Beitrag Horst Schreiber: Die Jenischen im Nationalsozialismus
Horst Schreiber: Die Jenischen im Nationalsozialismus, in: Michael Haupt/ Edith Hessenberger: Fahrend? Um die Ötztaler Alpen. Aspekte Jenischer Geschichte in Tirol, Innsbruck-Wien-Bozen 2021, S. 124–155.
Wer sind die Jenischen?
Die Mehrheitsbevölkerung nennt die Jenischen in Tirol Dörcher, Laninger, Storchen und vor allem „Karrner“. All diese Fremdbezeichnungen werden in der Regel als Schimpfwörter verwendet. Die Herkunft der Jenischen ist nicht völlig geklärt. Eine These besagt, dass die Jenischen aus der einheimischen ländlichen Bevölkerung stammen und wegen ihrer Armut zu wandern begannen.
Einige Quellen weisen darauf hin, dass es in Tirol bereits im 16. Jahrhundert einheimische Fahrende gab, also Personen, die längere Zeit nicht sesshaft waren. Ab dem 17. Jahrhundert begaben sich vor allem Menschen aus dem Oberinntal und dem Südtiroler Vinschgau einzeln und dann im Familienverband auf Wanderschaft. Im Winter kehrten sie in ihre Heimatgemeinde zurück. Sie bestritten ihren Lebensunterhalt mit ähnlichen Tätigkeiten wie Roma und Sinti. Daher wurden sie überwacht, erfasst und kriminalisiert. Die Einschränkung der Wandermöglichkeiten und ihrer traditionellen Arbeitstätigkeit sollten die Jenischen zwingen sesshaft zu werden.
Im Zuge ihres nomadischen Lebens bildeten sie eine eigene Kultur und Sprache heraus. Sie lebten auch in Vorarlberg, Kärnten, Südtirol, in der Ostschweiz und im süddeutschen Raum (Elsass, Baden-Würtemberg bis Franken und Bayern).
Die Wurzeln der jenischen Sprache liegen im Deutschen und in regionalen Dialekten. Entsprechend den geografischen Gegebenheiten kommt das Jenische in verschiedenen Ausbildungen vor. Auch Einflüsse aus romanischen Sprachen, dem Romanés und aus dem Jiddischen bzw. Hebräischen sind vorhanden. Umgekehrt sind jenische Wörter wie „Kohldampf“ auch in die deutsche Umgangssprache eingegangen. Das Jenische diente früher als Geheimsprache zur Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsbevölkerung und als Sondersprache zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls. Es wird auch als Mutter- und Alltagssprache verwendet.
Durch die lange anhaltende Verfolgung, besonders in der Nazizeit, und die nach 1945 andauernde Diskriminierung der Jenischen in Österreich bzw. Tirol (aber auch in der Schweiz) ist die jenische Kultur und Sprache in ihrer Existenz bedroht.
Jenisch kann mit eingeweiht, wissend, klug übersetzt werden. Bis Ende des 19. Jahrhunderts ist der Begriff „Karren- und Grattenzieher“ üblich. Er geht zurück auf einen zweirädrigen Wagen, den die Jenischen mit sich zogen und in dem sie Werkzeuge, Waren und Gebrauchsgegenstände während ihrer Wanderschaft aufbewahrten.
