Zeitzeugin Suzanne-Lucienne Rabinovici verstorben

„Vergesst uns nicht! Erzählt es weiter!“ - Suzanne-Lucienne Rabinovici (1932 - 2019)

Suzanne-Lucienne Rabinovici überlebte das Ghetto von Wilna, mehrere Konzentrationslager und einen Todesmarsch. Rabinovici hielt ihre Überlebensgeschichte in ihrer Autobiographie „Dank meiner Mutter“ fest. Als Zeitzeugin trat sie ab 2013 im Wiener Burgtheater im Stück "Die letzten Zeugen" auf, das vom Schriftsteller Doron Rabinovici, ihrem Sohn, und dem Theatermacher Matthias Hartmann konzipiert worden war. Am 02. August 2019 ist sie mit 86 Jahren verstorben.

 

"Von diesem Tag an hörten wir Kinder auf zu spielen" - Als achtjährige im Ghetto

Rabinovici wurde 1932 in Paris, als Suzanne-Lucienne Weksler, als Kind zweier Medizinstudierenden aus Vilnius geboren. Die Familie kehrte Ende der 30er Jahre nach Vilnius zurück, das ab 1941 unter deutscher Besatzung stand. Ihr Vater wurde unmittelbar nach der deutschen Übernahme im Massaker von Ponary von der Einsatzgruppe B ermordet.

Gemeinsam mit ihrer Mutter, die über die ganze Internierungszeit bei ihr blieb, wurde Suzanne-Lucienne Rabinovici ins Ghetto Wilna deportiert. Später in ihrer Autobiographie wird sie die Verhaftung und Deportation ins Ghetto als Ende ihrer Kindheit beschreiben: „Es begann sich eine andere Kindheit zu entwickeln, eine reale, harte Kindheit, nicht die verspielte. Obwohl ich noch lange glaubte, dass es ein Spiel ist, dass es nicht real ist“. ZuhörerInnen ihrer Erzählungen blieben ihre Schilderungen der Räumung des Ghettos in Erinnerung. Gemeinsam mit ihrer Mutter und anderen Internierten Familien versteckte sich Rabinovici tagelang vor den Erschießungsaktionen in einem stillgelegten Abwasserschacht.

 

Zwei Jahre im KZ

Nach der „Liquidation“ des Ghettos wurden Mutter und die elfjährige Tochter ins KZ Kaiserwald und schließlich ins KZ Stutthof deportiert. Dank der unermüdlichen Bemühungen der Mutter konnten die beiden zusammenbleiben. In einem Gespräch sagte Suzanne-Lucienne Rabinovici, dass sie nur dank ihrer Mutter überlebt habe. Beide werden Ende März 1945 völlig entkräftet auf einem Todesmarsch in Polen von der Roten Armee befreit.

 

„Wir haben die Tür hinter uns geschlossen“ - Schwierige Erinnerung

1950 verlassen Suzanne-Lucienne und ihre Mutter Raja Weksler Polen um in Israel ein neues Leben aufzubauen. Doch die Auseinandersetzung mit dem erlebten Schrecken muss warten. Rabinovicis Mutter verbietet ihr „ausdrücklich“ über die Jahre in Ghetto und KZ zu sprechen: „Sie hat nie mit mir darüber gesprochen, auch nicht mit anderen. Sie hat auch die Kontakte zu allen abgebrochen, mit denen wir im Lager waren. Es war vorbei. Das haben wir immer wieder gesagt: Wir haben die Tür hinter uns geschlossen. Wir haben zwar Bücher gelesen, Filme haben wir auch gesehen. Aber wir haben nie besprochen, was wir miteinander gesehen oder gelesen haben. Was es gab, war eine Art Geheimsprache, einzelne Worte, die uns an Situationen erinnert haben oder kleine Kommentare: Es war viel schlimmer! Na, so war das nicht! Aber das war alles. Mehr nicht. Es hieß, man kann vergessen, heute weiß man, dass man es nicht vergessen kann“.

Suzanne-Lucienne heiratet den Geschäftsmann David Rabinovici, gemeinsam mit ihren beiden Kindern zieht die Familie in den 1960er Jahren nach Wien. Erst nach dem Tod von Raja Weksler und dem Besuch von Gedenkstätten beginnt Suzanne-Lucienne Rabinovici über den Holocaust zu berichten.

 

„Dank meiner Mutter“

Durch das Schreiben bearbeitet sie das Erlebte. „Ich habe gemeinsam mit meinem Mann auch Kaiserwald, das Lager bei Riga, und Tauentzien, das letzte Lager nach dem ‚Todesmarsch‘, besucht und so meine Erinnerungen dort an den Plätzen überprüft. Als ich dann nach Hause kam, habe ich mir ganz einfache Schulhefte gekauft und angefangen zu schreiben: Bilder. Bilder, die überhaupt keine Reihenfolge hatten. Beim Schreiben sind plötzlich Namen zurück gekommen, das war ein Phänomen: Ich habe geschrieben und ich wusste nicht, was ich schreibe und plötzlich wusste ich ganz genau, der hieß so und so“, berichtet Rabinovici. 1994 erschien ihre Autobiographie „Dank meiner Mutter“; die auch ins Englische übersetzt wurde und große Verbreitung fand.

 

„Die letzten Zeugen“

Unter der Regie von ihrem Sohn Doron Rabinovici und Matthias Hartmann wirke Rabinovici in der Burgtheater Produktion „Die letzten Zeugen“ mit. Ihre Überlebensgeschichte wurde durch Aufführungen im ganzen deutschsprachigen Raum einem großen Publikum bekannt.

„Ich behaupte, nun, auch wenn wir nicht mit dem Gewehr in der Hand gekämpft haben, war das ein Widerstand, der sich gegen den Willen des Naziregimes richtete. Diejenigen, die überleben wollten und um das Leben gekämpft haben, das war Widerstand und das war auch der Sieg“, so Rabinovici über ihr Überleben.

Suzanne-Lucienne Rabinovici wurde in Tel Aviv neben ihrer Mutter begraben.

 

 

Links

"Die letzten Zeugen. Mit Marko Feingold, Rudolf Gelbard, Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici und Ari Rath". Aufzeichnung aus dem Wiener Burgtheater,  (2014, ORF). Teil 1 - Link Teil 2 - Link

Interview mit Suzanne-Lucienne Rabinovici : - Link

ORF Interview zu "Die letzten Zeugen“: - Link

Autobiographie „Dank meiner Mutter“: - Link

Nachruf „Der Spiegel“: - Link

Nachruf "Süddeutsche Zeitung": - Link

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Suzanne-Lucienne Rabinovici wurde 86. Sie überlebte das Ghetto von Wilna und zwei Konzentrationslager. Ihre Überlebensgeschichte verarbeitet sie in ihrer Autobiographie „Dank meiner Mutter“. (Foto CC C. Michelides)
Suzanne-Lucienne Rabinovici wurde 86. Sie überlebte das Ghetto von Wilna und zwei Konzentrationslager. Ihre Überlebensgeschichte verarbeitet sie in ihrer Autobiographie „Dank meiner Mutter“. (Foto CC C. Michelides)
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