Ausstellung "Was damals Recht war" Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht
Wehrmachtsdeserteure waren in Deutschland und Österreich jahrzehntelang kein Thema. Ihre Weigerung, in Hitlers Vernichtungsfeldzug mitzumarschieren, blieb in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft unbedankt und stand außerhalb der erinnerungspolitischen Wahrnehmung. Deserteure waren vielmehr mit Vorwürfen konfrontiert, sie hätten Kameraden und Vaterland verraten. Die dominante Geschichtserzählung, die einerseits Österreich als das »erste Opfer der Hitler’schen Aggression« darstellte, andererseits jene Soldaten als Helden feierte, die das »Dritte Reich« bis zur Kapitulation verteidigt hatten, ließ für anders lautende Interpretationen der Vergangenheit keinen Platz.
Durch die Marginalisierung und Verdrängung der Opfer geriet der Unrechtscharakter der NS-Militärjustiz erst spät ins Blickfeld einer historisch interessierten Öffentlichkeit. Über Jahrzehnte hinweg galten die Wehrmachtgerichte als »Nische der Rechtsstaatlichkeit«. Dabei wurde übersehen, dass die Wehrmachtsjustiz ein willfähriges Instrument im Vernichtungskrieg war, durch deren Urteile zehntausende Menschen – Soldaten und
ZivilistInnen – aus ganz Europa ihr Leben verloren. Die Militärrichter vollstreckten über 15.000 Todesurteile allein an Deserteuren.
Die Ausstellung, ursprünglich konzipiert von der Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, wurde vom Wiener Verein »Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz« für Österreich adaptiert und 2009 erstmals in Wien gezeigt. Ziel dieser Wanderausstellung ist es, die Rehabilitierung der Opfer der NS-Militärjustiz in der Öffentlichkeit voranzutreiben und zu einem würdigen Gedenken an diese Frauen und Männer beizutragen. Die Präsentation der Ausstellung in Wien lieferte dabei auch den entscheidenden Impuls zur vollständigen politischen Rehabilitierung. Mit dem »Anerkennungs- und Rehabilitationsgesetz«, das am 1. Dezember 2009 in Kraft getreten ist, hob die Republik Österreich die Urteile der NS-Militärjustiz pauschal auf und erkannte Desertion ausdrücklich als Akt des Widerstandes an.
Die Ausstellung richtet sich besonders an Schulklassen und deren Lehrpersonen sowie an Präsenzdienstleistende. Um die notwendige Sensibilisierung für das Thema zu erzielen, bietet die Ausstellung zielgruppengerechte Führungen sowie ein ergänzendes Begleitprogramm an. Der Eintritt in die Ausstellung ist frei.
Eröffnung: 9. September 2010, 19.30 Uhr
Dauer: 10. September bis 9. Oktober 2010
Ort: Künstlerhaus, Goethepark 1, 9020 Klagenfurt/Celovec
Mo, Di, Mi und Fr 10.00 – 18.00 Uhr
Do 10.00 – 20.00 Uhr
Sa 9.00 – 13.00 Uhr
Der Eintritt ist frei
Führungen:
Schulklassen, Wehrdienstleistende und Zivildiener: 10 €
Private Gruppen (ab 5 Personen): 20 €
Bitte um Anmeldung unter:
Tel.: 0650 24 24 555 (Horst Ragusch)
E-Mail: hragusch@edu.uni-klu.ac.at
Presseinformation: - link
Begleitband zur Ausstellung: - link
Presse zur Ausstellungseröffnung:
Elke Fertschey: Sie leisteten dem Grauen Widerstand. Ausstellung im Künstlerhaus beleuchtet das Schicksal von Wehrmachtsdeserteuren und deren halbherzige Rehabilitierung. In: Kleine Zeitung" vom 05.09.2010:
Wo immer ich als Hitlersoldat hinkam, sah ich nur Grausamkeiten. Jetzt, da ich weiß, dass wir Slowenen unsere richtige Führung haben, wird mich der Hitler nicht mehr sehen!" So sprach der Kärntner Slowene Franc Pasterk aus Lobnig bei Eisenkappel, als er während eines Fronturlaubes vom elterlichen Hof aus zu den Partisanen desertierte. Sein Bruder Jurij Pasterk, am organisatorischen Aufbau des Widerstandes beteiligt, unterstützte ihn. Der gläubige Jurij, der in seinem Abschiedsbrief die Angehörigen bittet, seine
> Kinder "im echt christlichen Geiste" zu erziehen, wurde vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und 1943 hingerichtet.
