Niederösterreich: Arbeiten von Schülerinnen als Teil des Mahnmals Friedenskreuz St. Lorenz
Mitten im Weltkulturerbe Wachau befindet sich das Mahnmal „Friedenskreuz St. Lorenz“. Wer auf dem Welterbesteig oberhalb von St. Lorenz wandert, genießt die Aussicht. Doch der Blick nach Weißenkirchen konfrontiert auch mit Geschichte: Das „Mahnmal Friedenskreuz St. Lorenz“ zeigt Hitler, wie er eine Eiche gießt. Auf einer Tafel steht: „Zum Gedenken für die gefallenen Helden der Kampfgruppe Jockisch“.
Die Historiker Robert Streibel und Gregor Kremser erforschten die Geschichte dieser Einheit. Benannt nach ihrem Kommandanten Bernhard Jockisch, gehörte sie zur 187. Reservedivision und war von 1942 bis 1944 am Balkan, anschließend in Weißrussland im Einsatz. Die Soldaten stammten aus Deutschland und Österreich, einige aus der Wachau. Ursprünglich für die Rekrutenausbildung vorgesehen, wurde die Einheit ab Ende 1942 regelmäßig in Kämpfe verwickelt und zur sogenannten „Bandenbekämpfung“ gegen Partisanen eingesetzt. 1943 eskalierte der Terror. Die Wehrmacht konnte die von den Alliierten unterstützten Tito-Partisanen nicht besiegen. Nach Italiens Kriegserklärung an Deutschland am 13. Oktober 1943 wurden auch italienische Truppen zu Gegnern. Das schwierige Gelände und die defensive Lage der Besatzer führten zu einer „Explosion der Gewalt“ (Historiker Shepherd). Die Kampfgruppe operierte unter anderem in Slawonien, entlang der Save sowie in Bosnien-Herzegowina. Orte wurden niedergebrannt, Geiseln genommen und als Vergeltung für Sabotageakte hingerichtet.
Aus dem „Friedenskreuz“ wird das „Mahnmal Friedenskreuz“
In den 1960er Jahren errichteten Überlebende der Truppe das „Friedenskreuz“ als „Gedenkstätte für die gefallenen und vermissten Kameraden (...)“. 2004 wurde es wiederaufgebaut. In der Folge fanden dort auch Treffen von Personen mit offenbar rechtsextremem Hintergrund statt. 2014 wollten einige Bewohner das Denkmal und seine Nutzung nicht länger hinnehmen. Da eine Entfernung des Kreuzes die Tilgung von Geschichte bedeutet hätte, suchte man nach einer künstlerischen Lösung. Der Künstler Martin Krenn ließ das Kreuz bestehen, ergänzte es jedoch durch John Heartfields antifaschistische Fotomontage „Deutsche Eicheln 1933“. Dieser Eingriff regt zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte an. Auch Collagen von Schüler/innen sind Teil des Mahnmals.
Collage – Montage – Fotomontage
Mit dem Einfluss der Massenmedien und neuer Techniken entwickelten sich in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts auch neue Möglichkeiten der Collage. Die Berliner Dadaisten, darunter John Heartfield, nutzten die Fotomontage, um vorhandenes Bildmaterial neu zu kombinieren und in veränderte Sinnzusammenhänge zu stellen. Durch den gezielten Einsatz von Foto- und Filmtechniken entstanden Heartfields „agitatorische Fotomontagen“, die politische Inhalte vermittelten. Heartfields antifaschistische Fotomontagen für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) bildeten die Grundlage für die Montage-Arbeiten der Jugendlichen am Mahnmal Friedenskreuz St. Lorenz.
Warum Heartfield?
Im Gegensatz zu den oft zufällig entstandenen, chaotisch wirkenden dadaistischen Collagen zeichnen sich Heartfields Montagen durch klare Gestaltung und präzise Aussagen aus. Zwischen 1930 und 1938 entstanden für die AIZ insgesamt 237 Fotomontagen. Fast 70 % seiner Arbeiten für die AIZ thematisieren antifaschistische Inhalte. Sein Ansatz war zugleich didaktisch. Ausgehend von einer Arbeit Heartfields am Mahnmal wurden seine Technik und seine inhaltlichen Ansätze mit den Schüler*innen diskutiert, um eine eigene, zeitgemäße Formensprache zu entwickeln. Die Beschäftigung mit lokalen Denkmälern und unterschiedlichen Strategien des Erinnerns und Mahnens ermöglichte es ihnen, Symbole, Stilmittel und Botschaften aus historischen und aktuellen Perspektiven zu analysieren.
Material und Technik – die Collagen der Schüler*innen
Verwendet wurden aktuelle Werbe- und Pressefotos, historische Aufnahmen aus der Zwischenkriegszeit sowie Fotografien aus der Umgebung des Friedenskreuzes St. Lorenz. Nahaufnahmen von Strukturen und Oberflächen ergänzten Stimmungsbilder des Ortes. Auf digitale Hilfsmittel wurde bewusst verzichtet. Durch präzises Auswählen, Schneiden und Kleben sollten die Schüler*innen das Material unmittelbar erfahren. Unterschiedliche Oberflächen und Schichtungen sowie Risse, Sprünge und Brüche wurden dadurch plastisch nachvollziehbar. In einem sechsmonatigen Gruppenprozess gemeinsam mit Martin Krenn und Gregor Kremser entstanden neun Collagen, von denen fünf für das Mahnmal ausgewählt wurden. Ihre Vorstellungen von Antifaschismus heute zeigen folgende Aussagen (Auswahl):
(...) verantwortungsbewusst mit diesen Themen umzugehen und sie immer wieder aufzugreifen und zu diskutieren. (...) unsere Vergangenheit ist etwas mit dem wir immer verbunden sein werden. – Anna-Maria Glück
(...) über das Verbrechen Faschismus aufzuklären (...) und seiner Verharmlosung entgegenzutreten. – Salie Jiang
(...) dass man sich nicht allem und jedem unterwirft.(...). Man hinterfragt Systeme, Regeln usw., bildet sich eine eigene Meinung, spricht diese aus. – Claudia Mayerhofer
(...) die Verteidigung demokratischer Rechte und Freiheiten. – Marlene Harrer
dass man „(...)provoziert um zum Nachdenken anzuregen. – Johanna Fehringer
Die Schüler*innengruppen wurden zu ihren Collagen und dahinter stehenden Überlegungen befragt:
„Home sweet home“ von Anna-Maria Glück

