Antisemitismuskritischer Unterricht – Materialienauswahl im Rahmen der Aktionstage Politische Bildung 2019

_erinnern.at_ stellt im Rahmen der Aktionstage Politische Bildung 2019 eine Auswahl an Unterrichtsmaterialien und Anregungen für die Bearbeitung von Antisemitismus in der Schule bereit.

Im Rahmen der Aktionstage Politische Bildung 2019 stellt _erinnern.at_ eine Auswahl an Unterrichtsmaterialien und Anregungen für die Bearbeitung von Antisemitismus in der Schule bereit. Antisemitismus ist der Hass auf jüdische Menschen, der sich ganz unterschiedlich ausdrücken kann und der immer eine Bedrohung für Jüdinnen und Juden darstellt. In Österreich zeigen Umfragen, dass etwa ein Drittel der Befragten antisemitischen Behauptungen zustimmt. Mit welchen Materialien über und gegen Antisemitismus gelernt werden kann zeigt diese Auswahl an Materialien.

 

Was ist Antisemitismus?

 

Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) nahm im Mai 2016 die Arbeitsdefinition von Antisemitismus an, die von vielen IHRA-Mitgliedstaaten, darunter auch Österreich, übernommen wurde:

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“

Über diese Kerndefinition hinaus kann Antisemitismus eingehender beschrieben werden. Antisemitismus ist eine Phantasie über Jüdinnen und Juden, die durch Zuschreibung von negativen Eigenschaften als bedrohliche „Andere“ konstruiert werden.

Antisemitismus ist eine Weltanschauung, in der eine unüberschaubare Welt durch die Konstruktion von Jüdinnen und Juden als mächtigem Feindbild begreifbar wird und die im Kampf gegen Jüdinnen und Juden eine einfache Handlungsoption eröffnet. Sie lenkt den Hass auf die Mächtigen und auf ungerechte Verhältnisse um auf jüdische Menschen bzw. auf das Konstrukt „die Juden“, welche als übermächtig phantasiert werden. Antisemitismus funktioniert durch Abgrenzung der Eigengruppe von der Fremdgruppe, die als die "Anderen" stereotypisiert und abgewertet wird (z.B. als Drahtzieher der internationalen Finanzwelt oder durch Zuweisung von negativen körperlichen Attributen oder Bezweiflung der moralischen Integrität). Die Eigengruppe, das „Wir“, wird durch diese Abgrenzung von „den Anderen“ stabilisiert und aufgewertet.

Bei Antisemitismus geht es häufig um Hass auf Jüdinnen und Juden bzw. um eine Ermächtigung, aufgestauten Hass auf Jüdinnen und Juden abzuleiten. Dies geschieht gerade in den Neuen Medien wie YouTube, Twitter, Facebook in extrem brutalisierter Sprache, wie sie im direkten Umgang seltener zu finden ist.

Antisemitismus passt sich an die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und kulturellen Verkehrsformen an: er wird jeweils neu „codiert“ – als religiöser Antisemitismus, der sich Z.B. gegen „die Juden“ als Christusmörder richtet oder gegen „die Juden“ als Feinde des Islam, als rassistischen Antisemitismus, als Weltverschwörungs-Antisemitismus, als gegen Israel gerichteter Antizionismus.

Antisemitismus kann sich auch gegen Israel und die jüdische Bevölkerung Israels richten, etwa wenn das Existenzrecht Israels bestritten wird. Auch ist es antisemitisch, wenn jüdische Bürgerinnen und Bürger etwa Österreichs für israelische Politik verantwortlich gemacht werden.

Judenfeindschaft gibt es schon lange, in Österreich vor allem wegen der Abgrenzung des Christentums von der jüdischen Vorgängerreligion, sowie im Kontext von politischen, kulturellen, sozialen und ökonomischen Umbruchs- und Krisenzeiten durch die Zuweisung der Rolle des „Sündenbocks“. Die Nationalsozialisten ermordeten Jüdinnen und Juden im Holocaust mit einer rassistischen Begründung. Antisemitismus soll von der Last der Erinnerung an den Holocaust befreien, wenn Jüdinnen und Juden als Menschen abgewertet und in einem Akt der Täter-Opfer-Umkehr und Schuldabwehr als Täter dargestellt werden.

Heute tritt Antisemitismus in Österreich u.a. in Erscheinung:

-        Als „Schuldabwehr-Antisemitismus“. Vorwurf: Die Juden sind selber schuld an den Verfolgungen. Akteure sind hier v.a. die konservative und deutschnationale Rechte.

-        Als Antisemitismus im Zusammenhang mit den Konflikten um Israel. Vorwurf: Die Juden dort verhalten sich gleich wie die Nazis. Der jüdische Staat muss verschwinden. Akteure sind hier u.a. Teile der Linken sowie Teile der zugewanderten Muslime.

