Buchpräsentation Hebert Brettl: Das Lager Lackenbach

Das größte Anhalte- und Zwangsarbeitslager für Roma und Sinti im nationalsozialistischen Deutschen Reich wurde im November 1940 im burgenländischen Lackenbach errichtet.
What Literatur
Wann

29.10.2026 von 19:00 bis 20:00 (Europe/Vienna / UTC100)

Bundesland

Tirol

Wo

Buchhandlung Haymon, Sparkassenplatz 4, Innsbruck

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Das Lager Lackenbach

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich im Jahr 1938 wurden Maßnahmen, die bereits in den 1930er-Jahren und auch davor gegen Romnja und Roma konzipiert worden waren, systematisch umgesetzt. Zwangsarbeit sowie die Internierung von Romnja und Roma in Zwangsarbeitslagern bildeten zentrale Bestandteile der nationalsozialistischen Politik. Unter dem vorgeschobenen Argument der Einsparung von Fürsorgeleistungen handelte es sich dabei um rassistisch motivierte Arbeits-, Sammel- und Durchgangslager, in denen die Betroffenen unter Gewaltandrohung festgehalten, entrechtet und ausgebeutet wurden.

Das größte Roma-Zwangsarbeitslager im gesamten Deutschen Reich wurde laut Angaben der Gendarmerie Lackenbach am 23. November 1940 im burgenländischen Lackenbach, im damaligen Kreis bzw. Bezirk Oberpullendorf, eingerichtet. Es befand sich in einem ehemaligen Meierhof sowie den dazugehörigen Stallungen.

Das Lager Lackenbach war ein Ort systematischer Schikanen, struktureller Ausgrenzung und erzwungener Arbeit. Zugleich fungierte es als zentrales Durchgangslager für die Deportation tausender Romnja und Roma in Konzentrations- und Vernichtungslager.

Im Unterschied zu anderen Lagern verblieben in Lackenbach mehrere hundert Häftlinge bis zur Befreiung durch sowjetische Truppen im Jahr 1945. Von den rund 12.000 österreichischen Romnja und Roma überlebten lediglich etwa 10 bis 15 Prozent die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik.

Den Überlebenden des Lagers Lackenbach wurde die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus über Jahrzehnte hinweg verweigert. Dies verweist auf die Fortdauer rassistischer Vorurteile und gesellschaftlicher Ausgrenzungsmechanismen, die bereits während der NS-Zeit wirksam waren und in veränderter Form auch nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Bestand hatten.

Auch in der wissenschaftlichen Forschung und in der historischen Fachliteratur nahm das Schicksal der Romnja und Roma über lange Zeit hinweg nur einen marginalen Stellenwert ein. Die erste spezifische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Lager Lackenbach erschien 1984: Kurzdokumentation des nationalsozialistischen Zigeunerlagers Lackenbach (1940–1945) von Dr. Erika Thurner. Diese Veröffentlichung erfolgte parallel zu den Vorbereitungen für das erste Roma-Mahnmal in Lackenbach.

Zahlreiche Dokumente – sowohl aus dem Lager selbst als auch aus den Akten der Kriminalbehörden in Wien – wurden gegen Kriegsende offenbar vernichtet oder beiseitegeschafft. Infolgedessen blieben zentrale Forschungsfragen, etwa zum Aufbau und zur öffentlichen Wahrnehmung des Lagers, zu den unterschiedlichen Formen der Gewalt und der Zwangsarbeit, zur Verantwortung der sogenannten Lagerproponenten sowie zu deren strafrechtlicher Verfolgung oder Nichtverfolgung, lange Zeit unbeantwortet. Auf Grundlage neu aufgefundener Quellen aus regionalen und überregionalen Archiven sowie aus privaten Sammlungen unternimmt es der Autor dieses Buches, bestehende Forschungslücken zu schließen.

Die Auswertung dieser neu zugänglichen Quellen ermöglichte es, den Forschungsschwerpunkt auf bislang wenig beachtete Aspekte zu legen. Untersucht werden unter anderem die Akteure des Lageraufbaus, die Lagerleitungen, die Verwaltung, die Wachmannschaften sowie die Lagerkapos; ebenso wird deren gerichtliche Aufarbeitung beziehungsweise das Ausbleiben einer solchen analysiert. Darüber hinaus werden die Verhaftungen sowie die Bedingungen und Wechselwirkungen von Einweisung und Entlassung der Romnja und Roma dargestellt. Ein zentraler Teil der Publikation widmet sich der Zwangsarbeit: ihren unterschiedlichen Formen, den Arbeitsbedingungen sowie jenen Institutionen und Akteuren, die von dieser Form der Ausbeutung profitierten.

Thematisiert werden zudem die Lebensbedingungen im Lager insgesamt sowie die besondere Situation von Kindern und Jugendlichen. Auch die verschiedenen Formen von Gewalt sowie Möglichkeiten ihrer zeitweiligen Entziehung, etwa durch Flucht, konnten recherchiert werden. Schließlich richtet der Autor den Blick auf die Wahrnehmung des Lagers durch die lokale und regionale Mehrheitsbevölkerung ebenso wie durch Romnja und Roma, die nicht inhaftiert waren. Mithilfe eines umfangreichen Bild- und Quellenmaterials wird aufgezeigt, wie sich Stigmatisierung und Ausgrenzung der Romnja und Roma auch nach 1945 fortsetzten, und wie spät eine institutionalisierte Gedenk- und Erinnerungskultur einsetzte.

Herbert Brettl

ist Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Burgenland, Netzwerkkoordinator von erinnern.at, Burgenland, Projektleiter der „Initiative Erinnern Frauenkirchen“, Herausgeber der Buchreihe „Burgenländische Lebensgeschichten“ und Kurator einer Reihe von zeithistorischen Ausstellungen. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Beiträge und Bücher zur burgenländisch-westungarischen Zeitgeschichte verfasst. www.brettl.at

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Literatur
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Roma/Sinti