10. GEDENKFAHRT NACH ENGERAU

Zeit: Sonntag, 28. März 2010 Abfahrt 8.00 Uhr (Sommerzeit), Rückkehr: ca. 18 Uhr (ACHTUNG geänderter) Treffpunkt: 1020 Wien, Praterstern 1 (vor dem Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung) U-Bahn Aufgang Heinestraße Unkostenbeitrag: EUR 11,- Anmeldung bis 20. März 2010: Dr.in Claudia Kuretsidis-Haider e-mail: kuretsidis@hotmail.com, Tel.: (01) 22 89 469 / 31
28.03.2010  |  08:00  -  18:00   |  

Programm

9.30 Uhr:
Gedenkkundgebung beim Mahnmal für die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter auf dem Friedhof von
Petržalka (Engerau) / Bratislava


Begrüßung: Dr. Helmut Wessely (Österreichischer Botschafter in Bratislava)
Ansprache: Endre Várnai (Sohn eines ermordeten ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiters)
Vorträge: Univ.-Prof. Dr. Szabolcs Szita (Vorsitzender des Holocaust Institutes in Budapest) mit Vertretern
ehem. ZwangsarbeiterInnen
Dr.in Eleonore Lappin (Institut für jüdische Geschichte Österreichs, St. Pölten)


11 – 12.30 Uhr:
Fahrt zu den Gedächtnisorten des ehemaligen Lagers
Engerau in Petržalka
Historische Begleitung:  Dr.in Claudia Kuretsidis-Haider (Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz)


12.45 – 14.30 Uhr:
Mittagspause in Wolfsthal


14.45 Uhr:
Gedenkkundgebung beim Gedenkstein für ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter auf dem Friedhof und im Kurpark von Bad Deutsch-Altenburg
Historische Einleitung: Dr.in Claudia Kuretsidis-Haider
Ansprache: Dr in. Eleonore Lappin


16 – 17.15 Uhr:
Gedenkfeier für die 155 in Bruck an der Leitha
ermordeten ungarisch jüdischen Zwangsarbeiter
Empfang im Stadttheater Bruck/Leitha
Begrüßung: Bgm. Richard Hemmer
Historische Einleitung: Dr.in Petra Weiß (Stadtarchivarin von Bruck/Leitha)
Gedenkkundgebung auf dem Friedhof
Zum Mahnmal: Dr.in Irmtraut Karlsson
Ansprachen: Prof. Dr. Paul Lendvai (Journalist)
Prof. Dr. Jonny Moser (DÖW, Zeitzeuge)

 

 

Information zu "Engerau"


Vorgeschichte

In der zweiten Hälfte des Jahres 1944 ordnete die nationalsozialistische Reichsführung den Bau einer Reichsschutzstellung, des so genannten „Südostwalls“ an, der die Ostgrenze des Deutschen Reiches gegen die sowjetische Armee verteidigen sollte. An der Grenze des heutigen Österreich verlief der „Südostwall“ von Bratislava bis an die südliche Grenze der Steiermark. Für die Bauarbeiten wurden sowohl Angehörige der örtlichen Zivilbevölkerung, Mitglieder der HJ und des Volkssturms, ausländische Arbeitskräfte sowie ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter herangezogen.
Ende November/Anfang Dezember 1944 kamen ca. 2.000 ungarische Juden mit einem Transport aus Budapest
am Bahnhof von Engerau an. Sie wurden in alten Baracken, Bauernhöfen, Scheunen, Ställen und Kellern
der Ortsbevölkerung untergebracht und mussten Schanzarbeiten leisten.

 

Das Lager für ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in Engerau

Das Lager Engerau bestand aus mehreren Teillagern, die von großteils aus Wien stammenden SA-Männern
sowie von „Politischen Leitern“ bewacht wurden. Die SA-Wache unterstanden zunächst Scharführer Edmund
Kratky, später Scharführer Erwin Falkner. Das Hauptquartier der SA, die von SA-Unterabschnittleiter Gustav
Terzer befehligt wurde, befand sich in Kittsee. Für die „Politischen Leiter“ in Engerau zuständig war NSDAPOrtsgruppenleiter Karl Staroszinsky.
Die Lebensumstände im Lager Engerau waren katastrophal.
Täglich starben mehrere Häftlinge an den menschenunwürdigen Bedingungen, an Hunger, Kälte und Entkräftung. Andere wurden von Angehörigen der Wachmannschaft „auf der Flucht erschossen“, erschlagen,
oder waren zur „Liquidation“ freigegeben worden, wofür eigens einige SA-Männer „zur besonderen Verwendung“ abgestellt waren. Eine von der slowakischen Regierung im April 1945 zusammengestellte Kommission exhumierte mehr als 500 Leichen, die auf dem Friedhof von Petržalka bestattet sind und errichtete einen großen und mehrere kleine Gedenksteine, die auch heute noch existieren.

