Bericht zum Zentralen Seminar 2025: Mauthausen und Gusen im Kontext der Befreiung
2025 widmete sich ERINNERN:AT in seinem Jahresschwerpunkt anlässlich des 80-Jahre-Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkriegs Fragestellungen zu Befreiung und Neuanfang. Das ganze Jahr hindurch wurden in allen Bundesländern Veranstaltungen organisiert sowie Lernmaterialien erstellt und auf der Website von ERINNERN:AT gesammelt. Höhepunkt der Aktivitäten war das Zentrale Seminar, Österreichs größte LehrerInnenfortbildung zu den Themen Holocaust, Nationalsozialismus und Antisemitismus, vom 13. bis 15. November in Mauthausen und Gusen. An der Fortbildung nahmen über 120 Lehrkräfte verschiedener Schultypen und Fächer aus ganz Österreich wie auch weitere BildungsakteurInnen und MultiplikatorInnen teil. Durch das Seminar führte Patrick Siegele, Bereichsleiter für Holocaust Education beim OeAD.
In diesem Video bekommen Sie einen Einblick in das Zentrale Seminar 2025.
Den Auftakt des Seminars stellte am Donnerstag, 13. November, die offizielle Begrüßung dar. Barbara Glück, Direktorin der KZ-Gedenkstätte, wies auf die langjährige Kooperation zwischen der Institution und ERINNERN:AT hin und betonte, dass eine Vor- und Nachbereitung durch Lehrkräfte essenziell für die Wirksamkeit eines Gedenkstättenbesuchs sei. Auch OeAD-Geschäftsführer Jakob Calice betonte die gute Atmosphäre des Seminars, wobei jedes Jahr auch neue TeilnehmerInnen dazustoßen. Er hieß zudem eigens angereiste deutsche und österreichische VertreterInnen der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) willkommen. In einer Videobotschaft hob Bildungsminister Christoph Wiederkehr die Bedeutsamkeit von Fortbildungsangeboten wie dem Zentralen Seminar hervor, da Antisemitismus in Schulen nach wie vor Thema und das Erinnern daher umso wichtiger sei. Abschließend betonte Patrick Siegele, dass sich ERINNERN:AT mit dem Transfer von Wissenschaft und Forschung in die Praxis widme, und stellte die Programmpunkte vor. Zudem wies er auf das Gaismair-Jahrbuch 2026 unter dem Titel „Haltung zeigen“ hin, welches mehrere bereits verschriftlichte Vorträge des Seminars enthält. So auch die beiden Einführungsvorträge des Seminars von Andrea Löw und Gregor Holzinger, deren Verschriftlichungen in diesem Beitrag zum kostenlosen Download bereitstehen.

Plenum des Zentralen Seminars 2026 (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Einführungsvorträge
Moderiert von Victoria Kumar (OeAD, ERINNERN:AT) begann der erste inhaltliche Seminarteil mit zwei Einführungsvorträgen. Sie boten den Teilnehmenden eine Basis, um sich mit den Inhalten in den Folgetagen vertiefend auseinandersetzen zu können. Andrea Löw, wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien München, schuf mithilfe des Zitats „Ich dachte, ich müsste glücklich sein“ einen Einstieg in die Perspektive der Überlebenden auf die Befreiung der Konzentrationslager in Europa. Mit einer Vielzahl weiterer Auszüge aus Ego-Dokumenten veranschaulichte sie die Ambivalenz der Erfahrungen und Gefühle, die die Befreiung für ehemalige Häftlinge mit sich brachte (Download des verschriftlichten Vortrags).
Der Leiter der Forschungsstelle der KZ-Gedenkstätte Mauthausen Gregor Holzinger thematisierte die Täterschaft während der Befreiung durch die verschiedenen Perspektiven von Befreiten, Befreiern und Besiegten. Er verdeutlichte unterschiedliche Arten und Grade der (Mit-)Täterschaft und erzählte von Menschen, die durch die Sammlung von Beweisstücken Verurteilungen ermöglichten (Download des verschriftlichten Vortrags).

