Bericht: "Ein Jahr Gedenkstätte. Was bleibt?"

Der Bregenzer Samuel Rösel teilt in diesem eindrücklichen Bericht seine Erfahrungen und Einsichten aus einem Jahr Mitarbeit an der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen bei Oranienburg.

Weit, farblos, karg und beklemmend. Jene Eindrücke ergreifen mich, als ich Anfang September 2025 zum ersten Mal über das Gelände der Gedenkstätte laufe. Über 200.000 Menschen wurden zwischen 1936 und 1945 hier, im ehemaligen KZ Sachsenhausen, inhaftiert, Zehntausende ermordet. Noch ist es früh morgens und still. Bald werden, wie jeden Tag, zahlreiche Schulklassen und Besuchergruppen am Bahnhof Oranienburg ankommen, durch die nur wenige Kilometer nördlich von Berlin gelegene Kleinstadt spazieren, und schließlich, wie ich gerade, vor dem Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers stehen. Doch noch bin ich der Einzige, der die Toraufschrift "Arbeit macht frei" liest und ein mulmiges Gefühl bekommt. Ich realisiere erstmals wirklich, an welch einem Ort ich nun ein Jahr lang arbeiten werde.

Vier Monate später, ein verregneter Donnerstag. Ich laufe erneut über das Gelände, aber diesmal nicht allein. Mir folgen etwa 20 Schülerinnen und Schüler, begleitet von einer Lehrerin. Erstmals kann ich das von mir erarbeitete Führungskonzept anwenden und versuchen, mit der Gruppe ins Gespräch zu kommen. "Habt ihr eine Idee, was ein heutiges Gefängnis von einem Konzentrationslager unterscheidet?" und "Warum wurden Menschen in Konzentrationslager eingesperrt?", frage ich die Gruppe. Die ersten Hände schießen in die Höhe, ich freue mich über das Interesse. Ich laufe weiter, bleibe wieder stehen, erzähle und stelle Fragen. Eine Schülerin blickt desinteressiert in die Luft, zückt ihr Handy und steckt es schnell wieder ein, als ihr ein strenger Blick der Lehrerin zufliegt. Und schon sind zwei Stunden vorbei. Ich verabschiede mich von der Gruppe, bekomme Applaus und freue mich, die erste Führung gut gemeistert zu haben.

Es ist Ende Jänner. Seit einigen Monaten pendle ich zwischen Berlin und Oranienburg. Momentan ist es sehr kalt, rutschig, düster und dunkel. Der berüchtigte Berliner Winter entfaltet sich in vollen Zügen. Für mich persönlich ist diese Zeit gerade nicht einfach. Die kalte Jahreszeit, die große Distanz zu Familie und Freunden und die Frage, in welche berufliche Richtung es nach meinem Gedenkdienst gehen soll, beschäftigen mich sehr. Vor wenigen Monaten, gerade mit der Schule fertig, wollte ich nichts mehr, als in die weite Welt zu ziehen. Dass es anderswo, in der weiten Welt, auch schwierig sein kann, wird mir gerade bewusst. Viele Telefonate, gute Bücher und Gespräche mit Andrey und Maya, den anderen beiden Freiwilligen an der Gedenkstätte, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, helfen mir sehr. Die beiden sind ein wesentlicher Grund dafür, dass ich trotz der Geschichte des Ortes auch viele schöne Stunden an der Gedenkstätte verbringen und viel lachen kann.

Gerade in Gedanken nach Hause frage ich mich: "Waren trotz der geografischen Entfernung im KZ Sachsenhausen auch Vorarlbergerinnen und Vorarlberger interniert?" Ein erster Ansatzpunkt ist das Lexikon Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933–1945 der Johann-August-Malin-Gesellschaft, ein historischer Verein in Vorarlberg. Es ist ein harter Moment, als ich hier tatsächlich schon erste Einträge finde. Denn obwohl ich mich nun schon seit mehreren Monaten täglich mit den Gräueltaten des Nationalsozialismus beschäftige, lese ich nun von Menschen, die im selben Bundesland, teils derselben Stadt geboren und aufgewachsen sind, wie ich es bin. Es ist beklemmend und erschütternd mir vorzustellen, dass sie grundlos verfolgt und eingesperrt, oft über Monate verhört, dann über mehrere Konzentrationslager deportiert und schließlich im KZ Sachsenhausen ermordet wurden – hier, wo ich gerade im warmen Büro sitze. Ich recherchiere nun auch in der Datenbank der Gedenkstätte, suche nach Wohn- und Geburtsort, gebe jede Gemeinde in der Datenbank ein und finde schließlich weitere Menschen aus Vorarlberg. Ein besonderer Dank gilt der Malin-Gesellschaft, die meine Ergänzungen zu zehn bereits verzeichneten und drei neu ermittelten Personen aufgenommen hat.