Franc, der unter dem Partisanennamen Lenart ein gefeierter Bataillonskommandant wurde, starb nach einem Angriff auf den Gendarmerieposten Meica. Die Geschichte der Familie Pasterk, recherchiert von der Historikerin Lisa Rettl, wird ab 9. September in der Ausstellung "Was damals Recht war . . ." - Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht thematisiert. Die in Berlin von der Stiftung "Denkmal für die
ermordeten Juden Europas" initiierte und im Herbst 2009 in Wien gezeigte Ausstellung - ein wesentlicher Impuls zum "Anerkennungs- und Rehabilitationsgesetz", das am 1. Dezember in Kraft trat - wurde vom
Verein Industriekultur und Alltagsgeschichte unter Werner Koroschitz nach Kärnten gebracht.
"Desertion wurde zu einer nahezu kollektiv geteilten Erfahrung
eingezogener Kärntner-slowenischer Männer. Die Kärntner Slowenen und Sloweninnen unterschieden sich damit innerhalb Österreichs als einziges größeres Kollektiv - neben den Zeugen Jehovas als religiöser Gemeinschaft - auffallend vom Rest der österreichischen Wehrmachtssoldaten", schreibt
Ko-Kuratorin Rettl im Begleitband "Da machen wir nicht mehr mit", wo auch die Geschichte der katholischen Priester Anton Kutej, Stefan Messner sowie dessen Bruder Janko Messner vom Historiker Peter Pirker dargestellt wird.
Bestrafte Weigerung
Kutej, Kaplan in St. Michael ob Bleiburg, weigerte sich, den Militärpass zu unterfertigen, wurde von der Gestapo ins KZ Mauthausen und nach Dachau deportiert, wo er 1940 ums Leben kam. Stefan Messner hingegen gelang die Desertion aus der Wehrmacht nach Schweden, wo sich Bruno Kreisky um
Wehrmachtsdeserteure kümmerte. Janko Messners Desertionsversuche scheiterten mehrmals, zuletzt wurde ihm in Ostpreußen von der SS die rechte Hand zertrümmert.
"Wehrmachtsdeserteure waren in Deutschland und Österreich Jahrzehnte lang kein Thema. Ihre Weigerung, in Hitlers Vernichtungsfeldzug mit zu marschieren, blieb unbedankt. Sie waren vielmehr mit dem Vorwurf
konfrontiert, sie hätten Kameraden und Vaterland verraten", weisen die Ausstellungsmacher auf die Brisanz des Themas hin. Lange wurde übersehen, dass die Wehrmachtsjustiz ein willfähriges Instrument des
Vernichtungskrieges war, die Militärrichter - darunter auch der spätere Justizminister Otto Tschadek - vollstreckten 15.000 Todesurteile.
Erst 2005 beschloss der Nationalrat das "Anerkennungsgesetz 2005". 2009 hob die Republik Österreich die Urteile der NS-Militärjustiz und jene des Volksgerichtshofes auf und erkannte Desertion ausdrücklich als Akt des Widerstandes an. Deserteure und ihre Angehörigen haben Anspruch auf Opferfürsorge. Aber in Kärnten werden diesbezügliche Anträge Jahre lang nicht genehmigt, klagt Co-Kurator Pirker. Die Ausstellung soll Anstoß zu einem Bewusstseinswandel sein.
ORF-Kärnten Webseite: - link
Zu Ex-Justizminister Tschadek:
Christa Zöchling: Die gefälschte Biografie. In:"profil" Nr. 36/10 vom 06.09.2010
Zeitgeschichte. Der ehemalige SPÖ-Justizminister Otto Tschadek wurde gerühmt, die NS-Zeit mit Anstand hinter sich gebracht zu haben.Tatsächlich ist auch er ein Blutrichter gewesen.