„Home sweet home“ ist geprägt von Kontrastierungen, die einerseits aufgrund der unterschiedlichen Strukturen entstehen und andererseits durch Bild- und Schriftelemente eine Verstärkung erfahren. Die starken Gegensätze führen zu einer beinahe grotesken Bildsprache.
Meine Collage steht unter dem Thema „Home sweet home“. Normalerweise suggeriert man mit diesem Satz, dass man seine Heimat und sein zu Hause liebt und froh ist dort zu sein. Doch in meiner Collage geht es um die Flucht aus dem System, welches von Rassismus und Antisemitismus geprägt ist. Es soll zeigen, dass auch das stärkste System mit dem strammsten Aufbau nur dann funktioniert, wenn alle an einem Strang ziehen. Denn wenn das nicht alle tun, dann bleibt selbst von der mächtigsten Eiche nur noch Geäst übrig.
Mit den Rindenteilen habe ich versucht, den Zerfall des Systems darzustellen (...).
Mir persönlich gefällt die Collage mit der Baumrinde, wo die Menschen mit Gasmasken im Wald stehen, am besten. Der Gegensatz zwischen dem Leitspruch „Home sweet home“ und Hitler im Vordergrund des Bildes ist bemerkenswert.
„Nation“ von Salie Jiang, Claudia Mayerhofer, Bianca Weber

Regeln und Strukturen werden in dieser Arbeit visualisiert. Linien und Wegweiser vermitteln eine vermeintliche Ordnung und geben eine Richtung vor, das Ziel ist jedoch unklar.
In unserer Arbeit wollen wir mit den Linien das strikte Regime einfangen, welches in der NS-Zeit herrschte (...). Schwarz/Weiß- beziehungsweise Richtig/Falsch-Denken prägten diese Zeit, denn Nationalsozialisten nahmen sich sogar das Recht darüber zu urteilen, wessen Leben lebenswert ist und wessen nicht. Sogar die Unterbrechung des grau-schwarzen Gerüstes durch rote Elemente zeugt durch die parallele Anordnung erneut von genau vorgegebener Struktur.
Das Kind in der Mitte unserer Collage spaziert auf dünnen Balken, an den Eichenblättern, die symbolisch für den Nationalsozialismus stehen, hält er sich fest, um nicht den Halt zu verlieren. Die beiden anderen Kinder wurden gezielt in den Randbereich gesetzt, um Außenseiterrollen darzustellen.
Die Wegweiser, die einem den Weg zeigen sollten, verlaufen ins Nichts. Die spärlich gesäten Begriffe, aus aktuellen Zeitungen, wie „Nation“ „Wackel“ , Wortgruppen wie „Neonazi war Einzeltäter“ und darüber „Frieden“, sind denke ich relativ selbsterklärend, „Deutscher“ und „eintätowiert“ soll vermitteln, dass Österreich seine Vergangenheit haben wird, sie weder vergessen/verschweigen soll noch darf (...). Unsere Collage will eine Verbindung zur Vergangenheit und Gegenwart herstellen und dabei den Blick auf das Wesentliche lenken, ohne euphemistisch zu sein.
„Sie waren`s“ von Julia Lang, Anna Koppensteiner, Tamara Kreibich, Daniela Walzer

