Theresienstadt ist der Ort, wo alle Freud ein Ende hat

Lesung am 30. Juni 2015 von Helga Pollak-Kinsky im Rahmen der Reihe "Diskurs Direkt - die letzten Zeugen des Holocausts" in der Remise in Bludenz.

Bludenzer Anzeiger (Benjamin Köck, 3.7.2015)

Die dritte und zugleich letzte Veranstaltung der Reihe "Diskurs Direkt - die letzten Zeugen des Holocausts" lockte wieder unzählige Interessierte in die Remise, wo Helga Pollak-Kinsky aus ihrem Theresienstädter Tagebuch 1943 - 1944 las.

Zusammen mit Herausgeberin Hannelore Brenner, die sich seit Jahren mit dem Thema "Zimmer Nummer 28" und dem Leben der liebenswürdigen Zeitzeugin beschäftigt, las Helga Pollak-Kinsky ihre Aufzeichnungen sowohl die ihres Vaters Otto Pollak. Die Lesung wurde mit historischen Fakten und Gesprächen sowie Einspielungen mit Kinderstimmen ergänzt.

70 Jahre liegen zwischen jenen fürchterlichen Erlebnissen, welche die Holocaust-Überlebende Helga Pollak-Kinsky hat und ihren heute bis ins Detail gebliebenen Erinnerungen. Die am 28. Mai 1930 in Wien geborene Pollak erzählte eingangs über ihre Kindheit im 15. Bezirk, wo ihr Vater ein großes Musikcafé betrieb. "Ich verbrachte eine behütete Kindheit. Politik wurde von mir fern gehalten." Die schreckliche Wende begann bereits vor dem Anschluss, als zwei Bomben auf das Café der Familie geworfen wurden. "Ich habe über dem Fenster, wo darunter die Bombe gezündet wurde, geschlafen." 1938 ließen sich die Eltern scheiden. Pollak erzählte über ihre Erinnerungen an die Abdankung von Schuschnigg und dass Nazis, die im Haus wohnten, ihr beim Einmarsch erlaubten, aus ihrem Fenster zu schauen. "Sie drückten uns zwei Hitlerflaggen in die Hand und ich hab sie auch gewedelt." Kurz darauf durfte sie die Schule nicht mehr besuchen und ging zu ihrer Tante nach Brünn/Tschechien. Ihre Mutter floh 1939 per Dienstbotenvisum nach England. Sie selbst hätte auf einem Kindertransport nachkommen sollen, doch daraus wurde nichts. Pollak sah die Mutter acht Jahre lang nicht mehr. Zusammen mit Vater Otto kam sie im Herbst 1941 nach Kiov. "Ein SA-Mann holte meinen Vater aus einem Transport. Er war als Kaffeehausbesitzer populär und hatte offensichtlich auch Freunde bei der SA" so die Zeitzeugin.

Am Tag vor der Deportation schenkte der Vater seiner Tochter ein Tagebuch. Er selbst hatte auch ein Kalendertagebuch dabei. Der erste Eintrag von beiden findet kurz vor der Deportation am 18. 1. 1943 statt. Otto Pollak notiert sogar das Gewicht von sich und der Tochter: 72 und 50 kg. Am 26. 1. 43 kommen sie nach Theresienstadt - Helga hat 39 Grad Fieber und zieht ins Mädchenheim im Gebäude der ehemaligen Kommandantur. "Theresienstadt ist ein Ort der Angst, des Hungers und des Schreckens für Männer, Frauen und Kinder" schrieb sie damals in ihr Tagebuch. Im Konzentrationslager befinden sich 1943 5.000 Kinder und 140.000 Häftlinge im Durchgangslager - 33.000 Menschen sterben. Ihre Mutter fehlt ihr sehr. Sie gab ihr Foto ins Tagebuch und stellte sich vor, dass sie das, was sie schreibt, ihr erzählen würde.

"Im Heim geht es nicht sehr freundschaftlich zu. Wir tun so, als wären wir gerade gekommen. Die Kinder tragen blau-weiße Kleidung, die Farben des Zionismus" lautet ein Tagebucheintrag vom 2. April 1943. Am 5. Juli 43 werden sechs ihrer besten Freundinnen abtransportiert. 5000 Menschen befinden sich in der sog. "Schleuse". "Der Abschied war sehr schwer." Helga plagen schreckliche Albträume. Den jüdischen Menschen wird gesagt, dass sie ins "tschechische Familienlager" nach Auschwitz-Birkenau kommen würden. Auschwitz-Birkenau ist ein reines Vernichtungslager. "Vielleicht werden wir einmal erkennen, dass wir unnütz Blut vergießen mit diesem Krieg."

3. 4. 44: Die schönsten Stunden in Theresienstadt waren die, als sie mit ihrem Papa philosophieren konnte oder bei Chor-Konzert-Besuchen, wo Haydns "Schöpfung" oder auch Beethoven aufgeführt werden. Im September sowie im Dezember 1943 werden je 5.000, im September und Oktober 1944 18.000 Menschen in umgebauten Viehwaggons nach Auschwitz und somit in den Tod deportiert. Am 12. 10. 44 werden die letzten Angehörigen von Helga und Otto, Martha und Fritz, abtransportiert. Helgas Seelenschmerz ist groß. Das Gepäck der Blinden bleibt in Theresienstadt zurück. "Der Mensch ist auf der Welt, um Gutes zu tun und wer sich nicht daran hält, hat kein Recht, ein Mensch zu sein" schrieb Maria Mehlstein ins Poesiealbum - ähnliches kam von Eva Fischler, Helena Mendel oder Hannah Epstein oder Freundin Flaschka.

