Ausstellung: Für das Kind
Die Ausstellung „Für das Kind“ erinnert an rund 10.000 überwiegend jüdische Kinder, die zwischen 1938 und 1939 vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Großbritannien fliehen konnten. Der erste österreichische Kindertransport startete am 10. Dezember 1938 vom Wiener Westbahnhof nach London. Mehr als zwei Drittel der geretteten Kinder sahen ihre Eltern nie wieder. Fotos, persönliche Gegenstände und bewegende Zitate, zusammengetragen von Kuratorin Milli Segal, erzählen von ihren Erfahrungen mit Ausgrenzung, Abschied und Verlust. Zugleich regt die Ausstellung dazu an, über Flucht, Verfolgung und das Schicksal von Kindern in Kriegszeiten nachzudenken. Von 15. Oktober bis 30. November ist sie im Kremser Rathausfoyer zu sehen.
Die durch das Novemberpogrom ausgelöste Rettungsaktion dauerte bis zum Kriegsbeginn 1939. Während rund 10.000 Kinder gerettet wurden, fielen etwa 1,5 Millionen jüdische Kinder der Shoah zum Opfer. Viele Überlebende verloren ihre Familien und mussten mit dem Schmerz leben, selbst in Sicherheit zu sein, während andere Kinder ermordet wurden. Die Ausstellung erinnert an ihre Schicksale und die Bedeutung von Menschlichkeit und Zivilcourage.
Die Kindertransporte und die Schicksale jüdischer Kinder aus Krems Kinder mit direktem Bezug zu Krems konnten auf diesem Weg entkommen. Ihre Lebensgeschichten zeigen jedoch, dass die Rettung häufig mit der Trennung von der Familie und dem Verlust der Eltern verbunden war.
Wilhelm und Elfriede Glass Wilhelm (auch Willi genannt) und Elfriede Glass waren die Kinder des Kremser Kaufmanns Bernhard Glass, der ein Bürsten- und Parfümgeschäft in der Spenglergasse betrieb. Robert Kohn erinnerte sich an Bernhard Glass als einen kleinen, tüchtigen Mann, der sich aus bescheidenen Verhältnissen emporgearbeitet hatte und zunächst als Bürstenbinder tätig gewesen war. Wilhelm besuchte die Realschule in der Ringstraße. Er wurde nach dem Novemberpogrom 1938 in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert, kam jedoch nach viereinhalb Monaten durch die Intervention seines Vaters frei. Die beiden Geschwister konnten 1938 mit einem Kindertransport nach Großbritannien fliehen und entgingen damit der nationalsozialistischen Verfolgung. Ihre Eltern Bernhard und Berta Glass erhielten kein Visum zur Ausreise. Am 26. März 1941 wurden sie nach Polen deportiert und später in Auschwitz ermordet. Die Kinder überlebten, während ihre Eltern nicht zurückkehrten. In den 1970er-Jahren besuchte Willi Glass frühere Freunde aus seiner Zeit bei den Roten Falken in Krems sowie ehemalige Kremser, die in Israel lebten.
Ilse Blau (später Ilse Suss) Ilse Blau wurde am 30. August 1925 in Krems an der Donau geboren. Ihre Eltern Karl Blau, geboren 1892 in Kollendorf, und Adele Blau, geboren 1898 in Schaffa (heute Šafov in Tschechien), hatten drei Töchter: Litzie, Herta und Ilse. Die Familie zog 1931 nach Wien, wo der Vater zuvor mit Pferden gehandelt hatte. Die Familie lebte jüdische Traditionen und besuchte regelmäßig die Synagoge. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 verschärfte sich die antisemitische Verfolgung. Die Eltern bemühten sich, ihre Töchter mit Kindertransporten nach England in Sicherheit zu bringen. Da sich die wirtschaftliche Lage der Familie verschlechtert hatte, mussten sie dafür Kredite aufnehmen. Herta reiste mit einem der ersten Transporte aus, Ilse folgte am 18. Dezember 1938 gemeinsam mit zwei Cousins. Litzie war bereits zu alt für einen Kindertransport, konnte später jedoch ebenfalls nach England auswandern und dort als Hausangestellte arbeiten. Ilse kam kurz vor Weihnachten in England an und wurde zunächst in einem Lager in Dovercourt untergebracht. Die Kinder lebten dort in Ferienhütten ohne Heizung und fließendes Wasser. Anschließend fand sie bei einem Ehepaar in Welwyn Garden City Aufnahme. Neben dem Schulbesuch musste sie im Haushalt arbeiten. Mit Kriegsbeginn verlor sie diese Unterkunft und fand später Arbeit bei einer Familie mit zwei Kleinkindern. Als auch diese wegzog, stand sie erneut ohne festen Platz da. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, musste die damals Vierzehnjährige die Schule verlassen und in einer Fabrik arbeiten, in der auch ihre Schwester beschäftigt war.
1941 erfuhr Ilse, dass Pflegekräfte gesucht wurden, bewarb sich um eine Ausbildung und wurde angenommen. Im selben Jahr wurden ihre Eltern Karl und Adele in das Ghetto Kielce deportiert. Später kamen sie nach Sobibor, wo sie im November 1943 ermordet wurden. Nach Kriegsende schloss Ilse 1945 ihre Ausbildung zur Krankenschwester ab. Am 15. Dezember desselben Jahres heiratete sie George Suss, einen ebenfalls aus Wien geflüchteten Mann, den sie in London kennengelernt hatte. Das Paar bekam zwei Töchter, Carol und Debbie, und lebte später in Edgware im Norden Londons. Ilse und George wanderten 2011 nach Israel aus, um näher bei ihren Kindern und Enkelkindern zu sein. George starb 2015. Auch Georges Familie war vom Holocaust betroffen: Seine Mutter Sidoni war 1941 gestorben, sein Vater Phillip wurde nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Georges Schwester Hedy hatte die Kriegsjahre mit ihrem Mann in England überlebt und kehrte später nach Wien zurück. Ilse Blus Schwester Litzie wanderte 1947 nach Palästina aus. Sie prägte auch ihre Nichten Carol und Debbie, die 1974 beziehungsweise 1976 nach Israel auswanderten.
Foto: Ilse Blau ganz links im Bild (Quelle: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Carol Shotts)
(Quellen: Collections Search - United States Holocaust Memorial Museum , Juden in Krems » Blog Archive » Tafel: Familie Glass, „Vergiss nie, dass du ein jüdisches Kind bist“. Veranstaltung in Gedenken an die Kindertransporte nach England 1938/1939 | Parlament Österreich)
