12. März 1938: Nationalsozialistische Machtergreifung - "Anschluss"

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Einmarsch deutscher Truppen begann die Terrorherrschaft und endete die österreichische Eigenstaatlichkeit. Die Verfolgung von GegnerInnen der NSDAP und die antisemitisch-rassistisch motivierte Gewalt insbesondere gegen Jüdinnen und Juden setzte ein.

Die österreichischen Nationalsozialisten übernehmen die Macht

Unter großem Druck des nationalsozialistischen Deutschen Reichs und von Adolf Hitler persönlich sowie auf Druck der österreichischen Nationalsozialisten sagt Bundeskanzler Kurt Schuschnigg am Nachmittag des 11. März die Volksbefragung ab, von der er sich österreichisch-patriotische Unterstützung erwartet hatte. Um 18:00 tritt Schuschnigg zurück und hält knapp vor 20:00 seine Abschiedsrede im österreichischen Rundfunk. Die Nationalsozialilsten machen Druck auf der Straße und dringen in öffentliche Gebäude, u.a. ins Bundeskanzleramt ein. Bundespräsident Wilhelm Miklas ernennt den Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart zum Bundeskanzler. Die österrichischen Nationalsozialisten ergreifen die Macht, verhaften u.a. den Wiener Bürgermeister und feiern die Machtübernahme. Es kommt zu ersten Gewalttaten und Plünderungen. Viele versuchen in die Tschechoslowakei zu entkommen.

Der "Anschluss" ans Deutsche Reich

Am 12. März 1938 um 4:30 landen zwei Flugzeuge am Flugplatz Aspern bei Wien, eine Maschine mit 27 schwerbewaffneten SS-Männern, die zweite mit hochrangigen nationalsozialistischen Funktionären, darunter Heinrich Himmler. Eine Stunde später um 5:30 überschreitet die deutsche Armee die Grenze. Auf Anordnung von Seyß-Inquart wird kein militärischer Widerstand geleistet.

Noch am Vormittag erfolgt eine gewaltige Verhaftungswelle, gleichzeitig werden Jüdinnen und Juden und politische GegnerInnen in sogenannten „Reibpartien“ gezwungen die Straßen von Parolen für die zuvor abgesagte Volksabstimmung zu säubern. Um 15:50 überschreitet Adolf Hitler die Grenze und trifft in Braunau ein. Tags darauf, am 13. März 1938, beschließt die NS-Regierung in Berlin das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“. Damit wird die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich besiegelt.

Ihren Höhepunkt erreichte die Machtdemonstration des nationalsozialistischen Regimes mit der propagandistisch inszenierten Rede Hitlers am Wiener Heldenplatz am 15. März 1938.

Die Nationalsozialisten wollten dem „Anschluss“ den Schein einer demokratischen Legitimation verpassen. Aus diesem Grund fand am 10. April eine Volksabstimmung statt. Diese Abstimmung war von einer Propagandawelle und Einschüchterungen begleitet. Das Ergebnis war ganz im Sinne der NSDAP: 99,73 % Ja-Stimmen für den „Anschluss“ Österreichs. Jüdinnen und Juden und GegnerInnen der NSDAP waren von der Wahl ausgeschlossen.

Eine Veranstaltungsübersicht zum „Anschluss“-Gedenken finden Sie hier: - Link

Gedenken an den „Anschluss“

Die Erinnerung an den „Anschluss“ war nach 1945 im österreichischen Erinnerungsdiskurs umstritten. Diente der „Anschluss“ doch lange als Grundlage des österreichischen Opfermythos: Demnach sei Österreich, in Berufung auf die Moskauer Deklaration von 1943, das erste Opfer Hitlers und habe keine Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen. Die Machtergreifung von unten, dh. durch die Nationalsozialisten auf der Straße, und die Machtergreifung von innen, dh. durch nationalsozialistische Mitglieder der Regierung Schuschnigg, werden verdrängt. Die Opferthese bestimmte in den Nachkriegsjahrzehnten die Erinnerungsdebatten. Österreichs Beteiligung an den NS-Verbrechen und am Holocaust wurde lange ausgeklammert.

