Das Novemberpogrom in Tirol und in Innsbruck

Vor 81 Jahren wurde mit dem Novemberpogrom die Vertreibung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten radikalisiert und systematisiert. Aus diesem Anlass möchten wir Geschichten der Verfolgung aus allen Bundesländern aufzeigen und in Erinnerung halten.

Im März 1938 lebten in Tirol 452 Jüdinnen und Juden, die meisten von ihnen in Innsbruck. Unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reiche begannen die Verfolgungsmaßnahmen gegenüber der jüdischen Bevölkerung.

 

Ausschreitungen und Übergriffe

Nachdem bereits im September 1938 24 Juden in Innsbruck verhaftet und ihnen ein Ultimatum zum Verlassen des Landes gestellt worden war, gab Gauleiter Franz Hofer entsprechend den Anweisungen von Propagandaminister Goebbels am 10. November 1938 Vertretern von Gestapo, SS und SA bekannt, dass sich auch in Innsbruck „die kochende Volksseele“ gegen die jüdische Bevölkerung erheben müsse. Listen wurden erstellt, die die zu überfallenden Haushalte auswiesen, darunter auch jener des Vorsitzenden des Israelitischen Kultusgemeinde, Ing. Richard Berger. Von seiner Wohnung in der Anichstraße 13 wurde er mit dem Auto nach Kranebitten gebracht und dort am Innufer erschlagen. Auch zahlreiche andere Jüdinnen und Juden wurden schwer misshandelt, jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert, Teile ihres Besitzes zerstört. Die Synagoge in der Sillgasse wurde von Hitlerjungen verwüstet.

 

Erinnerungen einer Zeitzeugin

Die 1918 als Erika Schwarz in Innsbruck geborene Erika Shomrony erinnert sich in einem Zeitzeugen-Interview an die Geschehnisse:

„Und dann sind sie hinaufgekommen in den ersten Stock, wo wir gewohnt haben. Und dadurch, dass meine Eltern vorbereitet waren, haben sie die Türen verschlossen und haben nicht geöffnet und die mussten die Tür einbrechen. …  Zum Schluss haben sie meinen Vater im Badezimmer gefunden und haben ihn geschlagen und verletzt. Und dann ist aber … ein anderer Mann gekommen und hat gesagt: „Ihr müsst Schluss machen, die Nachbarn hören schon, was da vorgeht.“ … Jedenfalls haben sie dann meinen Vater verletzt ins Gefängnis gebracht. Meine Mutter haben sie nicht berührt und meinen Bruder auch nicht, und sind dann aus dem Haus. Und bald darauf hat meine Mutter das Visum1 bekommen aus England, und so haben sie meinen Vater freigelassen aus dem Gefängnis. Und sie sind dann auch mit zehn Mark in der Tasche haben sie Österreich oder Innsbruck verlassen.“[1]

Insgesamt ist Innsbruck mit vier Todesopfern im Verhältnis zur Größe der jüdischen Gemeinde einer der blutigsten Schauplätze im ganzen Deutschen Reich. Die Innsbrucker Bevölkerung war an den brutalen Übergriffen des Pogroms nicht beteiligt, protestierte aber auch nicht oder half den jüdischen MitbürgerInnen.

 

Literatur:


Schreiber, Horst: Nationalsozialismus und Faschismus in Tirol und Südtirol. Opfer – Täter – Gegner (= Tiroler Studien zu Geschichte und Politik Band 8), Innsbruck-Wien-Bozen 2008.

 

Albrich, Thomas: Die Täter des Judenpogroms 1938 in Innsbruck, Innsbruck 2016.



[1] Erika Shomrony flüchtete 1938 nach Frankreich und 1939 weiter nach England. Auch ihren Eltern und ihrem Bruder gelang die Flucht nach England. 1947 wanderte sich nach Palästina aus. http://www.alte-neue-heimat.at/home/erika-shomroni und http://www.alte-neue-heimat.at/transkripte/transkripte/transkript_schnitt_ausgrenzung_und_verfolgung.pdf

Pogromdenkmal in Innsbruck
Pogromdenkmal in Innsbruck
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