Denkmal für ermordete Roma und Sinti in Salzburg beschädigt

Das von Unbekannten beschädigte Denkmal erinnert an die Opfer des Anhaltelagers Maxglan. In dem Salzburger Ort wurden ab 1939 230 Roma und Sinti von den Nationalsozialisten interniert, zur Zwangsarbeit gezwungen und später nach Auschwitz deportiert.

Mehrere Medien berichten, dass das 2010 errichtete Mahnmal „Niemals Vergessen“, in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Anhaltelager Maxglan, Anfang März 2020 von Unbekannten vermutlich komplett zerstört wurde.

 

Zwangsarbeit – auch für Leni Riefenstahl

Im Salzburger Vorort Maxglan bestand von 1939 bis 1943 ein Anhaltelager für als „Zigeuner“ Verfolgte. Hier wurden rund 230 Sinti und Roma gefangen gehalten. Nachdem es 1939 illegal geworden war, Wandergewerbe auszuüben, durften die Familien das Lager nur mehr verlassen, um ihrer Arbeit nachzugehen; etwas später konnten sie das Lager nur noch als ZwangsarbeiterInnen unter Aufsicht verlassen.

 

Das Lager bestand aus einigen wenigen Baracken und Zelten. Überlebende berichten von einem überfüllten Lager, Kälte, Hunger und schlechten Zuständen. Im April 1943 wurden 160 Sinti aus dem Lager nach Auschwitz deportiert, darunter auch die 17 im Lager geborenen Kinder.

 

Die von der NSDAP unterstützte Regisseurin Leni Riefenstahl setzte eine ganze Reihe Gefangener des Lagers Maxglan als Statisten in ihrem Film „Tiefland“ ein, einem in Spanien angesiedelten Melodrama, für das sie dunkelhaarige Menschen mit dunkler Hautfarbe brauchte. Riefenstahl wählte die StatistInnen selbst aus und unterließ es, die Gefangenen zu bezahlen. Der Film und die Zwangsarbeit sorgten auch nach 1945 für eine öffentliche Kontroverse: 1983 erschien der Film "Zeit des Schweigens und der Dunkelheit" über das Schicksal der Maxglaner KomparsInnen.  Die 2003 verstorbene Riefenstahl bestritt bis zuletzt ihr Mitwissen über die NS-Verbrechen.

 

Rechtsextreme Zerstöraktionen?

Der Salzburger Netzwerkkoordinator von _erinnern.at_, Robert Obermair, ist entsetzt: „Es ist schrecklich, dass wir in der Stadt Salzburg und ihrer Umgebung ständig wieder mit derartigen ewiggestrigen Zerstörungsaktionen konfrontiert sind. In den letzten Jahren wurden Stolpersteine herausgerissen, das Euthanasiemahnmal zertrümmert und die Gedenktafel für die Goldegger Wehrmachtsdeserteure beschmiert, um hier nur einige wenige Übergriffe zu nennen.“

 

Obermair fordert in diesem Zusammenhang ein klares Bekenntnis der Politik: „Die einzige angemessene Reaktion auf derartig widerwärtige Akte kann nur eine Intensivierung einer aktiven Gedenk- und Erinnerungspolitik sein. Es braucht mehr als bloße Lippenbekenntnisse im Rahmen von Gedenkveranstaltungen sondern eine klare Kante gegen (neo-)faschistisches Gedankengut und die daraus resultierenden Übergriffe und Denkmalschändungen. Es ist Zeit für ein mutiges Erinnern, vor allem auch an Widerständige gegen die faschistische Herrschaft in Österreich.“

 

Bundesministerin Karoline Edtstadler hält in einer Aussendung fest: „Angriffe auf Mahnmäler sind Angriffe auf die Menschen, derer wir gedenken“.  „Hass und Fremdenfeindlichkeit führen immer zu Gewalt und dürfen weder in Salzburg, noch sonst irgendwo in Österreich und Europa Platz haben. Als Bundesregierung werden wir daher weiterhin entschieden gegen derartige Entwicklungen ankämpfen,“ so die Bundesministerin für EU und Verfassung in einer Stellungnahme nach Bekanntwerden der Beschädigung.

 

Projekt “Niemals Vergessen – Ein Hörmahnmal”

2009 tourte das Projekt “Niemals Vergessen – Ein Hörmahnmal” durch Salzburg, die Audio-Installation und Skulptur wurde an mehreren Orten als mobiles Denkmal vorgestellt. Die Skulptur wurde schließlich 2010 nahe dem ehemaligen Anhaltelager Maxglan als permanentes Denkmal errichtet.  Zusätzlich zum Denkmal erinnern 17 Stolpersteine an die Opfer des Lagers, von dem allerdings keine Spuren mehr vorhanden sind.

 

_erinnern.at_ hat seit 2009 in Salzburg Schulprojekte und „public history“-Projekte über die Salzburger Roma und Sinti und ihre Vernichtung initiiert. Die Initiative für das Denkmal in Maxglan, wurde durch die ehemalige _erinnern.at_-Salzburg Koordinatorin Sigrid Langer begleitet. Aus einem _erinnern.at_-Schulprojekt entstand die Initiative, einen Schulfilm über das Lager Maxglan zu produzieren. Der Film für Schulen wurde 2011 präsentiert. Im Film „Zigeunerlager Maxglan“ kommen auch zwei Überlebende des Lagers zu Wort.

 

Wiedererrichtung gesichert

Alf Altendorf von der Radiofabrik, die das Denkmal betreut, bestätigte, dass das Denkmal saniert und wiedererrichtet wird. „Das Mahnmal wurde zehn Jahre lang von Anrainern liebevoll gepflegt. Es ist erschütternd, dass so etwas passiert. Wir bemühen uns jetzt, das Mahnmal wieder möglichst schnell in den Originalzustand zu bringen," so Altendorf gegenüber den Salzburger Nachrichten. Der Salzburger Vizebürgermeister Bernhard Auinger und Stadträtin Anja Hagenauer sagten ihre Unterstützung zu.

 

In der Schule über den Genozid an den Roma und Sinti lernen

Rund 500.000 Roma und Sinti wurden während des Holocaust ermordet - Opfer einer rassistischen Verfolgungspolitik deutscher und österreichischer Nationalsozialisten und ihrer faschistischen Verbündeten. Doch diesem Völkermord kommt heute immer noch wenig Beachtung zu. Roma und Sinti wurden in Vernichtungslagern, wie etwa in Auschwitz, getötet und fielen in Zwangsarbeits- und Konzentrationslagern der alltäglichen Gewalt, Hunger und Krankheiten zum Opfer. Viele wurden deportiert und als ZwangsarbeiterInnen ausgebeutet, auf Bauernhöfen, auf Baustellen und in der Industrie. Roma und Sinti nennen diesen Genozid „Porajmos“, was „Verschlingung“ oder „Zerstörung“ auf Romani bedeutet. Die von _erinnern.at_ entwickelte Lernwebsite romasintigenocide.eu ist mittlerweile in elf Sprachen verfügbar.

 

Die Lernwebsite bietet in über 70 Arbeitsblättern Informationen über den Genozid, Opferbiographien und über Orte der Vernichtung. Die lange europäische Verfolgungsgeschichte der Roma und Sinti wird ebenso beleuchtet, rassistische Kontinuitäten werden aufgezeigt.

 

_erinnern.at_ empfiehlt Lehrpersonen regionale Erinnerungszeichen, die an den Genozid erinnern, mit SchülerInnen zu besichtigen. Diese Besuche sollten vorbereitet werden, etwa mit historischen lokalen Quellen. Anregungen dazu finden Sie hier: - Link

 

Links

Romasintigenocide.eu

ORF Bericht vom 02.02.2020: - Link

Website des Denkmalprojektes 2009/2010 “Niemals Vergessen – Ein Hörmahnmal”: - Link

OTS-Bundespressedienst FBM Edtstadler: - Link

Film „Zigeunerlager Maxglan“ für Schulen 2011: - Link

Zeitschrift polis aktuell 2019/08: Roma in Österreich. Emanzipation einer Volksgruppe: - Link

SchülerInnen besuchen das Denkmal in Maxglan 2010, kurz nach der Eröffnung (© Radiofabrik Salzburg)
SchülerInnen besuchen das Denkmal in Maxglan 2010, kurz nach der Eröffnung (© Radiofabrik Salzburg)
Sinti Frauen mit ihren Kindern im Lager Maxglan bei Salzburg im Jahre 1939 oder 1940. (© Dokumentationsarchiv deutscher Sinti und Roma Heidelberg/Deutschland)
Sinti Frauen mit ihren Kindern im Lager Maxglan bei Salzburg im Jahre 1939 oder 1940. (© Dokumentationsarchiv deutscher Sinti und Roma Heidelberg/Deutschland)
In der Schule über den Genozid an den Roma und Sinti lernen: Die Website romasintigenocide.eu
In der Schule über den Genozid an den Roma und Sinti lernen: Die Website romasintigenocide.eu
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