Digitale Karten der Erinnerung für den Stadtraum Wien

Erstmals wurden alle Wiener Erinnerungsorte, die an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern, einheitlich dokumentiert und stehen in zwei Online-Karten der Öffentlichkeit zur Verfügung. Insgesamt wurden 1840 Erinnerungszeichen identifiziert. Die Karten können auch im Geschichtsunterricht eingesetzt werden.

Ein Forschungsteam am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien hat alle Erinnerungszeichen erhoben, die zwischen 1945 und 2017 im Stadtraum von Wien errichtet wurden und auf die politische Gewalt des Austrofaschismus und Nationalsozialismus verweisen.

Aufgenommen wurden in den beiden Projekten „Politics of Remembrance and the Transition of Public Spaces“ (POREM) sowie „re_map. Eine digitale Karte der Erinnerung für Wien“ alle Denkmäler, Ausstellungen, Gedenkräume, Gedenktafeln, Bodenplatten, Installationen sowie Erläuterungstafeln zu Verkehrsflächen- und Parkbenennungen. Insgesamt dokumentieren die ForscherInnen 1840 Erinnerungszeichen.

 

1840 Erinnerungszeichen in Wien

Neben der wissenschaftlichen Auswertung für den gesamten Stadtraum und Fallstudien zu einzelnen Erinnerungsprojekten ermöglichten die beiden Projekte die Erstellung von digitalen Karten der Erinnerung. Während die englischsprachige Karte www.porem.wien 1680 Erinnerungszeichen für den Zeitraum 1945-2015 in unterschiedlichen Dimensionen darstellt und nach zeitlichen, sozialen und topographischen Kriterien abfragbar und auszählbar macht, bietet die deutschsprachige Karte der Erinnerung neben Filter- auch Suchfunktionen (z. B. nach Namen). Außerdem enthält jedes Erinnerungszeichen eine eigene Seite mit Daten, einem Text zur Entstehung und zur Bedeutung mit Quellenangaben und einem Foto.

 

Denkmäler und Erinnerungszeichen an NS-Opfer weltweit sichtbar machen

Die Website Politics of Remembrance. Explore Vienna’s Culture of Remembrance trägt zu einer höheren Sichtbarkeit der Wiener Erinnerungskultur weltweit bei. Sie ermöglicht einen interaktiven Zugang sowohl zu historischer politischer Gewalt als auch zu Formen ihres Erinnerns und Vergessens. Die Aufbereitung der Daten ermöglicht es, verschiedene Ebenen von Informationen miteinander zu verknüpfen, etwa Errichtungszeitpunkte oder –zeiträume, politische Ereignisse, Stadträume mit erinnerten Themen, Personengruppen, dem Geschlecht der Erinnerten und den StifterInnen. Traditionen, Defizite, Brüche, Transformationen werden dadurch gut sichtbar. Die Webpage bietet Bildungseinrichtungen, Museen, staatlichen und nichtstaatlichen AkteurInnen ein international einsetzbares Vermittlungstool. Die Daten werden Ende 2018 aktualisiert.

Die deutschsprachige Karte der Erinnerung wurde in Kooperation mit der WienBibliothek entwickelt und im Rahmen der historischen Wissensplattform WienGeschichteWiki umgesetzt.

 

Pädagogische Möglichkeiten – Karten als Vermittlungstool

Die vorliegenden Karten bieten zahlreiche Möglichleiten für die historisch-politische Bildung. Die Suchfunktion ermöglicht beispielsweise Rechercheaufgaben, SchülerInnen können so nach NS-Opfern suchen oder nach Erinnerungszeichen in ihrer Wohngegend. Bei 1840 Erinnerungszeichen findet sich vermutlich eines in unmittelbarer Nähe fast jeder Wiener Schule. LehrerInnen können nun diese Orte leicht finden und zu ihnen kurze Exkursionen organisieren. Der Eindruck die Verbrechen des Nationalsozialismus fanden in weit entfernten Lagern statt, kann mit einem Besuch dieser Erinnerungsorte in unmittelbarer Nähe entkräftigt werden. Die Entwicklung und die Debatten der österreichischen Erinnerungskultur kann ebenso anhand von Erinnerungszeichen diskutiert werden.

Die Errichtung von Erinnerungszeichen korrelierte mit Erinnerungspolitische Debatten und Kontroversen. Die ersten entstanden unmittelbar nach der Befreiung an den Peripherien der Stadt, etwa am Zentralfriedhof. Einen Anstieg an neuen Erinnerungszeichen gab es nach der Waldheimdebatte und im Gedenkjahr 1938-1988. Einen „Memory Boom“, wie das Forschungsteam um Peter Pirker das Phänomen beschreibt, gibt es ab dem Jahr 2005. Hier entstanden vor allem von der Zivilgesellschaft getragene Denkmäler im Zentrum Wiens.

 

Zu den Karten:

Politics of Remembrance. Explore Vienna’s Culture of Remembrance

Karte der Erinnerung

abgelegt unter:
1840 Erinnerungszeichen sind auf der Karte zu finden.
1840 Erinnerungszeichen sind auf der Karte zu finden.
Bekannte und weniger bekannte Denkmäler, wie hier für die Begründerin der "Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot" Irene Harand, finden sich auf der Karte.  (© porem)
Bekannte und weniger bekannte Denkmäler, wie hier für die Begründerin der "Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot" Irene Harand, finden sich auf der Karte. (© porem)
Eine Timeline zeigt die Entstehung der Erinnerungszeichen.
Eine Timeline zeigt die Entstehung der Erinnerungszeichen.
Die Karten-Projekte unter der Leitung von Walter Manoschek und Peter Pirker wurden u.a. vom BMBWF gefördert.
Die Karten-Projekte unter der Leitung von Walter Manoschek und Peter Pirker wurden u.a. vom BMBWF gefördert.
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