v.l.n.r.: Andrea Löw, Victoria Kumar, Gregor Holzinger (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Nach den beiden Vorträgen gab es zuerst einen Austausch in Kleingruppen und im Anschluss eine allgemeine Diskussion, in welcher u.a. auf die Bedeutung von meist unter lebensbedrohlichen Umständen aufbewahrtem Quellenmaterial aus den Konzentrationslagern des Zweiten Weltkriegs aufmerksam gemacht wurde.
Filmvorführung und Diskussion
Ausklang fand der erste Seminartag im Programmkino Movimento Linz mit der Vorführung des 50-minütigen Dokumentarfilms „KZ Mauthausen – Von Fotografen, Häftlingen, Henkern“. Im Fokus stand das organisierte Verstecken von tausenden Fotografien, angeführt vom spanischen Inhaftierten Francisco Boix, der im Erkennungsdienst des KZ Mauthausen arbeiten musste.
Nach dem Film gab es ein von Julia Mayr, OeAD ERINNERN:AT Oberösterreich, geleitetes Gespräch mit der Regisseurin Barbara Necek, Silvia Dinhof-Cueto, Obfrau des Gedenkvereins der Republikanischen Spanier in Österreich, und Gregor Holzinger. In diesem wurde auf die Bedeutsamkeit der Kontextualisierung hingewiesen, wenn mit fotografischen Quellen gearbeitet wird, sowie die Ambivalenz von Funktionshäftlingen als „Täteropfer“ diskutiert. Silvia Dinhof-Cueto berichtete aus dem Leben ihres Vaters, der wie Boix als Republikanischer Spanier inhaftiert war. Nach dem Krieg wollte dieser zuerst mit dem Fahrrad nach Spanien zurückfahren, in welchem allerdings nach wie vor Franco an der Macht war. Durch Zufälle wurde er Koch für die amerikanische Armee; später wurde er aufgrund seiner Tuberkulose-Erkrankung früh arbeitsunfähig. Entschädigung erhielt er dafür nie, da es von offizieller Stelle hieß, dass seine Erkrankung nur mit zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit mit seiner Zeit im Konzentrationslager zusammenhängen würde.
v.l.n.r.: Silvia Dinhof-Cueto, Julia Mayr, Barbara Necek, Gregor Holzinger (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Vortrag „Vom Konzentrationslager zur Gedenkstätte. Zur Geschichte der KZ-Gedenkstätte Mauthausen“
Der zweite Seminartag am 14. November wurde mit einem Vortrag von Bertrand Perz, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, eingeleitet. Er sprach zur Entwicklung des Konzentrationslagers hin zu einer Gedenkstätte, die stark von politisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten in Österreich geprägt war. Das Lager wurde bereits 1947 an Österreich mit der Aufgabe übergeben, dort eine würdige Gedenkstätte zu errichten. 1970 gab es schließlich die erste Dauerausstellung, womit die Transformation des Ortes zu einem Lernraum in Gang gesetzt wurde. Das Lager im benachbarten Gusen, das 35.000 Todesopfer zu verzeichnen hatte, war lange vergessen und erhielt erst in den letzten Jahren vermehrt öffentliche und politische Aufmerksamkeit.

Bertrand Perz (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Lernmaterialien für den schulischen Einsatz (Workshops)
In den anschließenden parallel laufenden Workshops wurden die Themen des Seminars im Lichte einer potenziellen Behandlung im Unterricht diskutiert.
Workshop I: Gedenkstättenbesuche mit Schüler*innen? Ja, aber wie?

Christian Angerer und Gudrun Blohberger (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Workshop II: Orte der NS-Verbrechen in unmittelbarer Umgebung. DERLA-Vermittlungsangebote zu ehemaligen KZ-Außenlagern

Workshopleiterin Victoria Kumar im Gespräch mit Teilnehmenden (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Workshop III: Holocaust Distortion in den Sozialen Medien

Diskussionsrunde im Workshop (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Workshop IV: Erkenntnis oder Überwältigung? Visuelle Quellen zur Befreiung des KZ Mauthausen-Gusen

Arbeitsphase zu visuellen Quellen (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Workshop V: Leben nach dem Überleben
Orte der Erinnerung und heutiges Gedenken (Exkursionen)
Am Nachmittag des zweiten Seminartags wurden vier verschiedene Exkursionen angeboten, bei welchen die Teilnehmenden die KZ-Gedenkstätte Mauthausen-Gusen als Erinnerungs- und Lernort genauer kennenlernen konnten.
Exkursion I: „Wir haben alles verloren und mussten ganz neu anfangen“ – Die Befreiung aus der Sicht von Täterfamilien

Marc Baumgart führt die Teilnehmenden über das Gedenkstättengelände zu ehemaligen Wohnsiedlungen von Täterfamilien (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger).
Exkursion II: Was blieb und was verschwand. Kombinationsrundgang Mauthausen-Gusen
Exkursion III: Audioweg Gusen: Begehung, Einführung und Gespräch mit dem Künstler Christoph Viscorsum

Gespräch mit Künstler Christoph Viscorusum zum Audioweg Gusen (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Exkursion IV: KZ-Gedenkstätte Gusen – Die Neugestaltung eines Gedenkortes im 21. Jahrhundert

