2. August - Internationaler Tag des Gedenkens an den Genozid an den Sinti/Sintizze und Roma/Romnija

Der 2. August wurde zum internationalen Tag des Gedenkens an den Genozid an Sinti und Roma ausgerufen. Die offizielle Gedenkfeier findet auch heuer an der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau statt und wird digital übertragen.

Rund 500.000 Roma/Romnija und Sinti/Sintizze wurden während des Holocaust ermordet - Opfer einer rassistischen Verfolgungspolitik deutscher und österreichischer Nationalsozialisten und ihrer faschistischen Verbündeten. Doch diesem Völkermord kommt heute immer noch wenig Beachtung zu. Roma/Romnija und Sinti/Sintizze wurden in Vernichtungslagern, wie etwa in Auschwitz, getötet und fielen in Zwangsarbeits- und Konzentrationslagern der alltäglichen Gewalt, Hunger und Krankheiten zum Opfer. Viele wurden deportiert und als Zwangsarbeiter ausgebeutet, auf Bauernhöfen, auf Baustellen und in der Industrie. Roma/Romnija und Sinti/Sintizze nennen diesen Genozid „Porajmos“, was „Verschlingung“ oder „Zerstörung“ auf Romani bedeutet. Das Europäische Parlament erklärte 2015 den 2. August zum europäischen Holocaust-Gedenktag für die Roma und Sinti.

Die Verfolgung der österreichischen Roma/Romnija und Sinti/Sintizze

Auch österreichische Roma/Romnija und Sinti/Sintizze wurden in der Zeit des Nationalsozialismus als „Zigeuner“ bzw. als „Asoziale“ verfolgt und systematisch ermordet. Vor 1938 lebten rund 11.000 bis 12.000 Roma und Sinti in Österreich, die meisten davon im Burgenland. Die nationalsozialistische Verfolgung der Roma/Romnija begann im Juli 1938 mit der Einführung der Zwangsarbeit für „Zigeuner“. Doch auch schon vor 1938 war die Gruppe der Roma/Romnija und Sinti/Sintizze massiver Diskriminierung ausgesetzt, die österreichischen Behörden erfassten auf rassistischer Basis Roma/Romnija und Sinti/Sintizze in einer Kartei. Diese Daten dienten später den Nationalsozialisten als Ausgangspunkt für Verhaftungen und Deportationen. In Österreich errichteten die Nationalsozialisten drei „Zigeunerlager“, das größte davon im burgenländischen Lackenbach. Hier wurden 4000 Menschen unter unmenschlichen Umständen interniert, 273 starben im Lager selbst, viele wurden in Konzentrationslager im besetzen Polen deportiert.

Nach der Befreiung wurden die Überlebenden jahrzehntelang nicht als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung anerkannt und erhielten nur geringe oder überhaupt keine Entschädigungszahlungen für ihren verlorenen Besitz.

 

Auschwitz und Chelmno als zentrale Gedenkorte

Insgesamt wurden 2900 österreichische Roma/Romnija und Sinti/Sintizze nach Auschwitz deportiert und dort im abgegrenzten „Zigeunerlager“ inhaftiert. Die Todesraten waren aufgrund der unmenschlichen Bedingungen sehr hoch, bis Ende 1943 starben 70 % der Häftlinge des "Zigeunerlagers". Ende Juli 1944 wurden alle arbeitsfähigen Häftlinge in Konzentrationslager verlegt. In der sogenannten „Zigeunernacht“ vom 2. auf den 3. August 1944 wurden alle noch im „Zigeunerlager“ lebenden Häftlinge in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Dieses grausame Ereignis wurde als Gedenktag für die 500.000 weiteren Roma/Romnija und Sinti/Sintizze gewählt, die während des Nationalsozialismus aus rassistischen Motiven ermordet wurden.

1941 wurden 5000 österreichische Roma/Romnija nach Lodz deportiert, dort brach eine Epidemie aus, die nationalsozialistische Lagerleitung verweigerte die Ausgabe von Medikamenten. Die noch lebenden Insassen wurden zwischen Dezember 1941 und Jänner 1942 im Vernichtungslager Chelmno ermordet. Am 3. August 2016 wurde in Chelmno ein Gedenkstein für die ermordeten österreichischen Roma/Romnija enthüllt.

