Gedenkfeier am Alten Markt

74 Jahre nach der „Reichskristallnacht“, dem November-Pogrom in Salzburg, am Freitag, dem 9. November 2012, veranstaltete die Rudolf Steiner-Schule wie in den Vorjahren dankenswerterweise eine Gedenkfeier vor dem Haus Alter Markt 12, dem ehemaligen Kaufhaus S. L. Schwarz, dessen Geschäftsleiter und Miteigentümer Walter Schwarz das erste Opfer des nationalsozialistischen Terrors war – eines von 168 Opfern aus Salzburg, für die der Künstler Gunter Demnig mittlerweile „Stolpersteine“ verlegen konnte

Die nächsten Verlegungen werden schon geplant, wobei wieder alle Opfergruppen zu berücksichtigen sind, und speziell widerständige Frauen und Männer, die seit längerem in unserem Verzeichnis stehen und auch einen Paten haben. In diesem Verzeichnis finden Sie aber auch zehn jüdische Opfer, die erst vor kurzem aufgenommen werden konnten und daher noch keine Patinnen oder Paten haben:

 

Franziska van Alderwerelt, geborene Schindler, Witwe eines belgischen Schriftstellers, in Theresienstadt ermordet

Eduard Steindler, in Nisko/Polen ermordet, seine Ehefrau und sein Sohn konnten nach England flüchten

Rudolf Friedländer, Filialleiter eines Wiener Elektrounternehmens in Salzburg, im Ghetto Izbica ermordet, seine Frau und sein Sohn überlebten

Hugo Rosenberg, Schneider und Handelsangestellter, im besetzten Polen verschollen, seine „arische“ Frau ließ sich 1938 in Salzburg scheiden

Richard Metzl, Schauspieler und Max Reinhardts Sekretär, vertrieben und im besetzten Paris umgekommen

Josef Richard Löwit (Künstlername Fritz Richard), Schauspieler und Ensemble-Mitglied Max Reinhardts in Salzburg und Berlin, dort nach der „Machtergreifung“ 1933 umgekommen

Frieda Schablin, geborene Löwit, Tochter von Fritz und Frieda Richard (Salzburger Festspiele), gemeinsam mit ihren Schwiegereltern in Auschwitz ermordet, ihr Ehemann überlebte

Dr. Victor Mordechai Goldschmidt, Professor, Mineraloge, Kristallograph und Freimaurer aus Heidelberg, 1933 nach Salzburg geflüchtet und hier 1933 gestorben (Magendurchbruch), seine Frau beging in Heidelberg Suizid, ihr Neffe Dr. Eduard Portheim ermordet (Stolperstein vor dem Haus Makartpatz 6)

Konrad Hertzka, Sohn eines Arztes, Techniker, in der „Heilanstalt“ Uchtspringe ermordet, zwei Geschwister überlebten

Henriette Fleischmann, Witwe aus Wien, die als „U-Boot“ (im Verborgenen) in Salzburg lebte und hier Suizid beging, eine ihrer Töchter in Auschwitz ermordet, eine überlebte in Salzburg

 

Wir suchen Patinnen und Paten, herzlichen Dank für Ihre Hilfe.

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Patinnen haben wir bereits für die Shoah-Opfer Siegfried Fritz Glasel (Landestheater), Emil Wieland (Itzling), Olga Sachsel-Lichtenstein (Linzergasse), Marie Schmalzbach-Pirak und ihren Sohn Herbert (Linzergasse), die wir vergeblich in der österreichischen Shoah-Datenbank (DÖW) suchen, weshalb die Erforschung ihrer Biografien längere Zeit in Anspruch nahmen, dazu ein Beispiel:

 

Marie „Mitzi“ Pirak, geboren am 30. August 1901 in Salzburg, war das erste von vier Kindern des jüdischen Ehepaares Gisela, geborene Haas, und Leopold Pirak, das im Jahr 1899 von Brünn in Mähren, damals Österreich-Ungarn, nach Salzburg zugezogen war. Die Familie Pirak, die nach altösterreichischem Recht in Salzburg heimatberechtigt war, wohnte im Eckhaus Wolf Dietrich-Straße 2 / Linzergasse 53, das im Eigentum der Geschäftsfrau Gisela Pirak war, jedoch schon im Krisenjahr 1920 verkauft werden musste. Das Haus blieb allerdings bis zum Gewaltjahr 1938 Wohn- und Geschäftssitz der Familie Pirak. Im 1. Stock befand sich ihre Wohnung und im Parterre ihr Konfektions- und Modegeschäft.

Der Ehemann und Vater Leopold Pirak, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, starb 63-jährig am 23. März 1927, bestattet auf dem jüdischen Friedhof in Aigen bei Salzburg – ein Grab mit der Inschrift „Tief betrauert von Gattin und Kindern“.

Am 19. August 1928 konnte Rabbiner Dr. Manfred Papo, ehe er nach Wien ging und die jüdisch-sephardische Gemeinde betreute, noch eine Trauung in der Salzburger Synagoge vollziehen: Marie Pirak, die eine Handelsschule absolviert hatte und im Geschäft ihrer Mutter arbeitete, heiratete den Handlungsreisenden Oskar Szijo Schmalzbach, geboren am 6. Dezember 1890 in Jaroslau, damals Österreich-Ungarn, der die Staatsbürgerschaft der Republik Österreich aber nicht erhielt und daher als staatenlos galt. Am 11. August 1929 wurde ihr Sohn Herbert geboren.