Erst in den 1980er Jahren wurde der Opfermythos kontrovers diskutiert, 1986 im Zuge der Waldheimdebatte und 1988 im Gedenkjahr zum 50. Jubiläum des „Anschlusses“. Diese öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten zum Thema haben den Opfermythos weitgehend diskreditiert, Umfragen zeigen auch eine verminderte Zustimmung zur These.

 

Kein offizieller Gedenktag

Die Tage des „Anschlusses“ sind zwar keine offiziellen Gedenktage – Österreich hat sich für den 5. Mail als nationalen Gedenktag entschieden. Aber durch mediale Aufmerksamkeit, Gedenkveranstaltungen und andere öffentliche Veranstaltungen sind der 11. und 12. März präsent. Die Aufmerksamkeit ist in runden Gedenkjahren wie 2018 besonders hoch.

 

ZeitzeugInnen berichten über den „Anschluss“

ZeitzeugInnen, Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, berichten in Video-Interviews über die Tage des „Anschlusses“.

Ilse M. Aschner, geb. 1918 in Wien, wird nach dem „Anschluss“ 1938 von der Universität verwiesen und kann wie ihr Bruder nach England fliehen. Die Eltern werden von den Nationalsozialisten ermordet.

 

„Und das ging so die ganze Nacht. Man hörte also die Geräusche der einfahrenden Panzer, und das jubelnde Heil-Hitler Geschrei. Und in dieser Nacht sagten unsere Eltern uns: „Wir sind Juden, allesamt. Ihr seid Juden und ihr müsst jetzt damit rechnen, dass ihr vogelfrei seid. Unser Leben wird sich sehr verändern.“ Meine, meine Mutter weinte, also wirklich schrecklich, und aus lauter Rührung weinte ich mit, obwohl ich wirklich wahrscheinlich mit meinen achtzehn Jahren das volle Ausmaß noch nicht erkannte.“ (Ilse Aschner)

 

Dorli Neale, geb. 1923 in Innsbruck, erlebt den „Anschluss“ in Innsbruck, dort wird das Geschäft des Vaters antisemitisch beschmiert. Mit einem Kindertransport gelingt ihr die Flucht nach Großbritannien.

 

„Of course all the businesses had the word Jew written over the windows. We had a SA man in uniform standing outside the business while it was still going. And they stood in front of the business and if ever a customer wanted to come in: “Do you know this is a Jewish shop, we advise you not to enter.” Some did some of course didn’t.“ (Dorli Neale)

 

Links:

Unterrichtsbehelfe zum „Anschluss“

Lernmodule zum „Anschluss“ aus der ZeitzeugInnen-DVD "Das Vermächtnis“:

Der "Anschluss" wird in jedem Buch der Sachbuchreihe "Nationalsozialismus in den Bundesländern" thematisiert. Zum Wien-Band gibt es didaktische Materialien.

Der „Anschluss“ in der DÖW-Ausstellung: Teil 1 & Teil 2

ZeitzeugInnen-Berichte aus dem DÖW-Archiv

Chronologie der ersten 24 Stunden des "Anschlusses": Multimediaprojekt Zeituhr1938

Online-Ausstellung zum "Anschluss" der österreichischen Mediathek

Die Lernwebsite Österreich 1918Plus: Das Jahr 1938

ORF Artikel "Pogrome schon vor dem 'Anschluss'"

Aufnahme vermutlich März 1938, Leopoldstadt. Eine der "Ikonen", die in verschiedenen Schulbüchern mit unterschiedlichen Bildunterschriften wieder gegeben werden. Aus: Österreich 1938 – Vorspiel zur Shoah. Broschüre zum März 1938 / 2008 Hgg. v. Dieter J. Hecht / Eleonore Lappin / Michaela Raggam-Blesch / Lisa Rettl / Heidemarie Uhl
Aufnahme vermutlich März 1938, Leopoldstadt. Eine der "Ikonen", die in verschiedenen Schulbüchern mit unterschiedlichen Bildunterschriften wieder gegeben werden. Aus: Österreich 1938 – Vorspiel zur Shoah. Broschüre zum März 1938 / 2008 Hgg. v. Dieter J. Hecht / Eleonore Lappin / Michaela Raggam-Blesch / Lisa Rettl / Heidemarie Uhl
Kombinat Media Gestalteer GmbH