Filmempfehlung: „Back to the Fatherland“ (2017) von Kat Rohrer und Gil Levanon

Eine Besprechung des Dokumentarfilms aus dem ERINNERN:AT-Netzwerk Wien inklusive Verknüpfungsmöglichkeiten mit der aktuellen Sonderausstellung des JMW "Die dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis" sowie einer Podcast-Folge der Reihe FALTER Salon zu "Kriegshelden" in der Familiengeschichte.

 
Der von den beiden miteinander befreundeten Filmemacherinnen Gil Levanon und Kat Rohrer gestaltete und im Jahr 2017 veröffentlichte 75-minütige Dokumentarfilm „Back to the Fatherland“ begleitet EnkelInnen von Holocaustüberlebenden und damit Angehörige der „dritten Generation“ beim Versuch, Israel zu verlassen und sich eine eigene Zukunft in Deutschland bzw. Österreich aufzubauen, ohne dabei die Schatten der Vergangenheit zu verdrängen.
Die mit dieser Entscheidung der porträtierten Enkel Dan und Guy verbundene Veränderung in der Beziehung zu den eigenen Großeltern, Überlebende der Shoah, und zum Rest der Familie, ist dabei richtungsweisendes Element des Films und zeigt sich in intensiven, spannenden Gesprächen, die wesentliches Gestaltungselement von „Back to the Fatherland“ sind.
Umrahmt ist die Binnenhandlung des Films, das Begleiten der beiden Israelis Guy und Dan und deren Familien, von Einblicken in die jeweilige Familiengeschichte der beiden Filmemacherinnen selbst: Die erste Szene zeigt eine Holzkiste auf dem Dachboden des Elternhauses von Kat Rohrer, deren Inhalt in der letzten Szene als Wehrmachtsuniform ihres Großvaters offenbart wird. Dadurch wird der Film um die Perspektive auf NS-Täterschaft in der eigenen Familie und die Frage nach dem (richtigen) Umgang damit erweitert. 

Gil Levanon, aufgewachsen in Israel und Enkelin von Jochanan Tenzer, der 1937 aus der Pfalz vor antisemitischer Verfolgung ins heutige Israel fliehen musste, konfrontiert im Film -ebenfalls die Binnenhandlung umrahmend- sichtlich nervös ihren Großvater mit ihren Überlegungen und später ihrer Entscheidung, in die deutsche Hauptstadt Berlin zu ziehen. „Die Deutschen waren schlecht, und sie blieben schlecht, und sie werden schlecht bleiben. Ich werde auch nie Freundschaft schließen mit jemandem aus Deutschland, der gut ist zu meiner Enkelin. Das kann ich nicht.“ Diese Aussage Jochanans leitet gleich zu Beginn des Films aus dem Off ins Thema des Films ein und zeigt in ihrer Bestimmtheit besonders anschaulich auch das innerfamiliäre Konfliktpotential, das die Entscheidung junger säkularer Juden und Jüdinnen aus Israel, in die Länder der Verfolgung ihrer Vorfahren auszuwandern, mit sich bringt.

Der Film zeigt aber auch an den Beispielen von Guy mit seinem Großvater Uri und Dan mit seiner Großmutter Lea, beide in Wien geboren, wie unterschiedlich die Reaktion der Großeltern auf die Entscheidung ihrer EnkelInnen ausfallen kann. 


Dieser wertvolle Film bietet in und außerhalb eines Einsatzes im Unterricht (empfohlen wird er hier für die Oberstufe) eine weite Bandbreite von Gesprächsthemen und Möglichkeiten der inhaltlichen Fokussetzung: Kontinuitäten von Antisemitismus und Angst vor einer antisemitischen Verfolgung heute, Vorurteile von Israelis und ÖsterreicherInnen vom jeweils anderen Land, die Situation im Nahen Osten, Sprechen bzw. Schweigen zwischen den Generationen, Besuche von Holocaustüberlebenden bei ihren EnkelInnen im Land ihrer Verfolgung und ihr Umgang damit, innerfamiliärer sowie länderübergreifender Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit uvm.

