Das Novemberpogrom in Wien - zwei Brüder sehen sich zum letzten Mal

Vor 81 Jahren wurde mit dem Novemberpogrom die Vertreibung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten radikalisiert und systematisiert. Aus diesem Anlass möchten wir Geschichten der Verfolgung aus allen Bundesländern aufzeigen und in Erinnerung halten.

27 Jüdinnen und Juden werden in den Tagen des Novemberpogroms in Wien ermordet, 88 schwer verletzt, 6.547 verhaftet, rund 3.700 in das KZ Dachau deportiert. Zwei der während des Novemberpogroms Verhafteten waren der 24-jährige Richard Schoen und sein Bruder Leopold. Sie mussten mit anderen hunderten Inhaftierten stundenlang im Stehen warten und wussten nicht, was passieren würde. Richard Schoen berichtet, wie sein Bruder plötzlich herausschrie: „‚Was haben wir Juden angestellt? Warum müssen wir so leiden?‘ Ich stand ganz nah bei ihm und musste mich entscheiden: ‚Schweig‘. Hätte ich etwas gesagt, hätten sie mich auch herausgeholt. Ihn holten sie heraus, wie ich befürchtet habe. Ich wollte immer noch etwas sagen, vielleicht hätte ich helfen können. Aber ich wusste, du kannst das nicht tun, du würdest denselben Weg gehen. Sie würden dich umbringen. Ich fühle mich immer noch schuldig, weil ich ihm nicht helfen konnte, obwohl ich tatsächlich nicht viel helfen hätte können. Es wäre auch mein Tod gewesen.“

 

Für die Familien der im November 1938 KZ Inhaftierten begann ein Wettlauf mit der Zeit. Sie hatten noch eine Chance, die Gefangenen freizubekommen, wenn sie ihnen eine Ausreisemöglichkeit verschaffen konnten. Richard Schoen wurde ins KZ Dachau deportiert, er konnte nach seiner Freilassung nach England flüchten. Er ist der einzige Überlebende seiner Familie.

 

Der Novemberpogrom war ein Probelauf, wie weit die NS-Gewaltanwendung gehen kann, ohne auf Widerstand in der Bevölkerung zu stoßen. Auch wenn laut dem Wiener Gauleiter Odilo Globocnik die Aktionen „von der Bevölkerung eher ablehnend als zustimmend bewertet“ wurden, blieb die Empörung der Wiener Bevölkerung über die Gewaltakte aus. Das Schweigen unmittelbar nach dem Pogrom offenbart, wie weit die Entsolidarisierung schon fortgeschritten war.

 

Vor 81 Jahren begann mit dem Novemberpogrom die systematische Vertreibung, Enteignung und dann Vernichtung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Aus diesem Anlass möchten wir Geschichten der Verfolgung aus allen Bundesländern aufzeigen und in Erinnerung halten. Die Berichte stammen Großteils aus unseren Sachbüchern „Nationalsozialismus in den Bundesländern“. Hier finden Sie die Berichte über den Novemberpogrom aus allen Bundesländern: - Link

Buch: Martin Krist/ Albert Lichtblau: Nationalsozialismus in Wien. Opfer . Täter . Gegner