Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg – ZeitzeugInnen erinnern sich

Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Das Deutsche Reich griff am 1. September 1939, nach langer Vorbereitung, Polen an und löste damit den Zweiten Weltkrieg aus. Bereits während des Krieges gegen Polen verübten deutsche Einheiten der Wehrmacht, Polizei und der SS Verbrechen an der Zivilbevölkerung sowie an polnischen Soldaten.

Laut Dr. Florian Wenninger vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien erfolgte der deutsche Überfall aus zwei Gründen: „In erster Linie hatte Polen die größte auslandsdeutsche Gruppe in einem Staat, mit dem Deutschland eine gemeinsame Grenze hatte.“ Die rassistische Bevölkerungspolitik der „Germanisierung“ - „die Zusammenfassung aller Deutschen in einem Reich“ – war das zweite Ziel, so der Historiker Wenniger im Gespräch mit ORF.at.

Unmittelbar nach Kriegsbeginn setzte die Verfolgung und Ermordung der polnischen Intelligenzija ein. „Im Grunde geht es darum, sich Sklaven zu halten“, so Wenninger. Die polnische Bevölkerung sollte der deutschen als Sklaven dienen, Bildung sollte verwehrt und die Eliten ausgelöscht werden. „In diesem Zeitraum wurden ca. 60.000 Polen von deutschen Polizei- und SS-Einheiten ermordet und weitere 50.000 in Konzentrationslager deportiert, von denen nur ein ganz geringer Teil überlebte. Die Intelligenzaktion war nur der Auftakt zur Ermordung polnischer Eliten“, so Arthur Osinski, Historiker der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm.

Polen hatte den höchsten Prozentsatz an jüdischer Bevölkerung in Europa, die jüdischen Polinnen und Polen waren im NS-Plan nicht als ZwangsarbeiterInnen vorgesehen. Schon unmittelbar nach dem Einmarsch wurden 7000 Jüdinnen und Juden ermordet.

 

ZeitzeugInnen über den Kriegsbeginn – Antisemitismus gab es schon davor

„I remember clearly when Germany invaded Poland and the bombing and the shooting came close”, erinnert sich Pauline Killough, geboren als Pesha Bitterman, in einem ZeitzeugInnen-Interview auf weitererzaehlen.at. Das Haus ihrer Familie wurde durch die deutsche Bombardierung zerstört. Im Interview berichtet sie auch über den Antisemitismus der polnischen Bevölkerung: „it was not easy being a Jew in Poland“. Nach dem deutschen Einmarsch und dem Beginn der sowjetischen Besatzung entschied sich die Familie zur Flucht in die Sowjetunion. Die Familie überlebt den Holocaust in der UdSSR und lebte anschließend vier Jahre im DP-Camp Bindermichl nahe Linz, später erfolgte die Auswanderung in die USA.

Pauline Killough im Interview auf weitererzählen.at

 

Abraham Zuckerman erlebte den Einmarsch der Deutschen in Krakau, seine ersten Eindrücke schildert er so: „First they grabbed persons of the streets and sent them off”. Zuckerman wurde zur Zwangsarbeit in Krakau verpflichtet. „Little by little they were squeezing and squeezing, but you know we took it in stride”, beschreibt Zuckerman die Steigerung der antisemitischen Repressalien. Abraham Zuckerman musste schließlich Zwangsarbeit in Oskar Schindlers Emaille-Fabrik leisten, 1944 wurde er nach Mauthausen deportiert, wo er von der US-Army befreit wurde.

Abraham Zuckerman im Interview auf weitererzählen.at


„When the war broke out … I was scared to death”, berichtet Solomon J. Salat, er hat den Kriegsausbruch ebenfalls nahe Krakau erlebt. Seine Pläne für die Zukunft wurden am 1. September 1939 zerstört, der Umzug aufs Land brachte nicht die erhoffte Verschonung durch antisemitische Verfolgung der deutschen Besatzer. Salat wurde ins KZ Mauthausen deportiert und leistete in mehreren Außenlagern Zwangsarbeit. Nach der Befreiung studierte er u.a. in Graz und emigrierte 1955 in die USA.

Solomon J. Salat im Interview auf weitererzählen.at

 

Stumme Zeugnisse 1939

Die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz hat in einem internationalen Aufruf Zeugnisse, wie etwa Tagebücher oder Fotos, von deutschen Wehrmachtssoldaten gesammelt.  Das Projekt „Stumme Zeugnisse 1939“ möchte einen Beitrag dazu leisten, den deutschen Überfall auf Polen und die dort von Deutschen begangenen Verbrechen stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Zeugnisse machen überdies deutlich, wie stark die deutschen Soldaten ideologisch geprägt waren. So inszenierten Wehrmachtssoldaten beispielsweise antisemitische Szenen, die sie anschließend fotografierten. Die Zeugnisse sind nun in einer Online-Ausstellung zugänglich, die Facebookseite des Projektes veröffentlicht bis zum 6. Oktober 2019 täglich Dokumente aus der Sammlung.

 

Beginn der NS- "Euthanasie" – Hitlers Erlass vom 01.09.1939

Hitlers „Ermächtigung“ zur Tötung von geistig und körperlich behinderten Erwachsenen vom Oktober 1939 wurde auf den 1. September 1939 rückdatiert, wohl um einen Zusammenhang mit dem Kriegsbeginn herzustellen. Die „Ermächtigung“, kein rechtlich bindendes Dokument, erlaubte es Ärzten „unheilbar Kranken“ den „Gnadentod [zu] gewähren“.  In Österreich bestanden zwei größere Tötungszentren, Hartheim in Oberösterreich und Am Spiegelgrund in Wien – an beiden Orten besteht heute eine Gedenkstätte.

 

Links

„Polens Trauma, Europas Verhängnis“ – ORF.at: - Link

Themenschwerpunkt aus Ö1 zum Kriegsbeginn: - Link

Themenschwerpunkt von ORF-History: - Link

Faltepodcast „Opa war (k)ein Nazi – 80 Jahre Kriegsbeginn – #226“: - Link

Online-Ausstellung „Stumme Zeugnisse 1939“: - Website / – Facebook-Seite

Arthur Osinski über die Vernichtung der polnischen Intelligenzija: - Link

Informationen über die NS-Euthanasie: - Link

 

ZeitzeugInnenberichte

Pauline Killough: - Link

Abraham Zuckerman: - Link

Solomon J. Salat: - Link

abgelegt unter:
„When the war broke out … I was scared to death”, berichtet Solomon J. Salat, er hat den Kriegsausbruch nahe Krakau erlebt.
„When the war broke out … I was scared to death”, berichtet Solomon J. Salat, er hat den Kriegsausbruch nahe Krakau erlebt.
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