkeit sind die Friedhöfe, auch wenn die Assimilierung hier ebenso voranschreitet. Im Buch „Rod pod Jepo“ beispielsweis, erinnert sich der Autor Franc Resman an seine Kindheitsjahre und wie er mit seiner Mutter beim Walfahrten nach St.Stefan auch in St.Paul im Gailtal vorbeikam und sie sich die Kirche und den Friedhof ansahen. Dort war jedes Grab slowenisch-sprachig. (Resman 1971: 244) Der Friedhof enthält heute nur mehr einen einzigen Grabstein in slowenischer Sprache. Die Friedhöfe werden so zum Abbild einer Sprache und dessen Verschwinden. Gleiches gilt für soviele andere Orte im Tal, an denen noch vor nicht allzu langer Zeit nur Slowenisch gesprochen wurde…heute kaum mehr. (vgl. Janschitz 1990)
Dann gibt es aber auch noch jene Opfer im Tal, die aufgrund ihrer politischen Überzeugung von den Nazis „beseitigt“ wurden. (Vermeintliche) KommunistInnen ebenso wie SozialdemokratInnen oder revolutionäre SozialistInnen. Auch hier gibt es noch vieles zu erforschen.
Neben den unterschiedlichsten Arten des passiven, stillen Widerstands, gibt es jene, die das NS-System aktiv bekämpften, sich den PartisanInnen anschlossen oder eigene Widerstandszellen gründeten. Das Operationsgebiet der WiderstandskämpferInnen und PartisanInnen erstreckte sich dabei auch über die Berge und Almen, die das Gailtal umschließen. Einzelne Gruppen und Personen waren in der Schütt (Schüttpartisanen), in Egg und in einigen Orten des oberen Gailtals aktiv. Bauern unterstützten die PartisanInnen und ihren Widerstand und wurden deshalb oft selber Zielscheibe der Verfolgung. Viele fanden den Tod, manche leben noch und schweigen. Zu groß ist die Angst.


Wo das Schweigen her kommt
Es sind also nicht wenige, die Opfer wurden. Trotzdem erinnern wir uns kaum. Kann ein Tal an kollektiver Demenz leiden? Wissen die Leute vielleicht gar nichts über die Opfer? Das Gegenteil ist der Fall.
Wer im Gailtal aufwächst, bekommt mit, dass die Menschen viel wissen. Endlose Geschichten über Passiertes und Geschehenes, über Verbrechen und Gewalttaten, über Leid und Elend und natürlich auch über die Opfer der Nazis. Aber immer hinter vorgehaltener Hand. Lautloses Erzählen. Wer, wie ich, hier groß wurde, weiß, dass die Menschen wissen. Maja Haderlap könnte auch im Gailtal aufgewachsen sein. Der Engel des Vergessens treibt sich auch hier herum. Weniger erfolgreich, als von vielen gewünscht.
Von den zahlreichen Gründen, warum im Gailtal eine differenzierte Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit weitgehend ausbleibt, möchte ich auf zwei genauer eingehen.
Um eine Erziehung im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zu gewährleisten, kam den Schulen während der NS-Zeit und somit auch dem Lehrpersonal, eine zentrale Rolle zu. Dokumente, die im Wiener Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) gefunden wurden, lassen darauf schließen, dass sehr viele LehrerInnen im Gailtal mindestens Parteimitglieder der NSDAP waren. Im August 1945, also nach der Befreiung, wurde deshalb vom Bezirksschulinspektor von allen Bürgermeistern eine schriftliche Stellungnahme bzgl. des „politischen Verhaltens“ der LehrerInnen in den Schulen gefordert. Die Entnazifizierung war das Ziel. Eine schwierige Aufgabe, betrachtet man die bedeutende Anzahl an NS- SympathisantInnen und ParteigängerInnen im „Lehrkörper“. Vom Lesachtal über Hermagor, bis ins untere Gailtal, wurden deshalb vom jeweiligen Bürgermeister die politischen „Erfahrungen der Bevölkerung mit den Lehrkräften“ beurteilt. Eine NS-Vergangenheit, stand einer Wiedereinstellung dabei nicht immer im Weg. (DÖW Akte 21.355/1, DÖW Akte 21.355/2 und DÖW Akte 21.355/3)
Um kollektives Schweigen langfristig zu stützen und weiterzutragen, sind bestimmte geistige Kontinuitäten aber weitaus wichtiger, als die physische Kontinuität von LehrerInnen, die den Nationalsozialismus unterstützten. Wir müssen uns vor Augen halten, das die Volks- und Hauptschule jene zwei Orte sind, die alle GailtalerInnen seit Jahrzehnten gleichermaßen besuchen. Hier werden wir geprägt. NS–Ideologisches Gedankengut wurden hier lange, oft subversiv und von Einzelpersonen, weitertransportiert. Auch wenn mir dies erst Jahre später an der Universität und im Gespräch mit anderen ehemaligen SchülerInnen aus dem Tal wirklich bewusst wurde. Der Geist der Vergangenheit treibt sich besonders gerne in Schulen herum.
