nirgendwohin. Todesmärsche durch Oberösterreich 1945. Eine Spurensuche in die Zukunft

Das von Ines Bernt-Koppensteiner herausgegebene Buch zeichnet die Todesmärsche der ungarischen Juden und Jüdinnen durch Oberösterreich im April 1945 nach und reflektiert Möglichkeiten einer Erinnerungskultur, die Perspektiven für die Zukunft eröffnet.

Der Titel „nirgendwohin“ deutet auf die Perspektivenlosigkeit der ungarischen Jüdinnen und Juden hin, die zu Tausenden im April 1945 in wochenlangen Todesmärschen vom sogenannten Südostwall, wo sie monatelang schwerste Schanzarbeiten mit primitiven Werkzeugen hatten leisten müssen, quer durch Österreich in das völlig überfüllte KZ Mauthausen und weiter ins provisorisch angelegte, unfertige KZ Gunskirchen. Die Bewacher dieser entrechteten Menschen stammten aus der Mitte der Gesellschaft: örtliche Volkssturmmänner und Gendarmen unter Aufsicht einiger SS-Chargen. Sie mussten bis zu vierzig Kilometer pro Tag meistens ohne Verpflegung zurücklegen. Wer nicht mehr weiter konnte, wurde oftmals an Ort und Stelle erschlagen, erschossen oder starb an Erschöpfung im Straßengraben.

Auch aus den Außenlagern des KZ-Komplexes Mauthausen im Raum „Groß-Wien“ und der Steiermark wurden zur selben Zeit die geschwächten Häftlinge meist auch zu Fuß in Evakuierungstransporten ins Stammlager bzw. in die KZ-Außenlager Ebensee und Steyr getrieben.

Im Kapitel „erinnern – gedenken – handeln“ fragen sich Waltraud Neuhauser-Pfeiffer und Erwin Dorn, welche transgenerationalen Auswirkungen die Erlebnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus auf die nachfolgenden Generationen haben, wie an jene Ereignisse erinnert werden kann, damit aus der Gegenwart heraus Zukunft gestaltbar wird und was notwendig ist, um eine Gedenkkultur neuen Formats zu ermöglichen.

Sie wollen Anstoß für einen neuen pädagogischen Umgang mit Erinnerungskultur geben. Wie kann zeitgemäßes Erinnern aussehen? Was ist nötig, um eine neue Gedenkkultur zu ermöglichen und verantwortungsvolles Handeln zu begründen? Der Umgang mit der Erinnerung an die Shoa muss neu überdacht werden. Der psychoanalytische Blick hielt in den letzten Jahren verstärkt Einzug in die Erinnerungskultur. Es bedarf neuer Erinnerungsmodelle für die dritte und vierte Generation nach dem Holocaust. Aus diesen Fragen soll ein neues pädagogisches Konzept anhand der Erinnerung an die "Todesmärsche" entwickelt werden.

Ines Bernt-Koppensteiner (Hg.): nirgendwohin. Todesmärsche durch Oberösterreich 1945. Eine Spurensuche in die Zukunft, Steyr: Ennsthaler 2015. (468 Seiten, € 34,00)

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