 

Diesjähriges Gedenken

Die offizielle Gedenkveranstaltung findet jedes Jahr an der Gedenkstätte Auschwitz statt. Heuer beginnt sie am 2. August 2022 um 11:30 Uhr im Abschnitt B II e der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Organisiert wird die Veranstaltung vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Kooperation mit dem Verband der Roma in Polen und der Gedenkstätte Auschwitz. Neben Botschafter verschiedener Länder und diplomatischer VertreterInnen nehmen auch Angehörige der Minderheit der Roma/Romnija und Sinti/Sintizze an der Zeremonie teil.

Darüber hinaus lädt heuer das Internationale Roma Jugendnetzwerk TERNYPE in Krakau zur Veranstaltung „Dikh he na Bister” („Look and don’t forget“) ein. Über 150 jungen Sinti/Sintizze und Roma/Romnija und Nicht- Angehörigen der Minderheit aus ganz Europa gedenken gemeinsam der Opfer des Genozids und setzen sich gegen Antiziganismus und für Menschenrechte ein.

Ebenfalls unter dem Titel "Dikh he na Bister - Schau und vergiss nicht" lädt die HochschülerInnenschaft Österreichischer Roma und Romnija ("HÖR") am 2. August um 18 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung mit Musik und Kerzenniederlegung am Wiener Ceija-Stojka-Platz. Nach der Zeremonie, im Rahmen derer österreichische Roma/Romnija und Stimmen aus der Politik sprechen werden, ist ein gemeinsames "Get-together" geplant - im Zuge der Eröffnung der Ausstellung: Creating Spaces | Amare Thana  |"Partizipatives & Kollektive Imagination eines Gedenkortes für die im Nationalsozialismus ermordeten Romn*nja und Sinti*zze".

Internationaler Gedenktag seit 2015

Das Europäische Parlament hat 2015 den 2.August zum europäischen Holocaust-Gedenktag für die Roma/Romnija und Sinti/Sintizze erklärt. Gleichzeitig verurteilte das Europäische Parlament „bedingungslos und unmissverständlich jede Form von Rassismus und Diskriminierung gegenüber den Roma“.

Zum Gedenktag im Jahr 2016 verfassten OSZE und IHRA eine gemeinsame Erklärung, in der sie Staaten zu entschiedenen Maßnahmen zum Erhalt von Porajmos-Gedenkstätten auffordern. Darüber hinaus zeigen sich die beiden internationalen Organisationen besorgt über den aktuellen Anstieg von Rassismus in Europa: „Die Förderung des Verständnisses des Holocausts und seiner Auswirkungen auf verschiedene Gemeinschaften kann dazu beitragen, Empathie und Nichtdiskriminierung für alle zu fördern“.

Die Europäische Kommission erinnerte 2018 mit einer Aussendung an den Genozid und machte auf die anhaltende Diskriminierung von Roma/Romnija und Sinti/Sintizze aufmerksam. „The Roma are forgotten victims of the Holocaust for many Europeans. Remembering their historical persecution reminds us of the need to tackle the challenges which they still face today and which are too often overlooked. Seven decades on, Sinti and Roma still face hatred, violence, discrimination and racism on a daily basis”, so Frans Timmermans, Vizepräsident der Europäischen Kommission und Věra Jourová, EU-Kommissarin für Justiz, in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Über den Genozid an den Roma und Sinti unterrichten

_erinnern.at_ bietet grundlegende Informationen für SchülerInnen und LehrerInnen über den Völkermord an den europäischen Sinti/Sintizze und Roma/Romnija und unterstützt PädagogInnen darüber hinaus mit entsprechenden Lernmaterialen. In Kooperation mit europäischen Partnerinstitutionen und der IHRA  betreut _erinnern.at_ die Lernwebsite romasintigenocide.eu. Die Website für SchülerInnen und LehrerInnen ist mittlerweile in 12 Sprachen verfügbar. Für die Behandlung des Themas innerhalb zweier kompakter Unterrichtseinheiten empfehlen wir darüber hinaus das Modul 2 unserer Lernmaterialien zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und der dortigen österreichischen Länderausstellung.  

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