Ein Ausschnitt des Films ist in der aktuellen Sonderausstellung des Jüdischen Museums Wien, „Die dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis“, die noch bis 16. März 2025 besucht werden kann, zu sehen: Darin erzählt Uri seinem nach Salzburg ausgewanderten Enkel Guy während einer Straßenbahnfahrt entlang der Wiener Ringstraße von seiner Verhaftung durch die Gestapo. Eine sehr berührende Sequenz des Films, die auch das Spannungsfeld zwischen der Familiengeschichte der ProtagonistInnen von „Back to the Fatherland“ und die Entscheidung der im Film porträtierten EnkelInnen für eine Zukunft in den NS-Täterländern Österreich bzw. Deutschland zeigt.
 
Neben einem Besuch der Ausstellung des JMW kann die Sichtung des hier empfohlenen Dokumentarfilms auch ergänzt werden durch das Anhören der Podcastfolge „Opa war (k)ein Nazi“ der Reihe FALTER Salon vom August 2019, die anlässlich des sich damals 80 Jahre jährenden Kriegsbeginns, ausgelöst durch den Überfall Deutschlands auf Polen, publiziert wurde.
Darin diskutieren die Journalistin Anna Goldenberg, die 2023 verstorbene Zeithistorikerin Heidemarie Uhl und Kat Rohrer, Co-Filmemacherin von „Back to the Fatherland“, über die Frage nach dem „richtigen“ Umgang mit sogenannten Kriegshelden in der eigenen Familie. 

Die 29-minütige Podcast-Folge ist unter dem unten angefügten Link verfügbar und bietet durch den Fokus auf die Familiengeschichte Kat Rohrers, die stellvertretend für den Großteil österreichischer Familien gesehen werden kann, eine gelungene Ergänzung zu „Back to the Fatherland“. 


Hier gelangt man zur Podcast-Folge: https://shows.acast.com/1974c592-0a34-5e8c-a961-7ff704ac4476/f9760b92-31fc-4ddd-835b-cb005ce29c4a


Im Unterricht könnten damit Fragen thematisiert werden wie
"Wie beschreibt Kat Rohrer eine „typisch österreichische Familiengeschichte“?"

"Wie erinnert sich die Familie von Frau Rohrer an ihren Großvater? Erinnern sich alle gleich? Falls nein, wie unterscheiden sich diese Erinnerungen?“

„Erkläre die Diskrepanz, von welcher die Historikerin Heidemarie Uhl zwischen der Geschichte, die in der Schule gelehrt wird, und der Geschichte, die innerhalb einer Familie überliefert wird, spricht. Worauf führt sie diese zurück?“

„Wie wurde, laut Podcast, in der österreichischen Gesellschaft und Politik mit heimkehrenden Soldaten („Heimkehrern“) ab 1945 umgegangen?“



Auch wird in dieser Podcastfolge der hier empfohlene Dokumentarfilm „Back to the Fatherland“ aufgegriffen, und Kat Rohrer berichtet von verschiedenen Reaktionen auf den Film bei Vorführungen in Deutschland bzw. Österreich, Israel und den USA.
 
"Back to the Fatherland" ist als DVD im Handel und als Stream auf "Kino VOD Club" zu erwerben, und hier gibt es nähere Informationen zum Film: https://backtothefatherland.com/

Zum Vertiefen des Themas "Dritte Generation" für Lehrpersonen ist der Ausstellungskatalog zur Sonderausstellung des JMW geeignet: 
Sabine Apostolo/Gabriele Kohlbauer-Fritz/Agnes Maisinger im Auftrag des Jüdischen Museums Wien (Hg.), Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis (Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung), Wien/München 2024.

Ein niederschwelliges Arbeitsblatt zur Behandlung der Podcastfolge im (Oberstufen-) Unterricht ist per E-Mail an antonia.winsauer@bildung.gv.at erhältlich.

Und ein letzter Hinweis: Anlässlich des Internationalen Holocaust Gedenktags bietet das Jüdische Museum Wien aktuell zudem kostenlose Workshops in der Ausstellung „Die dritte Generation“ an: https://www.erinnern.at/bundeslaender/wien/termine/kostenloses-workshop-angebot-in-der-ausstellung-die-dritte-generation
 
 
 
 
 

Veröffentlicht am 19.01.2025, zuletzt geändert 20.01.2025