Dass vieles, dass ich über die Geschichte Kärntens und des Tales in der Volksschule und Hauptschule gelernt habe falsch, oder bestenfalls einseitig und tendenziös ist, sollte mir auch erst Jahre später, außerhalb des Tales, wo der Blick weniger getrübt wird, klar werden. Übrigens: In den Schulen der „Tourismus Region Nassfeld Hermagor Pressegger See“, mitten im zweisprachigen Gailtal, gibt es bis heute keine Möglichkeit, Slowenisch zu lernen.
Der zweite Grund für die Verschwiegenheit ist in der Nähe zwischen Tätern und Opfern und den damit verbundenen Ängsten zu suchen. „Nähe“ in jeglicher Bedeutung des Wortes. Einerseits war die Zustimmung im Gailtal für das NS–Regime sehr hoch. So kann alleine vom Anschluss an Hitlerdeutschland gesagt werden, dass der Großteil der Gemeinden im Gailtal „Führergemeinden“ oder zumindest ohne einzige „Nein“ Stimme waren. Andererseits gab es Widerstand und dieser reichte oft quer durch die Familien, wo nicht selten der eine Sohn bei der SS landete, der andere bei den PartisanInnen. Konflikte, die auf diesen Umständen basieren, werden teilweise bis heute weitergetragen und sind prägend. Nach 1945 gewannen deutschnationale Tendenzen schnell wieder die Überhand. Die Entnazifizierung war im Tal nicht sonderlich erfolgreich. Im Tal, das lange Jahre von einigen Betrieben abhängig war, gab es wenig Interesse die Täterschaft der jeweiligen Autoritäten, die im engen Tal oft NachbarInnen, Verwandte oder ArbeitgeberInnen waren, zu hinterfragen. Die Angst, dabei ein Risiko einzugehen, dass Nachteile für sich und die Familie mit sich bringt, war sehr groß und wohl auch nicht unberechtigt.
Sei es nun im Holzunternehmen, wo nicht nur ZwangsarbeiterInnen eingesetzt wurden, sondern dessen Besitzer auch ein hoch angesehener Vertreter des „Wirtschaftsflügels“ der NS-Partei war und der bei der „Arisierung“ anderer Unternehmen beteiligt war. Oder dem späteren Autoverkäufer, der im Nationalsozialistischen „Sicherheitsdienst“ im Tal führend tätig war und an der Erstellung der Namenslisten der von den Nazis deportierten Slowenisch-sprechenden Bevölkerung mitarbeitete. Der eigentlich 1947 wegen Kriegsverbrechen(!) angeklagt werden hätte sollen, aufgrund des beginnenden Kalten Krieges aber bald von den Briten frei gelassen wurde. Im Schatten der Abhängigkeit wurde so schnell vergessen. Autorität bleibt bei uns Autorität.
Natürlich muss auch im Gailtal die Marginalisierung der Opfer des NS-Systems vor dem Hintergrund der zunehmenden Reintegrationspolitik ab 1947, den ehemaligen NationalsozialistInnen gegenüber, gesehen werden. (AK gegen den Kärntener Konsens 2011; 29) Auch im Gailtal eiferten SPÖ und ÖVP, wie eben auch im restlichen Österreich um die „ehemaligen“ Nazis. Manchem Politiker kam dies zu Gute. Doch während wo anders die eigene Geschichte kritisch aufgearbeitet wird, wurde im Gailtal bisher geschwiegen. Die Menschen aber wissen noch viel… auch wenn es niemand zu wissen scheint.


