Publikation „National-Sozialismus in Österreich. In Leichter Sprache“

Eine Rezension von Johannes Spies, Netzwerk-Koordinator von ERINNERN:AT Vorarlberg

In der Gegenwart ist die Bedeutung von Aufklärungs- und Bildungsarbeit in Bezug auf den verbrecherischen und menschenverachtenden Charakter des NS-Regimes ein bedeutendes Feld der historisch-politischen Bildungsarbeit. In Anbetracht des demographischen Wandels und des Anspruchs, Geschichte in einer möglichst niederschwelligen Art und Weise zu vermitteln, eröffnen sich Anforderungen, die von der Fachliteratur nur begrenzt bedient werden. An dieser Stelle setzt das von dem Politikwissenschaftler und Zeithistoriker Gunnar Mertz und der Kommunikationswissenschaftlerin und Psychologin Lina Maisel verfasste Buch an. Die wesentliche Absicht dieses ist es, möglichst vielen Menschen Teilhabe am Wissen über die Geschichte des Nationalsozialismus zu ermöglichen.

Der in seiner optischen Aufbereitung übersichtlich und klar strukturierte Band bietet zu Beginn eine farblich differenzierte Kapitelübersicht. Die von Mertz und Maisel gewählten Inhalte ergänzen sich stimmig und ermöglichen den Lesenden einen Überblick zu den charakteristischen Themen der Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich. Jedes Kapitel wird durch eine einleitende Überblicksdarstellung eröffnet. Die vermittelten Inhalte sind chronologisch geordnet und erfahren thematische Vertiefungen. So fokussiert der Text auf klare Schwerpunkte, die in der Zusammenschau ein stimmig ausdifferenziertes Gesamtbild erzeugen: Nationalsozialismus als Ideologie, den so genannten „Anschluss“ Österreichs, Verfolgung und Vernichtung, Menschen mit Behinderungen, den Zweiten Weltkrieg, Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die Befreiung und abschließend das Thema Erinnerung. Ergänzt werden die Ausführungen durch ein nachgestelltes Lexikon, in dem wesentliche Begriffe gut verständlich zum Nachschlagen aufbereitet sind. Im Text verwendete NS-Terminologie ist erkennbar mit Anführungszeichen gekennzeichnet und als solche ausgewiesen.

Positiv anzumerken ist, dass es den Autoren ein erkennbares Anliegen ist, Gegenwartsbezüge herzustellen. Als ein methodischer Zugang zur Konkretisierung wurde die Verwendung von Biographien aus unterschiedlichen Bundesländern gewählt, welche den Text trefflich ergänzen. Dabei werden die Lebensgeschichten von ZeitzeugInnen ebenso eingebunden wie jene von TäterInnen oder Begeisterten, die sich vom Nationalsozialismus abwandten. Es gelingt den Autoren trotz der sprachlichen Reduktion differenzierte Darstellungen umzusetzen, wie beispielsweise die Einordnung der Täterschaft der Deutschen Wehrmacht zeigt. Der Text vermittelt eindrücklich, dass ÖsterreicherInnen Opfer des NS-Regimes wurden und vergisst gleichzeitig nicht auf deren Anteil an der NS-Herrschaft und dem Holocaust zu verweisen.  Es ist erfreulich, dass die Darstellung in ihren Inhalten über das Jahr 1945 hinaus geht und die „Nachgeschichte“ des Nationalsozialismus – die Entnazifizierung, das Verbotsgesetz wie auch die Kontinuität des nationalsozialistischen Gedankengutes in der Zweiten Republik – mit einbezieht. Das Kapitel „Erinnerung“ ermöglicht einen kompakten Überblick zu bedeutenden Wegmarken der Entwicklung der Erinnerungskultur nach 1945.

Die ausgewiesenen Quellenhinweise beinhalten wesentliche Werke der Standardliteratur, sorgen für Transparenz und bieten eine Möglichkeit zur Vertiefung. In Zusammenarbeit mit einem Fachbeirat und einer Prüfgruppe entwickelten die Autoren eine in sich stimmige Darstellung, die nur wenige Kritikpunkte erlaubt. Bei genauer Betrachtung zeigen sich kleinere Ungenauigkeiten im Text, die durch exaktere Formulierungen vermieden bzw. trefflicher ausgeführt hätten werden können: „In einer Demokratie dürfen alle Menschen mitbestimmen.“ (S. 11) oder „Er [Hitler] errichtete die Nazi-Diktatur.“ (S. 18) sind Beispiele hierfür. Die im „Wörter-Buch“ ausgewiesene Erklärung für „Ost-Mark“ wird für die Zeitspanne 1938 bis 1945 angegeben, was die 1942 erfolge Einführung der Bezeichnung „Alpen- und Donau-Reichsgaue“ ausklammert. Auch eine kritische Einordnung des Bildmaterials, welches teilweise eine NS-Perspektive wiedergibt, würde sich stimmig in die ansonst betont kritischen Darstellung einfügen. Trotz der Verwendung Leichter Sprache bleibt ein kleiner Restbestand an Vokabular, das Erklärung bedarf. Und genau hierfür ist dieses Buch eine brauchbare Grundlage.

Geschichte neu, ansprechend und vor allem verständlich darzustellen, ist jene methodisch herausfordernde Aufgabe, mit welcher sich HistorikerInnen und VermittlerInnen heute mehr und mehr konfrontiert sehen. Das Buch ist eine wichtige Grundlage, um künftig dem Anspruch einer qualitativen, antirevisionistischen Aufklärung über die Geschichte und den Charakter des Nationalsozialismus gerecht zu werden.

Der Verbreitung wird der kostenlos zur Verfügung gestellte Download unter www.inklusiv-erinnern.at förderlich sein. Eine Printversion ist im Buchhandel erhältlich.

Gunnar Mertz/Lina Maisel, National-Sozialismus in Österreich. In Leichter Sprache, Innsbruck-Wien 2025.
ISBN: 978-3-7099-8252-5
144 Seiten, broschiert oder digital als Download

Veröffentlicht am 24.02.2026, zuletzt geändert 25.03.2026