Nachbericht: Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des "Anschlusses" im März 1938
Um 09:00 Uhr fand am Amtshaus „Am Spitz“ in Floridsdorf die erste Gedenkfeier statt. Nach Reden von Volkmar Hannes Harwanegg (Bund Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen) , eines Vertreters der Bezirksvorstehung und Stephan Roth (DÖW) lasen SchülerInnen der Klassen 7DE des GRG 21, Schulschiff Bertha von Suttner, aus Briefen und Tagebüchern von Verfolgten und Widerständigen im Wien von 1934 bis 1945 – über Angst, Verzweiflung, Mut und Hoffnung.
Einer der vorgelesenen Texte von Augenzeugen des 12. März 1938 stammt von G.E.R. Geyde:
„Rette sich wer kann!“ war die allgemeine Losung nach der Abschiedsrede Schuschniggs, aber Rettung war praktisch aussichtslos. Alle Landstraßen, die zur Grenze führten, waren von Taxis und Privatautos der Flüchtlinge verstopft. Auf dem Flugplatz ebenso wie auf den Bahnhöfen drängten sich ein buntes Gemisch von Fürsten, Bauern und armen Leuten, von weltbekannten Bankiers und unbekannten Proletariern, Juden aus den höchsten wie aus den niedrigsten Kreisen, Offiziere des Bundesheeres, von Polizeibeamten und jenen Kommunisten und Sozialisten, die sie verhaftet und bestraft hatten; katholische Priester, Staatsbeamte und Journalisten - sie alle suchten verzweifelt, auf dem abfahrenden Zug einen Platz zu erobern. Die Klügeren, diejenigen, die Strapazen auf sich nehmen konnten, begaben sich in kleinen Gruppen zu Fuß in die Wälder und schlugen sich nach den Grenzübergängen in den Bergen durch, in der Hoffnung, auf Schleichwegen in Sicherheit zu kommen.“
- aus: „Als die Bastionen fielen“ des Zitierten
Nach den Redebeiträgen der SchülerInnen wurde ein Kranz beim Denkmal für die am 8. Mai 1945 hingerichteten Widerstandskämpfer Major Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Raschke niedergelegt.
Um 10:30 Uhr fand bereits die zweite Gedenkfeier statt, und zwar in der Gedenkstätte Hinrichtungsraum im Landesgericht für Strafsachen.
Landesgerichtspräsident Friedrich Forsthuber begrüßte die Anwesenden, anschließend sprachen Ursula Schwarz (DÖW) und Norbert Kastelic, Redner der ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Sohn des hingerichteten Widerstandskämpfers Jacob Kastelic.
Die dritte Gedenkfeier fand um 12:00 Uhr im Gedenkraum Salztorgasse statt, wo an die Opfer der Gestapo erinnert wurde.
Es sprachen Friedl Garscha (für den KZ-Verband), Claudia Kuretsidis-Haider (stellv. Wissenschaftliche Leiterin des DÖW) und Antonia Winsauer (ERINNERN:AT Wien).
Anschließend lasen SchülerInnen der 6C des RG/WRG 8 Feldgasse aus Pascal Merls Buch „Lass das gehen. Eine jüdische Familiengeschichte im Spiegel des 19. Und 20. Jahrhunderts“. Pascal Merl ist Nachkomme jüdischer Überlebender in Wien und hatte die Klasse einige Tage zuvor besucht und von seiner Familiengeschichte berichtet.
In den Ausschnitten zeichneten die SchülerInnen das Leben der Familie Merl nach dem „Anschluss“ Österreichs schlaglichtartig nach und nahmen vor allem die Schilderungen von Harry Merl, Pascal Merls Großvater, der 1934 in Wien geboren wurde, in den Fokus.
So schreibt Pascal Merl etwa:
"Eine markante Erinnerung meines Großvaters, die ich bereits als Kind kannte, ist jene an einen Besuch einer Konditorei im 3. Bezirk:
„Eines Tages gingen meine Mutter und ich in eine Konditorei in der Ungargasse. Sie wollte für mich Schaumrollen kaufen. Vielleicht um mir eine Freude zu machen. Die Verkäuferin sah mich und sagte zu mir: ,Na, du bist aber ein hübscher Junge mit schönen blauen Augen und blonden Haaren, wirst ja mal ein strammer Hitlerjunge werden. Wie heißt du denn?' Ich antwortete: ,Harry Merl Israel. Das waren Beinamen, sehr schöne Namen, für Männer Israel, für Frauen Sara, die Juden tragen mussten, um sie als Juden kenntlich zu machen. Meine Mutter erschrak natürlich, packte mich und wir liefen aus der Konditorei hinaus, da es Juden gesetzlich verboten war, Geschäfte zu betreten.' “
Nach der Gedenkfeier im Gedenkraum Salztorgasse 6 sprach noch Mathias Lichtenwagner (KZ-Verband Wien) am Mahnmal für die Opfer Gestapo am Morzinplatz, wo abschließend noch ein Kranz niedergelegt wurde.
Hinweis: „Lass das Gehen. Eine jüdische Familiengeschichte im Spiegel des 19. Und 20. Jahrhunderts“ von Pascal Merl ist 2023 im Verlag am Rande erschienen und im Buchhandel erhältlich.