Erinnerungsarbeit als Weg zur Befreiung
Was bedeutet es aber, wenn ein Tal kollektiv die Opfer vergisst - die Kinder, die Eltern, Schwestern oder Brüder, Verwandte, Nachbarn und Freunde? Was bedeutet es, wenn Menschen, die dem NS-Terror zum Opfer fielen, kollektiv vergessen werden? Was sagt dies aus über das Gailtal? Ein Zitat hilft uns zu verstehen:
„Gedenk- und Geschichtspolitik hat zwar die Vergangenheit als Gegenstand, ist jedoch in ihren politischen Zielen und Konsequenzen stets auf die Gegenwart gerichtet. Die Frage wie Geschichte erinnert wird, ist damit keine akademische, (…) sondern eine durch und durch politische.“ (AK gegen den Kärntner Konsens 53) Diese Worte bringen Licht in den vorherrschenden Geschichtsdiskurs im Tal, sie entlarven. Sie werfen ein Licht auf den Zustand der Geschichtspolitik und der Erinnerungskultur. Revisionistische Tendenzen und Traditionen im Tal sind deshalb auch im Umgang mit der eigenen Geschichte zu suchen. Wer also die Gegenwart und Zukunft verändern will, muss versuchen, das Schweigen über die eigene Vergangenheit zu durchbrechen, auch wenn dies unangenehm und nicht schmerzlos ist. Der Angst, die nicht zuletzt durch die Nähe zu den TäterInnen geschürt wird bzw. wurde, müssen wir uns stellen. Viel zu lange hat Angst geherrscht. Beinahe 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges und der Befreiung vom Naziregime wird es Zeit, aktive Erinnerungsarbeit zu leisten. Auch im Gailtal. Den Weg dafür zeigt der renommierte Univ. Prof. Dr. Peter Gstettner vor: „[Als] „Erinnerungsarbeit“ bezeichnen wir das Bemühen, uns der gesamten Gesellschaftsgeschichte als kollektive und persönliche Herkunftsgeschichte, eben als „die eigene Vergangenheit“ (…) zu vergewissern. Diese Vergangenheit, die (…), unserer bewussten Bearbeitung entzogen wurde, ist das psychohistorische Erbe, das uns hinterlassen wurde und das auf uns lastet. Diese Vergangenheit lässt sich nicht einfach durch Verschweigen, Vergessen und Ignorieren „entsorgen“. Sie liegt als Hypothek auf uns und in uns. Im bewussten Aneignungsprozess liegt sie noch vor uns. „Arbeit an der Erinnerung“ bedeutet, diese Hypothek abzubauen. Damit wird Erinnerungsarbeit zu einem Faktor der Selbstermächtigung bei der Gestaltung der Zukunft.“ (Gstettner 2012: 19f) Es ist auch im Gailtal an der Zeit diese Hypothek abzubauen, Erinnerungsarbeit zu leisten, aktiv Wissen zu vermitteln, zu forschen und eine andere Erinnerungskultur zu etablieren, die nicht mehr auf einer TäterInnen–Opfer–Umkehr basiert.


Für ein Denkmal
Das sichtbarste Zeichen, einen Beginn zu setzen, die von Peter Gstettner angesprochene Hypothek abzubauen, die Angst zu besiegen und posthum die vielen Opfer der NS- Verbrechen im Tal zu ehren, den Menschen eine Möglichkeit zu geben ihrer zu gedenken und sie somit in die Erinnerung zurückzurufen, wäre mit einem würdigen Denkmal an einem zentralen Ort in der Bezirkshauptstadt Hermagor möglich. Forschung in Bezug auf die Opfer, findet aktuell statt und kann der Grundstein für ein Denkmal sein.
