Zeitzeuge und Theresienstadt-Überlebender Rudolf Gelbard in Wien verstorben

„Widerstehe den Anfängen, denn wenn eine Entwicklung sehr weit gediehen ist, muss man sehr viel Mut aufbringen“ - Prof. Rudolf Gelbard (1930 – 2018)

Der Zeitzeuge, Journalist, antifaschistische Aktivist und langjährige Funktionär im Bund Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen ist am 23.10.2018 nach langer schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren in Wien gestorben.

Eine Kindheit im KZ

Rudolf Gelbard wurde als Elfjähriger im Oktober 1942 als jüdisch Verfolgter gemeinsam mit seinen Eltern aus Wien in das KZ Theresienstadt deportiert. Die Gewalt der österreichischen Nationalsozialisten, unmittelbar nach der Ankunft, schockierte Gelbard. Über diese Ankunft sagt er,  „da war auch schon klar, dass hier etwas grauenhaftes auf uns zukommt“. Mindestens 15.000 Kinder wurden dort in sogenannten „Kinderheimen“ festgehalten. In diesen „Heimen“ kümmerten sich Erwachsene inhaftierte um die Kinder, Rudolf Gelbard schilderte in seinen Gesprächen oft das kinderfreundliche Engagement in dieser unmenschlichen Umgebung einiger zionistischer Betreuer. Von den nach Theresienstadt deportierten Kindern überlebten nur 150 bis 245. Rudolf Gelbard war eines dieser wenigen Kinder, gemeinsam mit seinen Eltern erlebte er die Befreiung am 5. Mai 1945.

 

Gelbard über seine die Deportation nach Theresienstadt

 

Gelebter Antifaschismus

Seine Familie kehrte nach der Befreiung nach Wien zurück, wo sich Gelbard fortan antifaschistisch engagierte und schon 1946 gegen alte und neue Nationalsozialisten auf die Straße ging: Bei einer Vorlesung über die Geschichte der Juden im Mittelalter kam es zu antisemitischen Tumulten, ausgelöst von deutschnationalen Burschenschaftern. AntifaschistInnen, darunter der sechzehnjährige Rudolf Gelbard und sein Vater, blockierten daraufhin die Universität Wien. Zwei Jahre beteiligte er sich an einer ähnlichen Aktion gegen die Gründungsversammlung des „Verbands der Rückstellungsbetroffenen", einem Verein für ehemalige „Ariseure“. Sein Engagement gegen die frühen Zusammenschlüsse ehemaliger und neuer Nationalsozialisten brachte ihm zahlreiche Verletzungen durch gewalttätige deutschnationale Burschenschafter ein. Auch im Zuge der "Borodajkevic-Affäre" war Gelbard mit auf der Straße. Gelbard war SPÖ Mitglied, schätzte und würdigte aber AntifaschistInnen aller politischen Couleur, er liebte und suchte die politische Diskussion.

Sein unermüdlicher Antifaschismus, sein aktives Eintreten für Menschenrechte – so es seine Gesundheit erlaubte besuchte er bis zuletzt Demonstrationen und Veranstaltungen gegen Antisemitismus und Rassismus – wird lange in Erinnerung bleiben. Er scheute keine Konfrontation und war jedem Gespräch bereit, sogar mit Holocaust-Leugnern, die er zu überzeugen versuchte.

 

Eine lebhafter Vermittler

Beruflich entschied sich Gelbard für den Journalismus, für den KURIER war er jahrzehntelang tätig. Sein Wissen, seine Erfahrungen und sein Engagement vermittelte er als aktiver Zeitzeuge an Schulen in ganz Österreich und in seiner regen Vortragstätigkeit, etwa für Jugendgruppen. Vielen brachte er die Brutalität der Nationalsozialisten näher, er erklärte, wie es dazu kommen konnte und forderte mit deutlichen Worten auf, für die Demokratie unerschrocken einzustehen. Sein unerbittliches Engagement gegen Rechtsextremismus und seine Begeisterung für die gelebte Demokratie wird gerade vielen Jugendlichen in Erinnerung bleiben. Zuletzt sprach er anlässlich einer Gedenkveranstatung an den „Anschluss“ im März 2018  im Bildungsministerium lebhaft zu SchülerInnen.

 

Hohe Anerkennung

Für seine aufklärerische Tätigkeit erhielt Gelbard zahlreiche Preise, ihm wurde der Berufstitel Professor verliehen. Seit 2008 wird vom Republikanischen Club - Neues Österreich der "Rudolf Gelbard Preis für Aufklärung gegen Faschismus und Antisemitismus" vergeben. Erst im Mai dieses Jahres hatte Faßmann Gelbard als Dank für seinen Einsatz einen Rosenstock im Volksgarten geschenkt. „Dieser Rosenstock soll nun an einen unermüdlichen Mahner und großen Österreicher erinnern", so Bildungsminister Faßmann.

