Buchrezension: „Austrian Again: Reclaiming a Lost Legacy“ von Anne Hand

Ihr Großvater war der erste Migrant, den sie kannte, erklärt Anne Hand in ihrem Buch „Austrian Again", mit welchem sie die Leserschaft mit auf ihre persönliche Reise nach ihren Wurzeln und den komplexen Prozess der Wiedererlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft nimmt.

Seit der Novelle des österreichischen Staatsbürgerschaftsgesetzes, die am 1. September 2020 in Kraft getreten ist, haben Verfolgte des Nationalsozialismus und ihre Nachkommen die Möglichkeit, die österreichische Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen. § 58c StbG hat seither rund 40.000 Menschen nicht nur eine formale Rückkehr ermöglicht, sondern dabei auch einen oft tiefgreifenden Prozess der Auseinandersetzung mit familiärer Herkunft und persönlicher Identität angestoßen.

Eine dieser WiederösterreicherInnen ist Anne Hand. In „Austrian Again“ zeichnet die Autorin die Geschichte ihrer Familie nach, insbesondere die Flucht ihrer Urgroßmutter und Urgroßtante aus Wien im Juni 1938, die sie vor der nationalsozialistischen Verfolgung bewahrte und sie schließlich nach New York führte. Ausgangspunkt ihrer Erzählung sind sowohl Erinnerungen an ihren österreichischen Großvater als auch ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 2020, der sie auf die Möglichkeit der Wiedererlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft aufmerksam machte. Was zunächst wie ein bürokratischer Akt erschien, entwickelte sich rasch zu einer tiefergehenden Spurensuche. Anhand persönlicher Dokumente – Pässe, Briefe, Fotografien – rekonstruiert Hand das Leben ihrer Vorfahren, deren Ausgangspunkt nicht wie angenommen in Wien liegt, sondern weiter zurück über die Slowakei bis nach Polen reicht. Dabei stellt die Autorin zentrale Fragen: Wie verstanden sich ihre Angehörigen selbst – als Opfer, als Überlebende, als MigrantInnen? Und wie würde ihr Wunsch nach „Rückkehr“ von ihnen beurteilt werden?

Eindrucksvoll ist auch, wie Anne Hand die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft nicht als bloßen Akt der Wiedergutmachung, sondern als ein Spannungsfeld zwischen Privileg und Verantwortung begreift. Die österreichische Staatsbürgerschaft wird für sie zum Symbol einer wiedergewonnenen Möglichkeit – einer Möglichkeit sich frei zu bewegen. Zugleich verbindet sie damit den Anspruch, sich aktiv mit Österreich, seiner Kultur, Geschichte und der politischen Gegenwart auseinanderzusetzen und mitzubestimmen.

„Austrian Again“ überzeugt durch seine persönliche Offenheit und emotionale Tiefe. Anne Hands Buch steht stellvertretend für die Erfahrungen zahlreicher Nachkommen von NS-Verfolgten und macht individuelle Erinnerungen mit den Nachwirkungen von Flucht und Vertreibung bis in die Gegenwart sichtbar. „Austrian Again“ ist somit nicht nur ein Beitrag zur Erinnerungskultur, sondern auch ein Anstoß zu hinterfragen, was es heute bedeutet, Geschichte anzuerkennen und welche Verantwortung sich daraus ableiten lässt.

Eine Rezension von Isabel Weiss, Netzwerk-Koordinatorin von ERINNERN:AT Niederösterreich

Veröffentlicht am 07.04.2026, zuletzt geändert 07.04.2026