„Geschichte erleben mit der Gartenschere“

SchülerInnen der 7a des Wiener Schulschiffs säubern jüdische Gräber am Zentralfriedhof Tor im Juni 2007. Eine Aktion von erinnern.at (Netzwerk Wien). Ein Bericht von Mag. Bernhard Golob.

Arthur Schnitzler, Friedrich Torberg, Oscar Bronner – sie und viele andere bekannte und unbekannte jüdische WienerInnen liegen auf dem Israelitischen Teil des Zentralfriedhofes begraben. Aber nicht wenige Gräber verfallen, werden vom Efeu überwuchert, Grabsteine stürzen um – weil die Kinder und Enkel der Verstorbenen in die Emigration getrieben oder im Holocaust ermordet wurden.

 
Die Aktion „Hand anlegen an die Geschichte“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Gräber von Efeu und Unkraut zu befreien, damit nicht  - im buchstäblichen Sinne – Gras über die Geschichte wächst.

 
Und so  trafen  am 15. Juni  2007 SchülerInnen der 7a des Schulschiffs  beim Tor 1 des Zentralfriedhofes Herrn Dr. Robert Streibel  von der VHS Hietzing, der ihnen eingangs in lebendigen Worten eine Einführung in die Geschichte des Friedhofes und  seines jüdischen Teiles gab. Danach gingen die SchülerInnnen – ausgestattet mit Gartenschere, Spachtel und Handschuhen – an die Arbeit, kämpften mit wild wuchernden Efeuranken, distanzlosen Unkräutern und stechwütigen Moskitos. Und  entdeckten unter teilweise völlig überwucherten, manchmal umgestürzten Grabsteinen längst vergessene  Schicksale: Namen, Berufe, Geburts- und Sterbedaten, Segenssprüche: Bankiers und Schuhmachergesellen, Rabbiner und Weißnäherinnen, geboren 1869 oder 1902, verstorben 1909, 1917  oder 1931…..

 Rund 200.000 Jüdinnen und Juden lebten 1938 in Wien, heute hat die Israelitische Kultusgemeinde noch ca. 8000 Mitglieder…..

 
Zum Abschluss des Friedhofbesuches gingen wir dann noch in den südlichen Teil des Zentralfriedhofes, zur Gruppe 40. Dort liegen über 1300 ÖsterreicherInnen begraben, die in der NS-Zeit als WiderstandskämpferInnen im Landesgericht Wien hingerichtet wurden. Die meisten von ihnen wurden wegen „Vaterlandsverrat“ oder „Feindbegünstigung“ verurteilt, weil sie antifaschistische Flugblätter verteilt, Geld für politisch Verfolgte gesammelt oder als Kärntner Slowenen mit der Waffe gegen die Nazis gekämpft hatten. Bis zum Jahr 2005 hat es gedauert, dass es das offizielle Österreich geschafft hat, ihre Gräber mit einem Gedenkstein zu ehren.

                                                        

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