Da Oskar Schmalzbach als Handlungsreisender viel unterwegs war, lebte seine Frau Marie mit ihrem Sohn Herbert zumeist bei ihrer Mutter Gisela Pirak und ihren noch ledigen Geschwistern Erna, Friedrich und Alfred in Salzburg. Die hier am 13. April 1903 geborene Erna war Verkäuferin und Schneiderin. Der am 14. Jänner 1905 geborene Friedrich war Handelsangestellter, überdies Mitglied der zionistischen Ortsgruppe und des Kultusrates der jüdischen Gemeinde in Salzburg. Der am 31. Dezember 1906 geborene Alfred war gelernter Automechaniker und als Chauffeur tätig.

Die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre bekamen speziell jüdische Geschäftsleute wegen des wachsenden Antisemitismus zu spüren. Nicht wenige gerieten in eine Notlage, sahen sich daher im Gewaltjahr 1938 gezwungen, ihre Betriebe so rasch wie möglich und unter ihrem Wert zu verkaufen. Die Witwe Gisela Pirak war eines dieser Opfer. Ihr Geschäft, begehrt wegen seiner guten Lage, konnte sich im Juni 1938 ein Salzburger Kleiderhändler aneignen. Im November 1938 musste die Familie Pirak auch ihre Wohnung im 1. Stock des Hauses Linzergasse 53 räumen. Nutznießer war ein Funktionär der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV).

Kaum erforscht sind bislang die Lebensbrüche der Opfer: Gisela Piraks Sohn Alfred war einer der 23 Juden, die nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Salzburg verhaftet, ins KZ Dachau deportiert und mit der Auflage freigelassen wurden, das „Deutsche Reich“ umgehend zu verlassen. Schon Ende November 1938 befanden sich alle Familienmitglieder in ihrem Fluchtort Wien.

Noch im Laufe des Jahres 1939 gelang der 68-jährigen Witwe Gisela Pirak und ihren Kindern Erna, Friedrich und Alfred die Flucht in die freie Welt, ins Exil. Friedrich war der erste, der New York mit einer Schiffspassage über Gothenburg in Schweden erreichte. Alfred schaffte es als zweiter über Liverpool in England. Gisela Pirak und ihre Tochter Erna, die während des Krieges in London blieben, emigrierten im August 1945 nach Sandusky in Ohio, wo Friedrich Pirak sein Domizil hatte. Die Witwe Gisela Pirak starb 80-jährig 1951 in Cleveland, Ohio. Ihr Sohn Friedrich, verheiratet mit einer Jüdin aus Linz, starb 1971 in Cleveland. Ihre Tochter Erna, verehelichte Ornstein, starb 1981 in Mayfield Heights, Ohio, und ihr Sohn Alfred, verheiratet mit einer Jüdin aus Mistelbach in Niederösterreich, starb 1983 in Hallandale, Florida – drei der vier in Salzburg geborenen Geschwister.

 

Gisela Piraks Tochter Marie, ihr Ehemann Oskar Schmalzbach und ihr Sohn Herbert, die vermutlich mangels Staatsangehörigkeit keine Visa für die USA und Großbritannien erhielten, gelangten im Februar 1939 nach Paris und im Laufe des Kriegsjahres 1940 in den Süden Frankreichs, in die vom NS-Regime unbesetzte „Zone libre“. In Allez-et-Cazeneuve, einem Ort des Départements Lot-et-Garonne, verwaltet vom Kollaborationsregime unter Marschall Pétain in Vichy, fand die Flüchtlingsfamilie eine Bleibe, doch vergeblich auf Transitvisa und Schiffspassagen in die freie Welt wartend.

Die Familie Schmalzbach wurde im Laufe des Kriegsjahres 1942 verhaftet, im Camp de Casseneuil interniert und in das Camp de Drancy bei Paris transferiert, wo die SS von 1942 bis 1944 ihre Transporte in die Vernichtungslager Auschwitz, Majdanek und Sobibor organisierte: insgesamt 79 Konvois, Todeszüge mit rund 76.000 jüdischen Kindern, Frauen und Männern. Im Transport Nr. 30, der am 9. September 1942 Camp de Drancy verließ, befanden sich der 52-jährige Oskar Schmalzbach, seine 41-jährige Frau Marie und ihr 13-jähriger Sohn Herbert. In den Lagerbüchern von Auschwitz ist jedoch allein Oskar Schmalzbach registriert: Tod am 27. Jänner 1943. Seine Ehefrau und ihr Sohn wurden vermutlich gleich nach ihrem Zugang in Auschwitz-Birkenau vergast.

Alle drei Shoah-Opfer sind in der israelischen Datenbank Yad Vashem eingetragen, Oskar Schmalzbach auch in der österreichischen Datenbank (DÖW). Hier fehlen also die in Salzburg geborene Marie Pirak und ihr Sohn Herbert, ein zusätzlicher Grund, beide im kollektiven Gedächtnis zu behalten.

 

Recherchen: Gert Kerschbaumer

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