Es ist ein Mittwochmorgen im März 2026 und ich bin aufgeregt. Vor etwa einem Monat habe ich eine Anfrage des deutsch-französischen Fernsehsenders ARTE erhalten. Der Journalist, der mich und meine Freiwilligenarbeit porträtieren möchte, kommt durch die Tür und wir begrüßen uns. Die nächsten Tage begleitet er mich auf meinem Arbeitsweg, filmt mich, während ich Videos für die Social-Media-Kanäle der Gedenkstätte aufnehme und begleitet eine meiner Führungen. Er stellt mir dutzende Fragen zu meiner Motivation, meiner persönlichen Familiengeschichte und meinem Alltag an der Gedenkstätte. Er möchte wissen, wie ich die jungen Menschen erlebe, ob es Probleme gibt. Ich erzähle von den vielen offenen, interessierten Schülerinnen und Schülern, die ich in der bisherigen Zeit kennenlernen durfte. Von den vielen, mit denen ich ins Gespräch komme. Er hakt nach, erwähnt Medienberichte über inakzeptables Verhalten von Schulgruppen während eines Gedenkstättenbesuchs und zitiert Umfragen, die offenlegen, dass vielen jungen Menschen der Begriff "Holocaust" überhaupt nichts sagt. Ich stimme zu, das ist erschreckend und sollte nicht beschönigt werden. Dennoch habe ich zum Großteil andere Erfahrungen gemacht und finde es deshalb besonders schade, dass die vielen interessierten Jugendlichen – die ich kennenlernen durfte – wenig (mediale) Aufmerksamkeit erhalten. Mit meinem ARTE-Beitrag möchte ich dem entgegenwirken. Ich wiederhole meine Erfahrungen mehrmals, denn mir ist wichtig, dass das in den Beitrag kommt: Die allermeisten meiner Klassen kommen wissbegierig und aufgeschlossen, beteiligen sich an der Führung und fahren nachdenklich wieder nach Hause zurück. 


>> Der Arte-Beitrag "Deutschland: Samuels Dienst gegen das Vergessen" kann hier abgerufen werden.

Es ist April. "Keine Zeit, sorry!", höre ich an der Gedenkstätte gerade ziemlich oft. Der 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Sachsenhausen steht an. Somit rückt die jährlich größte und wichtigste Veranstaltung immer näher. Wie jedes Jahr wird eine hohe Besucherzahl erwartet. Beim Mittagessen sind sich alle einig, dass es momentan doch wirklich viel zu tun gibt. Ein Mitarbeiter berichtet von den Einladungen, die er gerade verschickt, und ein anderer erklärt, was wir uns vom Catering erwarten dürfen. Eine Mitarbeiterin erzählt von einer Hotelreservierung, die sie gerade für einen Überlebenden, der aus Polen anreisen wird, abgeschlossen hat. Ich horche auf, frage nach der Lebensgeschichte des Mannes. Sie erzählt über Bogdan Bartnikowski. Mit 12 Jahren sei er nach dem Warschauer Aufstand ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und nach der Räumung des Lagers durch die SS in ein Außenlager von Sachsenhausen verschleppt worden. Nach der Befreiung sei er nach Polen zurückgekehrt und habe dort als Autor gearbeitet. Um von seinen Erlebnissen zu erzählen, werde er für den Jahrestag nun nach Deutschland reisen.  


Es ist Ende April, der Jahrestag beginnt. Die Veranstaltungsräume der Gedenkstätte füllen sich. Der Leiter der Gedenkstätte und der Ministerpräsident des Landes Brandenburg halten Begrüßungsreden. Kränze werden niedergelegt und dann beginnt das Zeitzeugengespräch mit Bogdan Bartnikowski. Er spricht polnisch, ich höre die Übersetzung in meinem Ohr. Er erzählt über die katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Lagern, von seinen schrecklichen Erlebnissen und der Todesangst. Er spricht sehr gewählt und fesselt das ganze Publikum, das anschließend viele Fragen stellt. Eine junge Frau steht auf, bedankt sich und fragt: "Fällt es Ihnen nicht schwer nach Deutschland zu kommen, nach alldem was Sie in diesem Land erleben mussten?" Er antwortet: "Nein, das fällt mir nicht schwer, sonst würde ich nicht kommen. Ich bin da hineingewachsen und habe angefangen zu denken, dass ich in ein anderes Land komme. Nicht zu den Nazis, zu anderen Menschen. Zu Menschen, die uns als mündige, europäische Bürger betrachten, nicht als Untermenschen. Auch wenn ich keinen Widerstand verspüre nach Deutschland zu kommen, bleibt es für mich ein tiefes psychisches Erlebnis." Ich applaudiere, bin von diesen Worten und diesem Mann zutiefst beeindruckt und berührt. Wie schafft es ein Mensch, der in so jungem Alter in Deutschland durch die Hölle gegangen ist, heute nicht verbittert zu sein? Wie schafft er es, hier zu sitzen und mit großer Weisheit solch versöhnliche Worte zu sprechen? Gleichzeitig wird mir in diesem Moment bewusst, wie wichtig eine solche Veranstaltung, wie wichtig die Gedenkstätte ist. Denn sie schafft Raum und bietet eine Bühne für diesen vorbildhaften Menschen.

Ich steige in die S-Bahn, es ist Ende August. Ein letztes Mal höre ich das Piepen der sich schließenden Türen. Während die Landschaft Brandenburgs an mir vorbeistreift, blicke ich auf ein vielseitiges und prägendes Jahr zurück. Eines ist dabei klar: Das Schönste war die Arbeit mit den jungen Menschen. Diese pädagogische Bildungsarbeit, der Diskurs mit den Schülerinnen und Schülern, machte mir nicht nur unglaublich viel Freude, sondern hat meinem Jahr einen echten Sinn gegeben. Wenn ich heute auf die vielen gesellschaftlichen Herausforderungen blicke, macht es mir Hoffnung, mit diesen interessierten, kritischen und diskursfreudigen Jugendlichen in die Zukunft zu gehen.

Veröffentlicht am 07.09.2026, zuletzt geändert 07.09.2026