Warum aber ausgerechnet ein Denkmal? Lisa Rettl schreibt dazu, dass Erinnerung immer „rekonstruktiv“ abläuft, also von der gegenwärtigen Position zur Vergangenheit entsteht. Vor diesem Hintergrund gilt als erinnerungs- und denkmalswürdige Vergangenheit speziell das, was für die Gegenwart Relevanz und weiter für die Zukunft bestand haben sollte. Damit ist an die Auswahl des Erinnerungswürdigen gleichzeitig auch immer eine spezifische Interpretation historischer Ereignisse gekoppelt. Rettl schreibt weiter, dass sich spezifische Machtverhältnisse einer Gesellschaft in Denkmälern im öffentlichen Raum einschreiben, sie strukturieren und symbolische Hierarchien von Normen und Werten schaffen. (Rettl 2010) Betrachten wir nun das Fehlen von Denkmälern für die tatsächlichen Opfer des NS-Systems im Tal, werden Rettels Sätze greifbar. Wie bereits oben weiter skizziert (nähe zu TäterInnen, unzählige Kriegs und Heldendenkmäler im Tal) sagen eben diese Zustände sehr viel über Machtverhältnisse und Autoritäten im Tal, nicht nur was die Gedenk- und Wertetradition betrifft, aus. Ein würdiges Denkmal für die Opfer des NS-Systems würde damit ein Schritt sein, rückwärtsgewandte Machtstrukturen aufzubrechen und den Weg für eine reflektierte Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ermöglichen. Denn „[i]n Denkmälern manifestiert sich (…) das Gedächtnis einer Gesellschaft, ihr jeweiliges politisch-historisches Bewusstsein und ihr damit verbundenes Wertsystem, aus dem sie ihre Identität (…) schöpft.“ (Rettl 2010) Welche Identität soll das in Zukunft für das Gailtal sein?
Wir sollten auch das Gedächtnis im Gailtal umkrempeln und Platz machen für eine neue Gedenkkultur. Wie Peter Gstettner schrieb: Die Zeit ist reif.


Anmerkung (1): Die Position des NS Landrates ist heute bzgl. der Kompetenzen, am ehesten mit dem Bezirkshauptmann vergleichbar.
Bernhard Gitschtaler

Literatur:
AK Gegen den Kärntner Konsens (2011): Friede, Freude , Deutscher Eintopf. Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest, Mandelbaum Verlag, Wien.
Baum, Wilhelm; Gstettner, Peter, Haider, Hans u.a. (2010) Das Buch der Namen, Die Opfer des Nationalsozialismus in Kärnten, Kitab, Kalgenfurt.
Entner, Brigitte; Avgustin Malle (2012): Die Vertreibung der Kärntner Slowenen 1942. Pregon korokih Slovencev 1942, Drava, Klagenfurt/Celovec.
Gstettner, Peter (2012): Erinnern an das Vergessen, Gedenkstättenpädagogik und Bildungspolitik, kitab Verlag, Klagenfurt, wien.
Janschitz, Heidi (1990): Gailtal/Zilja Eine Region wird deutsch, Hermagoras/Mohorjeva, Klagenfurt/Celovec.
Jamritsch, Marina (2008): Jüdische Spuren im Bezirk Hermagor, In: Wadl, Wilhelm (2008): Carinthia I Zeitschrift für geschichtliche Landeskunde von Kärnten, 197. Jahrgang, S. 499 – 516, Klagenfurt.
Jamritsch, Marina (2009): Euthanasie im Bezirk Hermagor, In: Wadl, Wilhelm (2009): Carinthia I Zeitschrift für geschichtliche Landeskunde von Kärnten, 198. Jahrgang, S. 663 – 685, Klagenfurt.
Kärnten down under: Kärntens vergessene Opfer der NS Zeit. Online unter: http://www.jakli.at/txt/ns/Uebersicht_ueber%20die%20Kaerntner_Opfer.pdf [abgefragt am 23.9.2012].
Resman, Franc (1971): Rod pod jepo, Unter dem Mittagskogel. Die Familienchronik des Franc Resman, Mohorjeva/ Hermagoras, Klagenfurt/Celovec – Dunaj/Wien – Ljubljana.
Rettl, Lisa (2010): Der zweite Weltkrieg in Kärntens Denkmallandschaft. Hierarchien des Gedächtnisses. Online unter: http://www.kleindenkmaeler.at/forschung/rettl_lisa_der_2._weltkrieg_in_kaerntens_denkmallandschaft1 [abgefragt am 23.9.2012].
Uhl, Heidemarie (1999): Transformation des österreichischen Gedächtnisses. Geschichtspolitik und Denkmalkultur in der zweiten Republik. Online unter: http://www.oeaw.ac.at/ikt/mitarbeiterinnen/publikationen-der-mitarbeiter/heidemarie-uhl-werkverzeichnis-seit-1999/heidemarie-uhl-werkverzeichnis-vor-1999/transformationen-des-oesterreichischen-gedaechtnisses/ [abgefragt am 23.9.2012].

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