Eine Station der Exkursion führte die Teilnehmenden ins Besucherzentrum der Gedenkstätte Gusen (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger).
Lesung und Konzert: „Die Freiheit kam im Mai“ und „Mauthausen-Kantate“
Der Abend klang mit einer Lesung und einem Konzert aus, bei dem abwechselnd Ausschnitte aus dem Roman „Die Freiheit kam im Mai“ von Iakovos Kambanellis gelesen und die „Mauthausen-Kantante“ von Mikis Theodorakis aufgeführt wurden. Der Programmpunkt erfolgte in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft Wien und dem Landestheater Linz. Nach Grußworten von Regina Aspalter (Abgeordnete zum Oberösterreichischen Landtag) und dem Gesandten Klaus Vietze (Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Wien) gab Christian Angerer (OeAD ERINNERN:AT Netzwerk Oberösterreich) eine kurze historische Einordnung in die anschließende künstlerische Darbietung. Der griechische Schriftsteller Iakovos Kambanellis kam 1943 aufgrund eines gescheiterten Fluchtversuchs vom besetzten Griechenland in die Schweiz ins Lager Mauthausen. Sein Roman „Die Freiheit kam im Mai“ kann als autobiografischer Roman verstanden werden, der insbesondere die Stimmung während und nach der Befreiung einfängt und wiedergibt. Mikis Theodorakis, ebenfalls griechischer Häftling, vertonte vier von Kambanellis Gedichten. Die sogenannte „Mauthausen-Kantate“ ist zu einem universellen Symbol des Widerstands geworden, Theodorakis hat sie selbst anlässlich zweier Befreiungsfeiern dirigiert. Die literarisch-musikalische Darbietung von Angela Waidmann und Joachim Werner rief bei den Seminarteilnehmenden große Emotionen und standing ovations hervor.

Joachim Werner und Angela Waidmann (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Abschließende Angebote, Diskussion und Reflexion
Der dritte und letzte Seminartag startete mit zwei parallellaufenden Angeboten: Wie jedes Jahr hatten die ERINNERN:AT Bundesländer-KoordinatorInnen und Partnerinstitutionen auf dem Marktplatz die Gelegenheit, sich und ihre Materialien vorzustellen und mit den Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen. Das Team von ERINNERN:AT gab einen Einblick in die große Bandbreite der analogen und digitalen Lehr- und Lernmaterialien.

Austausch über Materialien und Lehrerfahrungen beim "Marktplatz" (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Weiters führte Judy Mardnli durch die Sonderausstellung „Wege in die Freiheit“. Der in Syrien geborene Künstler hatte die Gedenkstätte 2017 zum ersten Mal besucht und seitdem dort zu zeichnen begonnen. In den Kunstwerken verarbeitete er die Geschichte des Ortes und malte unter anderem Gesichter, die er in Holzmaserungen von Baracken und an Wänden zu erkennen glaubte. Außerdem berichtete er von persönlichen Assoziationen mit der Thematik. Abgesehen von seinen eigenen Kriegserfahrungen thematisierte er etwa einen Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha im Norden des Iraks, bei dem 1988 Tausende Menschen ums Leben kamen.

Führung mit Künstler Judy Mardnli (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Die von Gudrun Blohberger (Leiterin der pädagogischen Abteilung, KZ-Gedenkstätte Mauthausen) moderierte Podiumsdiskussion stellte unter dem Titel „Kunst des Gedenkens“ Geschichtsvermittlungs-Angebote mithilfe von Kunst in den Fokus. Judy Mardnli (Künstler), Pedro Carmona (Vermittler, KZ-Gedenkstätte Mauthausen), Angela Koch (Prof.in für Medienwissenschaft, Leiterin des Co.Lab ästhetisch-politische Praktiken an der Kunstuniversität Linz) und Petra Ratschenberger (Pädagogin und Clusterleiterin Brucknerschule Linz) diskutierten, inwiefern Kunst eine Chance sein kann, BesucherInnen und insbesondere SchülerInnen die Geschichte und Thematik des Ortes ohne institutionellen Rahmen selbst verarbeiten zu lassen. Allerdings äußerte sich Gudrun Blohberger auch zu der Schwierigkeit, die Balance zwischen der Ermöglichung von Kunstprojekten und der Bewahrung eines solchen Ortes zu finden.

Podiumsdiskussion "Kunst des Gedenkens" (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Das Zentrale Seminar endete mit einem kurzen Resümee über das Seminar. Barbara Schrotter vom Bundesministerium für Bildung (Abteilungsleiterin Bilaterale internationale Angelegenheiten Bildung, Holocaust-Education/Erinnerungspolitik – international) hob hervor, dass sie die Heterogenität der Seminarteilnehmenden aus jungen Menschen und regelmäßigen TeilnehmerInnen sowie die hohe Qualität der Vorträge beeindruckt habe. Patrick Siegele kündigte den Jahresschwerpunkt 2026 – „50 Jahre Volksgruppengesetz – Nationale Minderheiten in Österreich. Von der Verfolgung im Nationalsozialismus zur Anerkennung als Volksgruppen“ – an. Eingebettet in diesen Fokus wird sich das nächstjährige Zentrale Seminar vom 12. bis 14. November der Geschichte und Gegenwart der Kärntner SlowenInnen widmen. Schließlich wurde Christian Angerer gedankt, der über 20 Jahre als Oberösterreich-Netzwerker für ERINNERN:AT tätig war und im kommenden Frühjahr in Pension geht.

Patrick Siegele und Barbara Schrotter (Foto: OeAD/Mauthausen Memorial/Hechenberger)
Wir bedanken uns bei unseren KooperationspartnerInnen, allen Mitarbeitenden der KZ-Gedenkstätte Mauthausen-Gusen, allen ReferentInnen und Förderern, die das Zentrale Seminar möglich gemacht haben: Das Bundesministerium für Bildung, das Land Oberösterreich, der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, der Zukunftsfonds und die Deutsche Botschaft Wien.
