Stele mit Informationen zur jüdischen Geschichte im Stadtzentrum von Wiener Neustadt

Im Sommer 2014 wurde in Wiener Neustadt der Allerheiligenplatz neu gestaltet. Im Rahmen der Überlegungen brachte sich auch der Historiker Mag. Dr. Werner Sulzgruber ein, dem es ein großes Anliegen war, dass auch an die Geschichte der jüdischen Gemeinde erinnert wird.

 

Neugestaltung des Allerheiligenplatzes
Im Sommer 2014 wurde in Wiener Neustadt der Allerheiligenplatz neu gestaltet. Im Rahmen der Überlegungen brachte sich auch der Historiker Mag. Dr. Werner Sulzgruber ein, dem es ein großes Anliegen war, dass auch an die Geschichte der jüdischen Gemeinde erinnert wird. Denn auf dem Areal hatte die jüdische Bevölkerung einst ihr religiöses Zentrum innerhalb des jüdischen Viertels.
Im Mittelalter war der heutige Allerheiligenplatz wahrscheinlich verbaut gewesen. Die „Judenschulgasse“ führte damals zur Synagoge (Allerheiligenplatz 1). Mehrere Einrichtungen befanden sich im Bereich des heutigen Platzes, beispielsweise das jüdische Spital, die Fleischbank und eine Mikwe.
Sulzgrubers „Allerheiligenplatz-Initiative“ zur Erforschung der Geschichte des Platzes
Der zufällige Fund eines mittelalterlichen Brunnens und eines Mauerrestes auf dem Areal des Allerheiligenplatzes in Wiener Neustadt im April 2014 gab Anlass dazu, der Frage nach tatsächlichen mittelalterlichen Baustrukturen nachzugehen. Anfänglich versuchte Sulzgruber zu klären, ob es sich bei dem Fund möglicherweise um (vielleicht baulich veränderte) Reste eines rituellen Tauchbades, der Mikwe, der jüdischen Gemeinde der Neustadt gehandelt haben könnte. Doch die Grabungsbefunde boten nicht nur zu wenige Informationen, um sich auf eine Mikwe festzulegen, sondern die zu Rate gezogenen Experten schlossen letztlich alle aus, dass ein Zusammenhang zwischen Brunnen/Mauer und Mikwe besteht.
Es könnte sich um die Reste eines „Brunnenhauses“ handeln. Der vorhandene Brunnen könnte der Wasserversorgung des Tauchbades gedient haben.
Um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, wurde von Sulzgruber die so genannte „Allerheiligenplatz-Initiative“ ins Leben gerufen: ein Forschungsprojekt über das gesamte Areal. Zum ersten Mal wurde über das Gebiet eine Untersuchung vorgenommen, die nicht nur ein intensives Quellenstudium beinhaltete, sondern auch eine archäologische Prüfung (mit Unterstützung von Mag. Ralf Gröninger) einschloss. Es konnte unter anderem erforscht werden, dass insgesamt zwei Brunnen aus mittelalterlicher Zeit existieren ‒ sowohl am Allerheiligenplatz und (wie bisher nie dokumentiert worden war) im Keller des Hauses Allerheiligenplatzes 3. Alle mittelalterlichen Baubestände wurde außerdem erstmals fotografisch dokumentiert.
Die Ergebnisse des Forschungsprojektes von Dr. Sulzgruber sind in der Zeitschrift „Unser Neustadt“ 3/2014 nachzulesen. Die Ausgabe ist gänzlich der jüdischen Geschichte des Ortes gewidmet und enthält zentrale Aufnahmen aus der Foto-Dokumentation des Forschungsprojektes: - link
Endlich geschafft“: Bodenmarkierung und Informationsstele
In Zusammenarbeit mit Herrn Dipl.-Ing. Herbert Rauhofer, der für die Neugestaltung des Allerheiligenplatzes verantwortlich war, wurde seit dem  Frühjahr 2014 die Idee einer Stele sowie einer Bodenmarkierung verfolgt. Jene sollte sich passend in die Neugestaltung des Platzes einfügen, vorhandenes Wissen sollte kompakt und anschaulich präsentiert sein sowie letztlich diese Stelenform ein Beispiel für weitere Informationsstelen in Wiener Neustadt sein. Dr. Sulzgruber, der sich sofort bereit erklärt hatte, für die Inhalte der Stele (Texte, Abbildungen, Layout-Entwurf) tätig zu werden, waren zum einen Geradlinigkeit & schlichte Ästhetik im Aussehen der Stele sowie zum anderen rasche Erfassbar-/Anschaulichkeit (z. B. im Kontext mit den Bodenmarkierungen) & natürlich Verständlichkeit in der Text- und Bildinformation besonders wichtig.
Werner Sulzgruber meinte dazu: „Seit Jahren habe ich mir gewünscht, dass man auf dem Allerheiligenplatz auch etwas zur jüdischen Geschichte erfährt, denn das Areal bildete im Mittelalter das Zentrum der jüdischen Gemeinde bzw. des jüdischen Viertels der Neustadt. Bis 1938 waren hier jüdische Händler und Geschäftsleute ansässig. Das Gebäude Allerheiligenplatz 1, in dem sich seit langem ein Kaffeehaus befindet, steht auf der Fläche der einstigen Synagoge. Der Allerheiligenplatz ist ein wichtiger Erinnerungsort!“
Mit der Produktion der Stele im Herbst konnten die aktuellen Forschungsergebnisse in den Inhalt auf der Stele einfließen. Kurz vor Weihnachten 2014 wurde somit ein lange andauernder Entwicklungsprozess erfolgreich abgeschlossen und es kam zur Aufstellung nahe der Bodenmarkierungen (für den Brunnenschacht sowie den freigelegten Mauerabschnitt).
Passanten und kulturinteressierten Touristen werden nunmehr über die Geschichte des Platzes und das jüdische Viertel informiert. Nach Meinung des Historikers Werner Sulzgruber „ein längst überfälliger Schritt, dass an diesem Erinnerungsort für jedermann etwas zur jüdischen Geschichte auf historischem Boden nachlesbar ist.“