Besuch der Zeitzeugin Gertraud Fletzberger

Am 14.05.2013 besuchte die Zeitzeugin Gertraud Fletzberger das G19 und sprach dabei vor SchülerInnen der Unverbindlichen Übung Politische Bildung der 4. Klassen.

Gertraud Fletzberger wurde 1932 unter ihrem Mädchennamen Propper in Wien geboren. Sie war als Augenzeugin dabei, als Adolf Hitler am 15. März 1938 inmitten seiner Wagenkolonne die Mariahilferstraße unter ohrenbetäubenden „Heilrufen“ die versammelten Menschenmassen entlangfuhr. Von diesem Tag an wurde für ihre bis dahin glückliche Familie schrittweise alles anders. Schließlich war es für die Familie klar, dass nur noch der Weg in die Emigration blieb. Nachdem es nicht gelungen war, für die gesamte Familie Visa zu erhalten, beschlossen ihre Eltern zunächst ihren zehnjährigen Bruder, ihre fünfjährige Schwester und sie mit einem Kindertransport der Schwedischen Israelmission nach Schweden zu schicken. Die Kinder wurden in  verschiedenen Familien in unterschiedlichen Städten untergebracht. Nachdem Gertraud Fletzberger fast zwei Jahre bei ihren Pflegeeltern gelebt hatte, konnte sie von ihrer Mutter, die nach Schweden gekommen war und eine sehr bescheidene Wohnung gemietet hatte, aufgenommen werden.
Die ganze Zeit in Schweden war durch die Angst und Sorge um das Überleben ihres Vaters, der zuerst in Italien, dann in Frankreich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten war, geprägt. Wie durch ein Wunder überlebte er, und erst 1947 war die Familie wieder in Wien vereint.
Schwedisch war zu ihrer „Muttersprache“ geworden, Deutsch musste sie wieder lernen, deshalb wurde sie als „Rückwanderin“ zu einer Fremden im eigenen Land.

Hier zwei Zitate und ein Kurzprosatext von Schülerinnen aus ihren Berichten über dieses Zeitzeuginnengespräch:

Sie möchte unbedingt, dass diese Zeit niemals in Vergessenheit gerät, damit so etwas nie wieder geschieht. „Denn, was man nicht weiß, macht man wieder“ – so lautete ihr Schlusswort.
    Katharina P.

Würde ich sie auf der Straße treffen, wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass eine solche Geschichte hinter ihr steht. Aber heute ist sie Zeitzeugin, und ich bin ihr unglaublich dankbar dafür. Ich werde dieses Gespräch nie vergessen
    Anja S.

Ich sehe Bilder vor mir. Viele Bilder. Eine Geschichte. Ein Ereignis. Ich sehe ein Mädchen traurig in einem fremden Land auf ihrem Bett sitzend. Ich fühle ihren Schmerz, ihre Trauer und Einsamkeit. Meine Umwelt verschwindet, ich befinde mich plötzlich in einem unbekannten Raum, in einer unbekannten Zeit. Ich sehe ein Mädchen an einem Tisch sitzend, ein Kind, das an seine Zukunft glaubt und zielstrebig ist. Ein unbewusstes Lächeln bildet sich auf meinem Gesicht, da ich mich in dem lernbereiten Kind wiedererkenne. Ich sehe eine Mutter, die ihre Kinder nach langer Zeit wieder in die Arme nehmen kann. Ein Mann, um den alle lange Angst hatten, sich Sorgen machten, kehrt wieder zu seiner Familie zurück. Ein Stein fällt mir vom Herzen, ich bin zutiefst berührt. Plötzlich wird es um mich herum lauter. Die Bilder verschwinden. Ich sitze wie festgenagelt auf einem Sessel in einem Klassenzimmer und applaudiere der mutigen Frau Fletzberger.
Amina H.
 

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