Lager Liebenau – wie umgehen mit einem Ort nationalsozialistischen Terrors?

Eine Reflexion von Gerald Lamprecht, _erinnern.at_ Netzwerkkoordinator Steiermark und Leiter des Centrum für Jüdische Studien an der Karl-Franzens-Universität Graz, zu den aktuellen Debatten in Graz.

Seit nun einigen Jahren gibt es in Graz Debatten über die Frage, wie denn mit dem Gelände des ehemaligen NS-Zwangsarbeitslagers Liebenau umgegangen werden soll. Dabei stehen sich Gedenkinitiativen, allen voran der ehemalige Leiter des Sozialmedizinischen Zentrums Liebenau Rainer Possert, und die Grazer Stadtverwaltung mit unterschiedlichen Vorstellungen oppositionell gegenüber. Verschärft wurde diese Kontroverse durch die Planungen und derzeitige Realisierung eines Kraftwerks an der Mur, das Teile des ehemaligen Lagergeländes inkludiert, sowie die weiteren Nachnutzungspläne der Stadt Graz, die auf den noch unbebauten Flächen in den kommenden Jahren Sozialwohnungen und Schrebergärten errichten möchte. Gegen diese Pläne beziehen die Gedenkinitiativen Stellung und fordern die Errichtung einer Gedenkstätte mit umfangreicher Dokumentation der historischen Ereignisse.

 

Von zunehmender Bedeutung ist in den letzten Monaten bei all den Debatten nun die Frage nach dem historischen Ort und den genauen Geschehnissen geworden. So hat die Stadt Graz gemeinsam mit der Energie Steiermark schon vor Jahren die Historikerin Barbara Stelzl-Marx mit einer Studie zur Lagergeschichte beauftragt, die 2012 auch der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Stelzl-Marx schildert darin die Lagergeschichte und zieht auch Bilanz über die im Lager Umgekommenen und Ermordeten. So waren während der NS-Herrschaft im Lager Liebenau zunächst Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter vorrangig für die Rüstungsindustrie untergebracht, ehe gegen Kriegsende tausende ungarisch jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Zuge der Todesmärsche im Lager Zwischenstation machten. Lagerinsassen sind, soweit sind sich alle einig, im Lager verstorben oder wurden dort auch ermordet. Uneinigkeit herrscht zwischen den Akteuren der Debatte jedoch bei der Frage, wie groß die Zahl der Opfer war und ob diese tatsächlich alle im Lager Liebenau oder nicht doch an anderen Mordstätten in Graz wie der SS-Kaserne in Wetzelsdorf oder an der Schießstätte am Feliferhof umgebracht wurden. Daraus ergibt sich ein weiterer zentraler Konfliktpunkt in der Diskussion, nämlich jener, ob sich derzeit noch Massengräber am ehemaligen Lagergelände befinden, oder nicht doch all jene, die es gab, nach 1945 geöffnet und die Leichen exhumiert wurden. Die Studie von Stelzl-Marx legt letzteres nahe.

Ergänzend zu den Forschungen von Barbara Stelzl-Marx wurden nun im Zuge der Bauarbeiten des Kraftwerks auch Archäologen engagiert, die am ehemaligen Lagergelände Grabungen durchführen und einzelne Überreste des Lagers, wie beispielsweise Barackenfundamente, frei legen. Diese Grabungen finden jedoch nur im Baustellenbereich statt, weshalb derzeit die Forderung an die Stadt Graz im Raum steht, diese Grabungen auf das ganze noch nicht überbaute Lagergelände auszuweiten, um endgültige Gewissheit zu erlangen, ob noch Massengräber vorhanden sind. Dagegen spricht sich jedoch die Stadt Graz mit dem Hinweis aus, dass es keine stichhaltigen historischen Anhaltspunkte für Massengräber gebe, wie allgemein das Lager Liebenau letztlich nur ein nachrangiger Ort des NS-Terrors gewesen sei und daher auch kein weitergehender Schutz des Geländes nötig sei. Eine Argumentation, der sich auch das Bundesdenkmalamt angeschlossen hat und das Gelände daher auch nicht unter Denkmalschutz stellte.

 

Offene Fragen:

Versucht man die Debatte zusammenzufassen, so kann man mehrere grundsätzliche Fragen herausfiltern: Wie soll mit Orten von NS-Verbrechen mehr als 70 Jahre nach dem Kriegsende umgegangen werden? Können sie – wie ja häufig in der Nachkriegszeit – einer städtebaulichen oder sonstigen Nachnutzung zugeführt werden oder sind sie als NS-Gedenkstätten für die Nachwelt zu erhalten? Ist die Beantwortung dieser Frage abhängig von der Art der Verbrechen, die an den Orten stattfanden, und falls ja, wo sind die Grenzen, ab wann ein Ort eine Gedenkstätte werden soll oder nicht? Und wer legt das fest? Weiters ist zu klären, ob es denn eine Interessenshierarchie im Umgang mit den Orten gibt. Ist wirtschaftlichen oder städtebaulichen Interessen der Vorrang gegenüber dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu geben oder kann man nicht doch beiden gemeinsam gerecht werden? Und schließlich die Frage, welche Rolle spielt hierbei die historische und archäologische Forschung, die, wie am Beispiel von Liebenau zu sehen, im Zentrum der Debatten steht und sowohl den Befürwortern wie auch den Gegnern einer Gedenkstätte Argumente liefern soll?

 

All diese Fragen zeigen, wie komplex der Umgang mit der NS-Vergangenheit ist, zumal wenn hier politische, wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Interessen miteinander in Konflikt geraten. Man wird auf jeden Fall sehen, wie das in Graz gelöst werden wird. Derzeit scheint man von dieser Lösung jedoch noch weit entfernt zu sein.

 

 

Weiterführend Informationen zu den aktuellen Debatten in Graz und dem Lager Liebenau:

 

  • Barbara Stelzl-Marx, Das Lager Graz-Liebenau in der NS-Zeit. Zwangsarbeiter – Todesmärsche – Nachkriegsjustiz, Graz 2012. (Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgenforschung, Bd. 20).
  • Eine umfangreiche Dokumentation der Gedenkarbeit sowie einen Pressespiegel stellt das SMZ-Liebenau zur Verfügung: https://smz.at/gedenkkultur.phtml
  • Die Debatten im Grazer Gemeinderat sind hier nachzulesen: http://www.graz.at/cms/ziel/410977/DE
abgelegt unter:
Freigelegte Überreste von Lagerbaracken im Lager Liebenau, 2017
Freigelegte Überreste von Lagerbaracken im Lager Liebenau, 2017
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