 

Stimmen über Rudi Gelbard

„Rudolf Gelbard war ein wertvoller und wichtiger Zeitzeuge, mit seinen unzähligen Schulbesuchen und Gesprächen mit jungen Menschen hat er maßgeblich an einer aktiven Erinnerungspolitik beigetragen. Auch in Zeiten, wo es ihm gesundheitlich nicht so gut ging, hat er nicht aufgehört, zu betonen, dass Antisemitismus und nationalsozialistisches Gedankengut in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Wir werden sein Andenken bewahren und auch weiterhin in seinem Sinn der jungen Generation von der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust erzählen und so eine aktive Erinnerungspolitik in den Schulen erhalten,“ so Bildungsminister Faßmann zum Tod des Zeitzeugen.

Bundespräsident van der Bellen: „Ich bin tief betroffen über den Tod von Rudolf Gelbard. Mit ihm verliert Österreich einen wichtigen Zeitzeugen der Shoah, einen wachsamen Mahner vor Antisemitismus und Intoleranz sowie einen engagierten Kämpfer für Demokratie, Humanismus und Rechtsstaatlichkeit“.

„Wir werden Rudi Gelbard als einen erfahrenen und verlässlichen Mitstreiter vermissen. Mit ihm verlieren wir eine herausragende Persönlichkeit und einen engen Freund“, so IKG-Präsident Oskar Deutsch.

„Mit Prof. Rudi Gelbard verliert die Republik Österreich einen ihrer prononciertesten Mahner gegen antisemitische und revisionistische Tendenzen in unserer Gesellschaft, der unermüdlich für seine Überzeugungen und humanistische Ideale eintrat“, so die Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus Hannah Lessing.

„Prof. Rudolf Gelbard war ein umfassend interessierter Mann, der viel erlebt, beobachtet, recherchiert, dokumentiert und bewegt hat. Er war immer und überall. Rastlos in seinem Streben nach Aufklärung. Wie er bei Versammlungen und Veranstaltungen persönliche Erinnerungen, detailgenaues Wissen und brillante politische Analysen spannend vortrug, wird uns unvergessen bleiben. Bis zum Schluss besuchte er Veranstaltungen. Warnte vor dem völkisch gesinnten Ungeist und appellierte an den Verstand und für das Menschsein“, so Doron Rabinovici und Sibylle Summer, für den Vorstand des Republikanischen Clubs – Neues Österreich.

Martina Maschke und Manfred Wirtitsch für den Vorstand und das gesamte Team von _erinnern.at_ zeigen sich tief betroffen vom Ableben von Rudi Gelbard. Unser Mitgefühl ist bei seiner Familie und seinen Freundinnen und Freunden.

 

Mehr lesen:

ORF über Rudolf Gelbard:- Link

Washington Post zum Tod von Gelbard: - Link

OTS des BMBWF: - Link

Aussendung der IKG-Wien: - Link

DÖW über Rudolf Gelbard: - Link

Zeitzeugengespräch mit Rudolf Gelbard: - Link

Nachruf des KZ-Verbands: - Link

Portrait von Rudolf Gelbard in Wina: - Link

Kinder in Theresienstadt: - Link

In Memoriam - Website über Rudolf Gelbard: - Link

 

Dokumentarfilme über Rudolf Gelbard

"Der Mann auf dem Balkon. Rudolf Gelbard. KZ-Überlebender − Zeitzeuge − Homo Politicus". Dokumentarfilm von Kurt Brazda (2008; ORF/3sat)

"Die letzten Zeugen. Mit Marko Feingold, Rudolf Gelbard, Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici und Ari Rath". Aufzeichnung aus dem Wiener Burgtheater,  (2014, ORF). Teil 1 - Link Teil 2 - Link

abgelegt unter:
Prof. Rudolf Gelbard (1930 – 2018) Foto: Christian Michelides CC 4.0
Prof. Rudolf Gelbard (1930 – 2018) Foto: Christian Michelides CC 4.0
Gelbards lebhafte Art wird vielen SchülerInnen in Erinnerung bleiben. Hier zusehen nach einem seiner letzten Zeitzeugengespräche, im Gespräch mit SchülerInnen im Bildungsministerium.
Gelbards lebhafte Art wird vielen SchülerInnen in Erinnerung bleiben. Hier zusehen nach einem seiner letzten Zeitzeugengespräche, im Gespräch mit SchülerInnen im Bildungsministerium.
Prof. Rudolf Gelbard mit Inge Gelbard und Bildungsminister Prof. Faßmann mit dem nach ihm benannten Rosenstock im Mai 2018.
Prof. Rudolf Gelbard mit Inge Gelbard und Bildungsminister Prof. Faßmann mit dem nach ihm benannten Rosenstock im Mai 2018.
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