Der Novemberpogrom 1938 in Linz – Ausschreitungen in der ganzen Stadt

Vor 80 Jahren begann mit dem Novemberpogrom die systematische Vertreibung, Enteignung und dann Vernichtung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Aus diesem Anlass möchten wir Geschichten der Verfolgung aus allen Bundesländern aufzeigen und in Erinnerung halten.

Am 7. November 1938 schießt in Paris der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan auf das deutsche Botschaftsmitglied Ernst vom Rath. Als der Diplomat zwei Tage später stirbt, hat das NS-Regime einen willkommenen Vorwand, gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen. Am 9. und 10. November kommt es im gesamten Deutschen Reich zu brutalen Ausschreitungen, die genau geplant sind.

In Linz verhaften die Nationalsozialisten schon am 8. November eine Reihe jüdischer Männer. In den Nachtstunden des 10. November versammeln sich SA-Männer vor der Synagoge in der Bethlehemstraße. Erst plündern sie das Bethaus, dann zünden sie es an. Familie Hesky lebt in einem angrenzenden Zimmer und möchte sich in Sicherheit bringen, doch ein SA-Führer sperrt von außen ab. Der Tempel brennt lichterloh, die Familie ruft panisch nach Hilfe, droht im Rauch, der das Zimmer füllt, zu ersticken. Im letzten Moment öffnet ein SA-Mann die Türe. Ein Anrainer setzt sich nahe dem Eingang des Tempels nieder und stimmt inmitten des Leides höhnisch einen hebräisch klingenden Singsang an. „Das Gegröle des angesammelten Pöbels dankte ihm für seine ‚humoristische‘ Vorstellung“, erinnert sich Karl Löwy, der diese Szene erschüttert beobachtet. Auch Margarethe Adelberg sieht von ihrer Wohnung aus die Synagoge brennen. Sie ist außer sich vor Sorge um ihre Familie und kann sich nicht mehr beruhigen. Die alte Frau erleidet einen Herzanfall, an dem sie wenige Stunden später stirbt.

Im Lauf der Nacht breiten sich die Ausschreitungen auf die ganze Stadt aus. SA-Männer durchkämmen die Wohnungen der Linzer Juden und Jüdinnen und befehlen ihnen, die Stadt innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Dabei scheuen einige nicht davor zurück, sexuelle Gewalt gegen Frauen auszuüben.

Die Bevölkerung reagiert unterschiedlich auf den Pogrom. Manche nutzen die Gelegenheit, sich zu bereichern. Die allermeisten nehmen die Ausschreitungen achselzuckend hin, auch wenn sie diese Vorgänge nicht unbedingt befürworten. Nur zwei Linzer protestieren bei den NS-Behörden gegen die Übergriffe.

Vor 80 Jahren begann mit dem Novemberpogrom die systematische Vertreibung, Enteignung und dann Vernichtung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Aus diesem Anlass möchten wir Geschichten der Verfolgung aus allen Bundesländern aufzeigen und in Erinnerung halten. Die Berichte stammen großteils aus unseren Sachbüchern „Nationalsozialismus in den Bundesländern“. Hier finden Sie die Berichte über den Novemberpogrom aus allen Bundesländern: - Link


Buch: "Nationalsozialismus in Oberösterreich. Opfer – Täter – Gegner" von Dr. Christian Angerer und Dr. Maria Ecker

 

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Die ausgebrannte Synagoge mit Schaulustigen und Feuerwehrleuten. Die Feuerwehr ist zwar beim Brand anwesend, sorgt aber nur dafür, dass das Feuer nicht auf benachbarte Gebäude übergreift. (Bildnachweis: Archiv der Stadt Linz)
Die ausgebrannte Synagoge mit Schaulustigen und Feuerwehrleuten. Die Feuerwehr ist zwar beim Brand anwesend, sorgt aber nur dafür, dass das Feuer nicht auf benachbarte Gebäude übergreift. (Bildnachweis: Archiv der Stadt Linz)
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