29. 10. 44: Vater und Tochter müssen sich verabschieden. Helga wird nach Auschwitz abtransportiert, ihr Vater bleibt als Invalide zurück in Theresienstadt. 5. 1. 45: Ihre Mutter schrieb einen Rotkreuzbrief an den Vater, der verzweifelt ist und Gewissensbisse hat, da er nicht mit der Tochter nach Auschwitz ging. Als Helga Pollak-Kinsky nach Auschwitz kam, folgte kein Gepäck und sie fragte sich, wie die alten Leute aus den hohen Viehwagons kommen würden, aber viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht. "Rechts bedeutete das Leben und links der Tod." 1.500 auf ihrem Transport wurden sofort in die Gaskammern geschickt, 200 Frauen und darunter auch Helga Pollak kamen nach zweitägigem Aufenthalt in Auschwitz ins Arbeitslager nach Sachsen. "Uns wurden allen die Haare geschoren, die Kleidung getauscht und wir wurden von einer SS-Frau im Laufschritt gejagt. Die Pritschen hatten keine Matratzen und wir bekamen nichts zu essen, wurden ständig gezählt und mussten stundenlang Appell in der Kälte stehen. Geduscht wurden wir mit kaltem Wasser ohne Handtücher. Die neue Kleidung passte nicht: Es gab keine Unterwäsche und die Schuhe waren viel zu klein." Mit ins Arbeitslager in der Munitionsfabrik wurde ein alter Frontsoldat eingesperrt, weil er zu alt war. "Wir waren 70 oder 80 Personen in einem Viehwagon und konnten nur stehen. Gegen Kriegsende waren alle Schienen mit Gefangenen oder Munitionstransporten belegt und unsere Aufseherin war eigentlich froh, wenn sie uns los war und nicht so nahe an der russischen Grenze war. So gingen wir zu Fuß zurück nach Theresienstadt. Das Wiedersehen mit meiner Freundin und meinem Vater war unvergesslich, aber ich musste sofort in Quarantäne." Für Helga sei es zwar Freiheit gewesen aber Chaos, denn jeder hätte jemanden gesucht und das Kriegsende sei nicht das gewesen, was man sich erhofft habe. "Dass ich wieder ein normaler Mensch sein kann ist ein Gefühl, das kannst du dir nicht vorstellen" sagte sie vor dem Bludenzer Publikum. "Ohne schrecklich hungern zu müssen und ein eigenes Bett mit Matratze zu haben."

Ende März 1946 flog Helga Pollak mit einem Militärflugzeug zu ihrer Mutter nach England. Ihr Vater Otto, der im Ersten Weltkrieg ein hochdekorierter Unteroffizier war und ein Bein verlor, war durch seine Invalidität in Theresienstadt geschützt. Die Familie Pollak verlor über 60 Familienmitglieder! Helga heiratete in England einen deutschen Flüchtling, der während des Krieges in Bangkok untergetaucht war. Zuerst gebar sie eine Tochter und anschließend in Addis Abeba, Äthiopien, einen Sohn. "Wir wollten nach Australien oder Kanada und nie mehr zurück nach Europa" betonte sie, denn sie sei nicht mit guten Gefühlen nach Wien zurückgekommen und hätte in der Anfangszeit nur Englisch gesprochen, da sie sich weigerte, Deutsch zu sprechen.

Nach der Lesung und dem intensiven Gespräch mit Hannelore Brenner lautete eine der vielen Fragen aus dem Publikum, wie sie mit dem Verzeihen umgehen würde. "Ich habe zum Glück viel verarbeiten können. Die Leute sind tot und die jetzige Generation kann nichts dafür. Ich wünschte mir eine bessere Welt und dass die Leute toleranter sind und niemanden aufgrund seiner Religion oder Hautfarbe verurteilen. Die Welt heute ist nicht sehr schön, aber ich bin zu alt, um zu kämpfen" waren ihre Worte. (KOBE)

2014 ist Helga Pollak-Kinskys "Mein Theresienstädter Tagebuch 1943-1944 und die Aufzeichnungen meines Vaters Otto Pollak" in der Edition Room 28 erschienen. Hannelore Brenner hat das Tagebuch herausgegeben. Zwölf bis vierzehn Jahre alt waren die Mädchen, die von 1942 bis 1944 im Mädchenheim L 410 in Theresienstadt zusammenlebten.

 

Helga Pollak-Kinsky: Mein Theresienstädter Tagebuch 1943-1944 und die Aufzeichnungen meines Vaters Otto Pollak mit historischen Fakten und Gesprächen mit Helga Kinsky,ergänzt und herausgegeben von Hannelore Brenner. Nachwort: Peter Gstettner, ISBN 978-3-00-043804-2, 1. Auflage 2014 © Edition Room 28, Berlin

Edition Room 28

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