Richard Wadani verstorben

„Als ich von zuhause wegging, hat mir die Mutter ein weißes Tuch mitgegeben. ‚Du wirst es brauchen‘, hat sie gesagt. Ich habe es immer bei mir gehabt.“ Deserteur und Zeitzeuge Richard Wadani ist in der Nacht zum 19. April 2020 in Wien verstorben.

Richard Wadani wurde 1922 als Richard Wedenig in Prag geboren und wuchs dort als Sohn einer alleinerziehenden Mutter auf. Not und Armut sowie die revolutionäre Prager Atmosphäre der 1920er und 1930er prägten nicht nur seine Kindheit, sondern auch sein späteres politisches Verständnis. 1938 übersiedelte er mit Mutter und Bruder nach Wien, wo Richard Wadani eine Lehre als Automechaniker begann.

 

Um der Einziehung zur Infanterie zu entgehen, meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe und war dort als Chauffeur tätig. Bereits 1942 versuchte Richard Wadani, das erste Mal zu desertieren. Als dies scheiterte, begann er aktiv die russische Zivilbevölkerung mit Lebensmittel zu unterstützen. „Wir haben eigentlich die Lebensmittel, die die Deutschen den Russen zuvor weggenommen hatten, die haben wir (…) zu einem kleinen Teil wieder der Bevölkerung zurückgegeben“, erinnert sich Wadani.

 

1944 gelang es Richard Wadani, in Frankreich zu den Amerikanern überzulaufen. Das weiße Tuch, das ihm seine Mutter beim Abschied in die Hand gedrückt hatte, band er auf einen Ast, um seine friedliche Absicht zu signalisieren. Die Mutter hatte also Recht behalten.

 

Er trat in die tschechoslowakische Exilarmee ein. Nach Kriegsende kehrte Wadani nach Wien zurück und fand dort lange keine Arbeit und wurde auch darüber hinaus stigmatisiert. Deserteure, und auch wer sich für Deserteure einsetzte, galten als „Vaterlandsverräter“. In einem ausführlichen Video-Interview, das _erinnern.at_ 2015 mit ihm geführt hat, fasste Wadani seine Gefühle so zusammen: „Als ich nach Österreich zurückkam, war ich erst erstaunt, dann war ich schockiert, dann war ich empört.“

 

„Als ich von zuhause wegging, hat mir die Mutter ein weißes Tuch mitgegeben. ‚Du wirst es brauchen‘, hat sie gesagt. Ich habe es immer bei mir gehabt.“ Deserteur und Zeitzeuge Richard Wadani ist in der Nacht zum 19. April 2020 in Wien verstorben.

Im Online-Archiv weiter_erzählen finden sich zwei Video-Interviews mit Richard Wadani.

 

Richard Wadani setzte sich viele Jahre lang unermüdlich für die Rehabilitation und öffentliche Anerkennung der Opfer der NS-Militärjustiz ein. Seinem Engagement sind das Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz von 2009 und die Errichtung eines Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Wien zu verdanken.

 

„Zu diesen demokratiepolitischen Meilensteinen wäre es ohne Richard Wadani nie gekommen. Ja, es lässt sich durchaus sagen: Richard Wadani hat diese Zweite Republik verändert, besser gemacht und demokratiepolitisch reifer werden lassen. Er war ein Homo Politicus in allerbestem Sinn: Sein scharfsinniger Witz, sein Humor und seine Schlagfertigkeit beeindruckten ebenso wie seine zeitlebens gepflegte politische Haltung und sein unermüdliches Eintreten für Gerechtigkeit. Kritik und Widerstand waren ihm nicht leere Worte, sondern ein Lebensprinzip, bei dem es im Kern immer um die Fragen von Solidarität und sozialer Gerechtigkeit ging“, so die Zeithistorikerin und Wadani-Biografin Lisa Rettl: „Er wird dieser Republik fehlen und hinterlässt als mahnendes Gewissen der Demokratie eine große Lücke.“

 

Mehrfach nahm Richard Wadani, begleitet von seiner Frau Sieglinde, am ZeitzeugInnen-Seminar von _erinnern.at_ teil und war lange Jahre als Zeitzeuge an Schulen aktiv. Sein stets offenes, freundliches und bescheidenes Auftreten hat bei uns einen tiefen, nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

 

Unser Mitgefühl gilt seiner Frau und seiner Familie.

 

Links

Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Wien: - Link

Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“: - Link

Lernmaterialien für Schulen - 15 biographische Fallgeschichten von Verfolgten der NS-Militärjustiz: - Link

Video-Interviews mit Richard Wadani: - Link

Richard Wadani - Eine politische Biografie von Lisa Rettl und Magnus Koch: - Link