Der „Todesmarsch“ von Engerau über Wolfsthal und Hainburg nach Bad Deutsch-Altenburg

Am 29. März 1945 (Gründonnerstag) erhielt SA-Wachkommandant Erwin Falkner den Befehl, das Lager Engerau
zu evakuieren. Am späten Nachmittag ließ er die jüdischen Gefangenen auf dem Vorplatz des Bahnhofes
antreten. Außerdem stellte er ein „Sonderkommando“ zusammen und ordnete an, all jene zu erschießen,
die zu krank und zu schwach waren, um mit zu marschieren. Der Marsch der Gefangenen führte über Wolfsthal und Hainburg nach Bad Deutsch-Altenburg.
Dabei erschossen SA-Männer und „Politische Leiter“an die hundert Personen.

Das Lager für ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in Bruck/Leitha

Bruck/Leitha gehörte zum Nordabschnitt der Reichsschutzstellung in Niederdonau und war von großer strategischer Bedeutung, weshalb im Gebiet um die Brucker Pforte gut befestigte Verteidigungsgräben von Kriegsgefangenen und "Ostarbeitern" sowie ungarisch-jüdische Zwangsarbeitern errichtet werden mussten.
Das "Ungarnlager" in Bruck bestand ab Oktober 1944. Untergebracht waren die ungarischen Juden in verschiedenen Scheunen in der Fischamenderstraße und „Am Stadtgut“. Zwischen 5.12.1944 und 26.3.1945 kamen 155 Zwangsarbeiter um. Am 29. März 1945 erfolgte – wie in Engerau – der Befehl zur „Evakuierung“ der jüdischen Arbeiter im Bauabschnitt Bruck nach Bad Deutsch Altenburg. „Obwohl die Zustände in Bruck menschenunwürdig waren, […] waren sie doch noch besser als in Engerau. Aus Bruck evakuierte Arbeiter, die mit der Engerauer Gruppe in Bad Deutsch-Altenburg zusammentrafen, waren entsetzt, wie heruntergekommen diese waren.“ (Stephan Viranyi, Überlebender) 


Ziel: Konzentrationslager Mauthausen

Auf dem Gelände des heutigen Kurparks an der Donau in Bad Deutsch-Altenburg mussten die ungarischen Juden auf ihren Weitertransport warten. Sie wurden auf Schleppkähne verladen, die bis nach Mauthausen fuhren.
Während dieser Schifffahrt kamen zahlreiche Gefangene durch Erschießen oder Verhungern um. Nach einer siebentägigen Fahrt erreichten sie Mauthausen und wurden in das Konzentrationslager gebracht. Aufgrund der dort vorherrschenden Überbelegung wurden sie auf einen weiteren Marsch von Mauthausen in das Waldlager Gunskirchen bei Wels getrieben, wo weitere unzählige Menschen starben. Anfang Mai 1945 befreiten US-Truppen die wenigen Überlebenden.

Die Prozesse

Bereits am 15. Mai 1945 erstattete einer der an den Verbrechen in Engerau beteiligten SA-Männer in Wien Anzeige. Diese zog die umfangreichsten und am längsten andauernden gerichtlichen Ermittlungen wegen NS-Verbrechen in der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte Österreichs nach sich. Zwischen 1945 und 1954 fanden in Wien – vor von der österreichischen Regierung eigens zum Zwecke der Ahndung von NS-Verbrechen installierten Gerichten – zahlreiche Prozesse statt, sechs davon erhielten die Bezeichnung „Engerau-Prozesse“. Der 1. Engerau-Prozess im August 1945 war gleichzeitig der erste Prozess wegen NS-Gewaltverbrechen in Österreich. In den insgesamt sechs Engerau-Prozessen waren 21 ehemalige SA-Männer und „Politische Leiter“ angeklagt.
Neun von ihnen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet, einer erhielt eine lebenslange Haftstrafe, einer
20 Jahre, einer 19 Jahre. Ein Angeklagter wurde freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelte in der
Strafsache Engerau gegen 72 Personen.

 

Literatur:

Claudia Kuretsidis-Haider, „Das Volk sitzt zu Gericht“. Österreichische Justiz und NS-Verbrechen am Beispiel der Engerau-Prozesse 1945-1954, Innsbruck- Wien-Bozen 2006.
Petra Weiß / Irmtraut Karlsson, Die Toten von Bruck. Dokumente erzählen Geschichte. Vorurteile – Anordnungen – Schicksale, Berndorf 2008.

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