Stellungnahme zur Studie "NS-Geschichtsbewusstsein und autoritäre Einstellungen in Österreich"

Eine Stellungnahme von _erinnern.at_ zur im April 2017 veröffentlichten SORA-Studie.

Die Studie[1] beruht auf der telefonischen Befragung einer Stichprobe der österreichischen Bevölkerung älter als 15 Jahre zwischen Februar und März 2017. Die Kernergebnisse werden auf der Website von SORA folgendermaßen subsummiert:

  1. NS-Geschichtsbewusstsein: Opfermythos schwindet.
  2. Acht von zehn stehen hinter der Demokratie.
  3. Zunehmender Eindruck, dass Demokratie nicht richtig funktioniert.
  4. Gefühle der Unsicherheit und Ohnmacht.
  5. Vier von zehn für „starken Mann“, der Österreich regiert.

 

Die Studie beschäftigt sich dezidiert nicht mit historischem Wissen, sondern verbindet Einschätzungen und Wertungen der Geschichte des Nationalsozialismus (als Geschichtsbewusstsein bezeichnet) mit Einschätzungen und Wertungen von Demokratie, gesellschaftlicher Unsicherheit und autoritären Tendenzen (als Demokratiebewusstsein bezeichnet).

Wie schon in der Vorgänger-Studie aus dem Jahre 2014 wird ein klarer Zusammenhang zwischen formaler Bildung und gesellschaftlich gewünschtem Geschichtsbewusstsein konstatiert: Mit höherer Bildung werden der Nationalsozialismus deutlicher abgelehnt und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus für wesentlicher empfunden. Auch wird bei höherer Bildung ein höheres Maß an Zufriedenheit mit der Demokratie und eine deutlichere Ablehnung eines „starken Mannes“ festgestellt.

Die Studie bietet auf mehreren Ebenen Anlass zur Diskussion, sei es, dass sie von einem recht trivialen Verständnis der Begriffe „Geschichtsbewusstsein“ und auch „Demokratiebewusstsein“[2] ausgeht, seien es einzelne Items[3] oder sei es die methodische Frage nach den Auswirkungen einer fünfteiligen Likert-Skala im Gegensatz zu einer vierteiligen.[4]

Sowohl in den Schlussfolgerungen der Studie 2014 wie auch in Stellungnahmen in den Medien durch die für die Studie 2017 Verantwortlichen (Oliver Rathkolb, Günther Ogris) wird neben der Stärkung der Politischen Bildung auch die Stärkung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht gefordert.[5]

_erinnern.at_ nimmt den großen Stellenwert des schulischen Unterrichts über Nationalsozialismus und Holocaust mit Befriedigung zur Kenntnis und stellt folgende Schlussfolgerungen zur Diskussion:

  1. Nationalsozialismus und  Holocaust sind relevante Bildungsinhalte, weil sie tiefgreifende Veränderungen für die österreichische und europäische Gesellschaft bezeichnen, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen - und weil Österreicherinnen und Österreicher dazu eine Position finden müssen.
  2. Im Hinblick auf die notwendige Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust bestehen in Österreich große Differenzen zwischen den höheren und mittleren Schulen und den Berufsschulen.
  3. Die allgemeinbildenden und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (AHS, BMHS) sind trotz der rezenten Stundenkürzungen des Geschichtsunterrichts relativ gut für eine intensivere Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust gerüstet.
    Die Themen sind in den Lehrplänen verankert und werden von den Schulbüchern in zumeist ansprechender Qualität abgedeckt. _erinnern.at_ setzt seit Jahren Initiativen zur Weiterentwicklung der Schulbücher und Fortbildung der Lehrpersonen sowie bietet Unterrichtsmaterialien an.
  4. Etwa 40 Prozent der österreichischen Jugendlichen besuchen entweder Berufsschulen (ca. drei Viertel) oder beendeten nach der Pflichtschule den Schulbesuch.[6] Der besonderen Situation und den besonderen Bedürfnissen dieser Jugendlichen wird weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt.
  5. Die Berufsschulen, welche von fast einem Drittel aller österreichischen Jugendlichen besucht werden, bieten deutlich schlechtere Voraussetzungen für die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust: Sie muss innerhalb eines zeitlich auf 80 Stunden beschränkten Unterrichts zur politischen Bildung erfolgen. Sie ist in den Lehrplänen nicht dezidiert vorgesehen und die Schulbücher bieten keine geeigneten Lernanregungen. Zudem unterrichten vielfach Lehrpersonen, welche über keine ausreichende Fachausbildung verfügen (fachfremder Unterricht). Eine Lehramtsausbildung „Politische Bildung“ gibt es zwar, allerdings wird diese nur unzureichend angenommen.
  6. In der Ausbildung von Lehrpersonen für den Unterricht in Geschichte und Politischer Bildung in allen Schultypen sollte mehr Gewicht auf Nationalsozialismus und Holocaust als wesentlicher Lehrplaninhalt der Schulen gelegt werden. Die Zahl jener angehenden Lehrpersonen, welche mit dieser Geschichtsepoche in ihrer Ausbildung nicht angemessen in Berührung kommen, sollte reduziert werden.
  7. In den Berufsschulen sind sowohl Lehrpläne wie auch Schulbücher zu überarbeiten. _erinnern.at_ bietet hierfür Unterstützung an und kann auch eine systematische Fortbildung der Lehrpersonen offerieren (Schwerpunktjahr Berufsschulen).

Werner Dreier, Geschäftsführer von _erinnern.at_, unter Berücksichtigung der Beratungen des wissenschaftlichen Beirats von _erinnern.at_ vom 28.4.2017

 


[1] http://www.sora.at/nc/news-presse/news/news-einzelansicht/news/schon-43-fuer-starken-mann-776.html (eingesehen 1.5.2017).

[2] Einen knappen Überblick über Geschichtsbewusstsein als Kombination von Vergangenheitsdeutung, Zukunftserwartung und Gegenwartserfahrungen bietet das „E-Tutorium Geschichtsdidaktik“ der Universität Augsburg: http://gd.e-learning.imb-uni-augsburg.de/ (eingesehen 1.5.2017).

[3] Item: „Österreich war das erste Opfer des Nationalsozialismus“. Auf der Grundlage von historischer Kenntnis wäre dem Item zuzustimmen, wenn damit der Staat Österreich gemeint wäre. Das Item wäre abzulehnen, wäre damit die österreichische Gesellschaft gemeint.

[4] Die vierteilige bzw. jede geradzahlige Skala zwingt zur Festlegung auf positiv oder negativ, die fünfteilige bzw. ungeradzahlige Skala ermöglicht mit „weiß nicht“ das Ausweichen und eröffnet Raum zur Verschleierung.

[5] Oliver Rathkolb im Interview mit dem „Standard“: http://derstandard.at/2000056141075/Studie-43-Prozent-wuenschen-sich-einen-starken-Mann (eingesehen 1.5.2017); Günther Ogris, Zur Stärkung der Demokratie in Österreich, Kommentar der Anderen, Der Standard, 26.4.2017 http://derstandard.at/2000056520767/Zur-Staerkung-der-Demokratie-in-Oesterreich (eingesehen 1.5.2017)

[6] Bildung in Zahlen 2015/16, bildung_in_zahlen_201516_schluesselindikatoren.pdf - https://www.statistik.at/web_de/services/publikationen/5/index.html (eingesehen 10.5.2017)

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