Edeltrud Posiles, „Gerechte unter den Völkern“, ist am Samstag, den 23. Juli 2016, 100-jährig in Wien gestorben.

Für die ihre Rettungsaktion erhielt sie die Ehrung „Gerechte unter den Völkern“ von Yad Vashem

Edeltrud Posiles und ihre Schwester Charlotte versteckten drei als Juden verfolgte Personen in einer kleinen Wohnung in Wien und retteten sie vor der Deportation in ein Konzentrationslager. Für diese gefährliche Rettungsaktion wurde Postiles 1979 der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem verliehen.

Ehrung durch Yad Vashem

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (hebräisch für "Denkmal und Name") verleiht den Titel „Gerechte unter den Völkern“ an Nichtjuden, die während des Holocaust Juden gerettet haben, indem sie sie versteckten oder ihnen zur Flucht verhalfen. Die Person wird auch geehrt, wenn die Rettung am Ende misslang. Allerdings muss es sich um eine Rettung ohne Gegenleistung handeln. Der Titel „Gerechte unter den Völkern" wird ausschließlich von Yad Vashem vergeben. Bis 2016 wurden insgesamt 26 120 Gerechte geehrt, darunter 107 aus Österreich.

Verbotene Beziehung

Edeltrud Becher lernte 1935 Walter Posiles kennen. 1938 wollte das junge Paar heiraten, doch die antisemitischen und rassistischen „Nürnberger Gesetze“ verboten die Eheschließung – die Beziehung zwischen sogenannten „Ariern“ und als Juden verfolgten Personen wurde unter Strafe gestellt. Walter Posiles flüchtete als tschechischer Staatsbürger nach Prag, Edeltrud wurde später bei der Gestapo als „Rassenschänderin“ angezeigt und entging der Strafverfolgung, indem sie nach Budapest zog, wo sie eineinhalb Jahre lebte.

Walter Posiles und Edeltrud Becher blieben in engem Kontakt, zweimal überquerte Walter die Grenze illegaler Weise um seine Geliebte in Wien zu treffen, in der ständigen Gefahr von den Behörden erwischt zu werden.

Versteck ab Juni 1942

Als ab 1942 die Deportationen von Juden aus dem Protektorat Böhmen und Mähren begannen, gelang Walter Posiles gemeinsam mit seinen Brüdern Hans, dessen Frau beging aus Angst vor der Deportation Selbstmord, und Ludwig die Flucht nach Wien.

In Wien wurden die drei Brüder von Edeltrud Becher und ihrer Schwester Charlotte von Juni 1942 bis zur Befreiung versteckt. Edeltrud mietete sich in die Atelierwohnung von Charlottes Verlobten ein, der zur Wehrmacht eingezogen wurde. Dem Verlobten wurde die Rettungsaktion in seiner Wohnung in der Neustiftgasse verheimlicht, daher mussten die Brüder während seiner Fronturlaube in anderen Wohnungen versteckt werden.

Die Rettungsaktion erfolgte nicht nur unter großer Gefahr für alle beteiligten HelferInnen, sie erforderte auch eine große organisatorische Leistung: Vier Personen lebten von nur einer Lebensmittelkarte, rationierte Lebensmittel mussten mühsam beschafft werden und geheime ärztliche Unterstützung bei Krankheit gefunden werden.

Neben dem täglichen Überlebenskampf setzte die Gruppe noch einige Widerstandsaktionen. So wurden Aufkleber mit Parolen gegen die Nationalsozialisten in Wien angebracht, Hans Posiles, der als früherer Major der tschechoslowakischen Armee technisch gebildet war, zerstörte einige Telefonleitungen und Edeltrud Becher sabotierte Rüstungsprodukte an ihrem Arbeitsplatz, einem Elektronikunternehmen.

Befreiung

Durch die Hilfe der Schwestern Becher überlebten die Brüder Posiles den Holocaust – mit Ausnahme von Hans Posiles, der kurz vor Kriegsende durch einen Bombenangriff ums Leben kam. Die geschiedene Frau von Walter und sein Sohn Erich wurden in einem Konzentrationslager ermordet.

Nach der Befreiung heirateten Walter und Edeltrud, die Ehe wurde in den 1960er Jahren geschieden. Edeltrud Posiles studierte Bildhauerei und später Kunstgeschichte und arbeitete für die Wiener Städtischen Büchereien, 1979 wurde ihr von Yad Vashem der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen. Edeltrud Posiles starb im Alter von 100 Jahren am 23. Juli 2016 im jüdischen Altersheim Maimonides-Zentrum in Wien.

 

Mehr Informationen:
Yad Vashem zu Edeltrud Posiles
Yad Vashem über die Gerechten unter den Völkern und über die Gerechten unter den Völkern aus Österreich
Die Stadt Wien über Edeltrud Posiles

Presseaussendung der IKG Wien zum Tod von Edeltrud Posiles

Artikel des DÖW zu Edeltrud Posiles

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Edeltrud Posiles 1943 (Foto: Yad Vashem Archives, Jerusalem)
Edeltrud Posiles 1943 (Foto: Yad Vashem Archives, Jerusalem)
Das Versteck in der Neustiftgasse 33  (Foto: Yad Vashem Archives, Jerusalem)
Das Versteck in der Neustiftgasse 33 (Foto: Yad Vashem Archives, Jerusalem)
„Gerechte unter den Völkern“ Ehrung 1979  (Foto: Yad Vashem Archives, Jerusalem)
„Gerechte unter den Völkern“ Ehrung 1979 (Foto: Yad Vashem Archives, Jerusalem)
Edeltrud Posiles bei der Arbeit als Bildhauerin (Foto: WStLA, Nachlass Posiles, FC)
Edeltrud Posiles bei der Arbeit als Bildhauerin (Foto: WStLA, Nachlass Posiles, FC)
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