Israel sehen und doch nicht sterben

Mag. Susanne Schönbrunner, Erfahrungsbericht vom 21. Israel Seminar des BMUKK und erinnern.at

Als ich 1990 nach zwei Dienstjahren
von Wien nach NÖ übersiedelte und
hier zu unterrichten anfing, wurde ich
zum „Neulehrerseminar“ einberufen.
Meine Proteste, dieses schon einmal in
Wien genossen zu haben, halfen wenig.
Also hieß es die Betreuung für zwei
Kleinkinder zu organisieren, was ohne
Großmütter/-väter in der Umgebung
nicht so einfach war.
Beim Seminar versuchte ich, die graue
Eminenzin (Landesschulinspektorin)
davon zu überzeugen, dass meine Anwesenheit
eine Vergeudung von Steuermitteln
sei. Darauf wurde ich angeschletzt:
“Alle müssen das machen und Schlutz!“
Von da an hatte sie ein wachsames Auge
auf all meine (immer wieder auch kritischen)
Äußerungen – im Übrigen die
einzigen unter all den unsicheren Frischlingen.
Am zweiten Seminartag meinte sie,
meine Anwesenheit sei doch nicht nötig
und ich könne nach Hause fahren, was
ich, unter Hinweis auf bereits erfolgte
Organisation zu Hause und im Stillen
auf Kontakte zu neuen KollegInnen oder
doch noch etwas Interessantes hoffend,
ablehnte. Von da an war das Verhältnis
zwischen Eminenzin und mir festgelegt,
gelinde gesagt: beeinträchtigt.
Danach kamen Jahre engagierter Tätigkeit:
Schultheatergruppe, Projektunterricht
– in NÖ damals ein Fremdwort,
erst mit Hinweis auf den Projekterlass
möglich – und Projekte im In- und Ausland.
Auf die vielen kleinen und größeren
schönbrunnergelben, behosten oder wagenradbehuteten
Hürden einzugehen,
die den Weg wahrlich abwechslungsreich,
aber nicht karrieregekrönt machten,
würde nun vom Thema entfernen.
Nur eines habe ich in all den Jahren
gemieden: Die zentral organisierte, bürokratisierte
Fortbildung im Dienste
PC-gesteuerter (Wirtschafts-) Interessen,
kulturtouristischer Künstlichkeiten
und präsentationsgeiler Eingleisigkeiten
sowie Arbeitsgemeinschaften, die von
einer gemeinsamen Arbeit der KollegInnen
Milchstraßen entfernt wohl eher die
Umsetzung von monarchistischem Behördenwillen
zum Ziel haben.
Und dann: A Wunder! Größtes Masel
tov meiner 25-jährigen fortbildungsunwilligen
Nicht-Karriere. 14 Tage in
Israel, organisiert und bezahlt von Gottoberst
persönlich, dem BMUKK in Zusammenarbeit
mit erinnern.at, großzügig
genehmigt von der Eminenzin, weil
in den Ferien.
Der Nebensatz-Ankündigung, dass
selbstverständlich für alle Programmpunkte
Anwesenheitspflicht gelte, hätte
es nicht bedurft. Alle sind begierig, ja
hungrig, diese neue, exotische, widersprüchliche
und für manche von uns
zumindest teilweise doch so vertraute
Kultur aufzusaugen.
Beginnend beim Sabbatgottesdienst,
der meiner Empfindung nach eher das
Gemeinsame zwischen Judentum und
Christentum als das Trennende aufzeigt,
über Vorträge an der Erinnerungsstätte
Yad Vashem, in denen die österreichische,
die eigene (Familien-)Geschichte,
lange totgeschwiegen, wieder brennend
aktuell wird, bis zur Diskussion um Museumskonzepte
und Gedenkstättenpädagogik
spannt sich der Faden in einer
Woche Jerusalem.
Die atemberaubende Landschaft am
Toten Meer, in Massada und am See
Genezareth mit ihren Relikten des 6 Tagekrieges
von 1967 auf den Golanhöhen
und auf dem Weg von Jerusalem nach
Tel Aviv erzeugen eine gewisse Beklemmung,
die bei opulenten Frühstücksbuffets,
schmackhaftem Humus und
geschmacklosen Riesen-Plastikwaffen
in den Händen dreijähriger arabischer
Knirpse nur zwischendurch vergeht.
Überhaupt sind die Widersprüchlichkeiten
menschlichen Zusammenlebens
hier konzentriert wie unter dem Brennglas
der unablässig 33 und mehr Grad
erzeugenden Sonne.
Holocaust-überlebende Greisinnen behandeln
arabische Kellner wie römische
Sklaven, andere laden dich – obwohl Österreicher
hier tatsächlich pauschal als
Hitlers Landsleute empfunden werden –
zu sich nach Hause zum Kaffee ein.
Dazwischen zaghafte aber beharrliche
Versuche, in pädagogisch gut durchdachten
und abwechslungsreichen Projekten
arabische und jüdische Jugendliche im
Center for Humanistic Studies in Beit
Lohamei Haghetaot, im Ghetto Fighters
Kibbutz, zusammen und auf den Weg
der Koexistenz zu führen.
Tel Aviv, die Weiße, Architekturparadies,
Strandparadies, Shoppingparadies,
lenkt ab von Anschlägen, aber am Jaffa
Markt lässt ein arabischer Händler seine
Wut an meinem alten Hut aus, als ich, die
westliche Europäerin oder Amerikanerin
(so klar wird das hier nicht getrennt)
beim Versuch einen neuen zu erstehen,
das tue, was alle hier tun: Handeln.
Ein abwechslungsreiches Programm
lässt keine Langeweile aufkommen.
Vorträge, Workshops, Museumsbesuche,
Diskussionen, Exkursionen und Konzessionen
an die allgegenwärtige Hitze lassen
dich eintauchen ins Tote Meer ohne
unterzugehen oder im Schweiß versinken,
je nach Betrachtungsweise, denn
hier ist der Ursprung der Dialektik, die
nur in einer Frage an ihre Grenzen stößt:
Araber oder Palästinenser?
Aber zur Dikussion dieser Frage kommen
wir hier nicht mehr, ist der Begriff
Palästina doch scheinbar das einzige
Tabu, das einem hier begegnet.
Und die Seminarleitung? Ja, das Beste
kommt immer am Schluss! Mag.
Elisabeth Streibel, immer eine gute Figur
abgebend, ob bei kritischen Fragen
an unseren Betreuer von Yad Vashem,
Daniel Rozenga, oder in Verhandlungen
mit nicht ganz lupenreinen Taxichauffeuren,
ob inhaltlich-fachlich oder
organisatorisch-menschlich immer eine
Augenweide der Gelassenheit, ein olfaktorischer
und auch nach logischen
Kriterien ein Genuss. Zusammen mit
der unauffälligen aber allgegenwärtigen
Unterstützung durch ihren gipsarmbehinderten
Bruder Dr. Robert Streibel, ob
auf der gepäckschwangeren Reise oder
auf temporeichen Fußmärschen, bewandert
in historischen Sachfragen, Restaurant-
Empfehlungen und Ortskenntnissen
ergibt das eine Symbiose, die sicher einzigartig
und unnachahmlich ist.

Susanne Schönbrunner,

 

In: Kreidekreis, Die Zeitung der österreichischen LehrerInnen Initiative - Unabhängige GewerkschafterInnen für mehr Demokratie, Nr. 11, 2011, Seite 10

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