-        Verschwörungs-Antisemitismus. Vorwurf: Mächtige Juden wie George Soros steuern insgeheim die Welt. Akteure: Finden sich unter den VertreterInnen aller politischer Richtungen.

 

Warum ist es wichtig, über Antisemitismus aufzuklären?

 

Weil Antisemitismus eine Form von Hass ist, welcher sowohl die attackierten Menschen schädigt wie auch der Gesellschaft als solcher Schaden zufügt.

Weil in Österreich Studien bei etwa einem Drittel der Bevölkerung Antisemitismus in den verschiedenen Ausprägungen, doch insbesondere als „traditioneller Antisemitismus“, „israel-bezogener Antisemitismus“ und „sekundärer Antisemitismus“ feststellten.

Weil es antisemitische Gewalttaten gibt.

Wegen der antisemitischen Angriffe auf Jüdinnen und Juden in den neuen Medien.

Weil Antisemitismus für Jüdinnen und Juden ein Problem ist und sich Jüdinnen und Juden vor antisemitischen Angriffen fürchten.

Weil durch Antisemitismus Jüdinnen und Juden entmenschlicht werden und damit unsere Gesellschaft an sich Schaden nimmt.

Weil öffentlicher Diskurs und Politik sich immer wieder darauf beziehen.

Weil der Umgang mit der jüdischen Minderheit anzeigt, wie es um die Gesellschaft bestellt ist.

Weil die Ablenkung auf Sündenböcke verhindert, dass tatsächliche Probleme offen gelegt und Lösungen gesucht werden.

Weil die Solidarität mit angegriffenen Jüdinnen und Juden wichtig ist.

Weil Antisemitismus das Einfallstor für antiliberale und antidemokratische Geistes- und Werthaltung ist.

 

 

Wie kann Antisemitismus bearbeitet werden?

 

Zuerst braucht es eine Diagnose: Was liegt vor? Welche Aussagen? Welche Sprecher – wie motiviert? Welcher Kontext?

Dazu braucht es Kenntnisse:

Kenntnis psychosozialer Mechanismen: Schuldabwehr, Sündenbock, Verschwörungstheorie, Gruppenbildung durch Feindbilder…

Kenntnisse über die verschiedenen „Codierungen“ von Antisemitismus: Antisemitismus muss „gelesen“ werden können. Z.B. die Figur des mächtigen Bankier.

Kenntnisse zu Judentum und Israel: 50% der Juden sind nicht Israelis und 20% der Israelis sind keine Juden.

Kenntnis über Judentum in Österreich und die innerjüdischen Kontroversen um israelische Politik.

Kenntnis über Israel als gesellschaftlich/ politisch diverser Staat.

Kenntnis über Instrumentalisierung von Antisemitismus:

-        Antisemitismus als Instrument zur Vereinigung gegensätzlicher sozialer Positionen und zur Mobilisierung von Wut;

-        Antizionismus als Deckbegriff für Antisemitismus, v.a. von Teilen der antiimperialistischen Linken;

-        Antisemitismus-Vorwurf als Instrument zur Mobilisierung gegen zugewanderte Muslime, v.a. von der antisemitischen Rechten.

Kenntnis über Mechanismen und Mobilisierungsstrategien in den sozialen Medien (Foren, Facebook, Youtube, Twitter, Instagram…)

Ganz wesentlich bei der Bearbeitung von Antisemitismus ist die Akzeptanz der Tatsache, dass jede Form von bei uns auftretendem Antisemitismus, gleich von wem er formuliert wird, unser Antisemitismus und unser Problem ist.

Auch ist es wesentlich, eine Beziehung zu Schülerinnen und Schülern aufzubauen und zu bewahren, welche sowohl das Ansprechen von Inhalten als auch von persönlichen Hintergründen zulässt. Es geht bei Antisemitismus immer zugleich um die Klärung von Emotionen wie um die Dekonstruktion von Rhetorik.

Auch für die Bearbeitung von Antisemitismus im Netz hat es sich bewährt, persönlichen Kontakt mit denjenigen zu suchen, welche sich in der Distanz und Anonymität des Netzes antisemitisch äußern.

 

Mit welchen Materialien kann über und gegen Antisemitismus gelernt werden?

 

Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung​

 

Palästina, Israel und der Nahe Osten​

abgelegt unter:
Die Aktionstage Politische Bildung finden 2019 von 23.04 bis 09.05 statt.
Die Aktionstage Politische Bildung finden 2019 von 23.04 bis 09.05 statt.
„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“
„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“
Kombinat Media Gestalteer GmbH