Die Rindenstruktur gibt den BetrachterInnen formale und inhaltliche Anhaltspunkte. Die Risse stehen symbolisch sowohl für das Aufbrechen als auch für das Verstecken und Verheimlichen.
Wir verwendeten für unsere Collagen Zeitungen und Magazine, (...) typische Bilder aus der NS-Zeit und vom Friedenskreuz in St. Lorenz. Der Hintergrund ist eher dunkel und unruhig. Erst bei genauerer Betrachtung erkennt man die einzelnen Begriffe in den Rindenzwischenräumen.
In die einzelnen Rillen bzw. Einkerbungen der Rinde sind Wörter und kurze Phrasen geklebt, die auf den Faschismus bezogen sind. (...)
Im Kontrast dazu steht das hellbraune Herz aus Haaren, die geflochten sind.(...). Von rechts kommt ein kleiner Junge in das Bild, der das Herz hält. In der linken oberen Ecke befindet sich eine Frau mit einem Gesicht aus Zeitungspapier, das die Verbindung herstellt zu den Wörtern und Sätzen, die in den Rillen des Baumes sind.
Diese Schriftzüge wurden ausgeschnitten aus Zeitungen und in 3D Optik auf der Collage angebracht. Der Kontrast wird durch den dunklen Hintergrund und die hellere Schrift sehr deutlich.
Baumrinde an sich ist etwas, das aussieht, als würde es gleich brechen, doch es hält trotzdem zusammen. Genauso ist es mit der Thematik des Nationalsozialismus. Langsam (...) tritt die Wahrheit (...) in den Vordergrund, doch es gibt noch vieles, das hinter der Baumrinde, also so zu sagen im Baum versteckt ist.
Wir wollten damit ausdrücken, dass viele Ideologien, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen auf den zweiten Blick Gefahren mit sich bringen können(...). Daher sollte man genauer hinsehen(...).
Wir wollten die Botschaft vermitteln, dass Wörter gehört werden müssen (...). Durch die Arbeit wollten wir zeigen, dass es wichtig ist, sich genau mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, dies symbolisierten wir zum Beispiel durch die Geheimzahl „88“.
Diese Wahrheit tritt in unserer Collage mittels unzähliger Wörter hervor, die alle keinen Satz ergeben, somit kann jeder Betrachter selbst assoziieren.
„Gemüse mit Frauen und Männern“ von Katrin Gerstbauer, Marlene Harrer, Karin Herndler, Marlene Mathes

Kritik und Ironie sind die Strategien hinter dieser Collage, die vor allem Geschlechterrollen hinterfragt. Historische Bezüge verbinden sich mit gegenwärtiger Bildsprache etwa in Form der Comicdarstellung.
Wir wollten mir unserer Collage ausdrücken, dass die Frau in der NS-Zeit von Männern unterdrückt wurde (...) und die Frauen nun aus ihren Kokon ausbrechen müssen, um ein eigenständiges und unabhängiges Leben führen zu können. Gleichheit und Zwang spiegeln sich in dieser Collage wieder.
Ein Bruch entsteht durch vielschichtige Deutungsmöglichkeiten der Frauensujets im Bild, die einer Art von Metamorphose unterworfen sind.
In unserer Collage wird die Frau von einem Mann „gebaut“ (...) in Folge bekommt sie jedoch „(...) ein rebellisches Aussehen (...). Das Blatt und das Gemüse stellen die Bodenständigkeit und die Natur dar, die auf die Gleichstellung der Frauen und Männer hinweisen soll (...). Die Farben der Pflanzenbilder verleihen der gesamten Collage etwas Lebhaftes. Die Bildsequenzen stammen aus verschiedenen Büchern, selbstgemachten Fotografien und aus Magazinen.
Die abgebildeten Collagen zeigen einen Querschnitt der Gestaltungsideen der Schüler*innen. Fünf Collagen wurden schließlich als Teil des „Mahnmals Friedenskreuz St. Lorenz“ vor Ort montiert.

Für LehrerInnen steht der Unterrichtsleitfaden zum Mahnmal (erstellt von Gregor Kremser) als Download zur Verfügung:
