Witz und Spott im Dritten Reich
Haus der Begegnung, Rennweg 2, 6020 Innsbruck
- https://www.erinnern.at/bundeslaender/tirol/termine/witz-und-spott-im-dritten-reich
- Witz und Spott im Dritten Reich
- 2008-10-31T19:00:00+01:00
- 2008-10-31T21:00:00+01:00
- Dramatisiert, vorgetragen und gesungen von Ottwald John & Franz Richard Reiter, auf der Violine begleitet von Mosa Sisic, nach dem Buch von Franz Danimann, Flüsterwitze und Spottgedichte unterm Hakenkreuz Haus der Begegnung, Rennweg 2, 6020 Innsbruck
31.10.2008 von 18:00 bis 20:00 (CET / UTC100)
Tirol
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Der ehemalige
KZ-Häftling und Autor Franz Danimann hat in seinem Buch "Flüsterwitze und
Spottgedichte unterm Hakenkreuz" (Böhlau-Verlag, Wien, 1983) zahlreiche
Beispiele des spezifisch deutschen Galgenhumors gesammelt. So kursiert in der
zerbombten Reichshauptstadt folgender Jokus: "In welcher Stadt gibt's die
meisten Warenhäuser? In Berlin. Wo man auch hinschaut: Überall waren
Häuser."
Dass Hitler trotz der drohende Niederlage immer noch von seinen
Vergeltungswaffen, den V-Waffen, träumt, bringt ihm bitteren Spott ein: "Hitler
will vom Flugzeug aus die Wirkungen der V-Waffen beobachten. Er freut sich über
die vielen Krater und Bombentrichter, die er überfliegt: 'Schon eine tolle
Waffe, die wir da haben.' Darauf antwortet der Pilot: 'Sie irren sich, mein
Führer. Wir befinden uns noch über Hamburg.'"
"Was ist das, es fängt
mit W an, läuft an der Wand und ist ekelhaft? Die Wochenschau", "Es wird
erwogen, ob die Zeitungen enger gedruckt werden sollen, damit man nicht soviel
zwischen den Zeilen lesen kann", "Was bedeutet der deutsche Gruß? Aufgehobene
Rechte".
Je offensichtlicher das System der Nationalsozialisten ins Wanken gerät,
umso eher trauen sich die Deutschen, ihre Frustration und Wut als Späße getarnt
abzulassen. Doch man bleibt vorsichtig. Denn wegen eines einfachen Witzes drohen
lange Haftstrafen - "Heimtücke" lautet in solch einem Fall meistens die Anklage.
Geschaffen haben es die braunen Machthaber bereits zu Beginn ihrer Herrschaft:
Im Dezember 1934 ist das "Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und
Partei und zum Schutz der Parteiuniformen" in Kraft getreten. Darin heißt es:
"Wer öffentlich gehässige, hetzerische oder von niederträchtiger Gesinnung
zeugende Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates oder der
Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, über ihre Anordnungen, oder
die von ihnen geschaffenen Einrichtunge n macht, die geeignet sind, das
Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, wird mit Gefängnis
bestraft."
Eigentlich haben die Nationalsozialisten diesen
Straftatbestand geschaffen, um gegen ihre politischen Gegner vorgehen zu können.
Doch nach Kriegsausbruch können auch unpolitische und sogar
nationalsozialistisch gesinnte "Volksgenossen" schnell vor einem der
berüchtigten Sondergerichte oder dem gefürchteten Volksgerichtshof
landen.
Steht zuvor Gefängnis oder zumindest Geldstrafe auf allzu bissige
Spottereien, so drohen dem wagemutigen Witzbold nun sogar KZ oder noch
Schlimmeres. Denn ein Spottgedicht auf die Kriegsherren kann von den Richtern
auch als "Wehrkraftzersetzung" interpretiert werden, auf die die Todesstrafe
verhängt werden kann. So geschieht es auch im Fall der österreichischen
Ordensschwester Helene Kafka, die im Oktober 1942 zum Tode verurteilt wird. Sie
hatte mittels Flugblättern ein Spottlied auf die Nazis verbreitet, in dem sie
unter anderem lästert: "Sie befreiten uns und eh' man's glaubt, hatten sie uns
ausgeraubt."
Das Amtsgericht
Bayreuth hat auf seiner Homepage zahlreiche Belege dafür gesammlt, dass auch
einfachste Meckereien im Dritten Reich streng geahndet wurden. Das spürt 1943
sogar ein pensionierter Studienprofessor aus Bayreuth, Mitglied in der NSDAP.
Bei einer Straßensammlung für Soldaten lehnt er eine Spende mit den Worten ab:
"Ach was, für unsere Soldaten! Und die Bonzen kriegen's." Wegen einer "unwahren
Äußerung über das Kriegshilfswerk des Deutschen Roten Kreuzes und die NSDAP"
wird der Mann zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Doch bissige
Bemerkungen verbreiten sich trotz der drakonischen Strafen durch Mundpropaganda
oft rasend schnell weiter. Das Meckern und Spotten wollen sich die Deutschen um
so weniger verbieten lassen, je schlechter die Lage steht. Besonders gehässige
Bemerkungen zieht in den letzten Monaten des Krieges die verzweifelte Maßnahme
auf sich, Kinder und alte Männer zu bewaffnen und zum sogenannten Volkssturm
einzuziehen: Sowieso sei das letzte Aufgebot des Führers nur zu einem Drittel
einsatzfähig, lästern böse Zungen. Das zweite Drittel hole sich gerade die
Invalidenrente ab, das dritte Drittel müsse zur Konfirmation.
Über die militärische Wirksamkeit der zusammen gewürfelten Truppe macht
sich niemand Illusionen: "Volkssturmmänner werden jetzt immer zu zweit an die
Front geschickt: Einer wirft einen Stein und der andere ruft 'Bumm!'" Der Humor
der Deutschen ist der deutlichste Indikator dafür, wie es um die Moral im Reich
steht. Die drohende Niederlage können viele nur noch mit Sarkasmus kommentieren:
"Wann ist der Krieg zu Ende? Wenn der Volkssturm mit der S-Bahn zur Front
fährt." Im Mai 1945 ist es tatsächlich so weit.
Quelle: Franz Danimann,
Flüsterwitze und Spottgedichte unterm Hakenkreuz, Böhlau-Verlag, Wien, 1983 und
der Aufsatz von Helmut Paulus: Das Sondergericht Bayreuth 1942-1945 - Ein
düsteres Kapitel Bayreuther Justizgeschichte, erschienen auf der Homepage des
Amtsgerichts Bayreuth "www.justiz.bayern.de/ag-bayreuth/"
