Antisemitismus im Kontext von Israel und dem Nahost-Konflikt

Eine Bearbeitung aktueller Formen des Antisemitismus kann den historischen wie gegenwärtigen Kontext des Nahen Ostens nicht aussparen. Verhärtete Positionen, die oft eine Eindeutigkeit und einen absoluten Wahrheitsanspruch beinhalten, erschweren und belasten eine pädagogische Auseinandersetzung mit dem sogenannten „Nahostkonflikt“, unter dem häufig die verschiedenen Konflikte zusammen gefasst werden, die mit dem Staat Israel in Beziehung gebracht werden.

In unterschiedlichen antisemitischen Artikulationen finden sich sowohl historische Bezüge zum Nationalsozialismus („Entlastungsantisemitismus“ durch Täter-Opfer-Umkehr) wie antisemitische Bilder oder die Homogenisierung jüdischer Gemeinschaften oder der Bevölkerung Israels als jüdisches Kollektiv. Oft handelt es sich auch um eine politische Instrumentalisierung, die antisemitische Motive und Topoi bewusst einsetzt. So dient „der Nahostkonflikt“ genauso als Ausrede wie auch als Projektionsfläche für antisemitische Propaganda mit einer projektiven Besetzung von Opfer-Täter-Positionen. Dies gilt sowohl für islamisierten Antisemitismus wie auch in der Bezugnahme auf die postkoloniale Debatte. „Für die politische Bildung folgt daraus, dass sie eine Auseinandersetzung mit einer möglichst exemplarischen Vielfalt an empirisch vorfindbaren bzw. tatsächlich artikulierten Standpunkten unter expliziter Berücksichtigung der Prinzipien Kontroversität, Wissenschaftsorientierung und Lebensweltorientierung zu ermöglichen hat.“[1]

Im Unterricht muss eine Sichtweise angeboten werden, die einer vereinfachten Interpretation entgegengewirkt. Durch einen Perspektivenwechsel und die Perspektivenerweiterung sind SchülerInnen eingeladen, bei der Betrachtung von lebensgeschichtlichen und (geo-)politischen Prozessen wechselnde Perspektiven einzunehmen, diese als legitim anzuerkennen und als vielstimmig und widersprüchlich zu erfahren. Dies zur Stärkung ihrer Widerspruchstoleranz und der Schwächung eindimensionaler Sichtweisen sowie einer Opfer- bzw. Erinnerungskonkurrenz. Lernende werden ermutigt „über eine eindimensionale Identifikation mit dem eigenen Narrativ hinauszugehen und Anerkennung, Verständnis und Respekt (ohne bloße Hinnahme) für die Erzählung des anderen aufzubringen.“[2]

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[1] Mirko Niehoff: Nahostkonflikt kontrovers. Perspektiven für die politische Bildung, Schwalbach am Taunus
2016 S. 12

[2] Sami Adwan und Dan Bar-On: Der Ansatz dualer Narrative: Jüdisch-israelische und palästinensische Schüler lernen die Geschichte der anderen Konfliktpartei kennen. In: Peace Research Institute in the Middle East (PRIME) Sami Adwan, Dan Bar-On, Eyal Naveh (Hg.): Die Geschichte des Anderen kennen lernen. Israel und Palästina im 20. Jahrhundert, Frankfurt 2009, S. 10

Lernmaterialien


Arbeit mit dem Film „1948 – jüdischer Traum, arabisches Trauma. Wie Israel entstand“
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Wahrnehmen – Benennen – Handeln. Handreichung zum Umgang mit Antisemitismus an Schulen. Stuttgart 2019, S. 156-161

ab 14 Jahren, zwei Doppelstunden

Der Unterrichtsvorschlag nimmt die Entstehungsgeschichte des Nahost-Konflikts sowie die israelische Staatsgründung multiperspektivisch in den Blick. Anhand der filmischen Dokumentation können die historischen Ereignisse nachgezeichnet und dabei individuelle Menschen in den Blick genommen werden. Dies geschieht zusätzlich auch im Unterricht in der Bearbeitung des Films. Dabei werden Aussagen der ProtagonistInnen besprochen sowie die SchülerInnen aufgefordert sich dazu zu positionieren.



Eine Geschichte, eine Region, zwei Perspektiven

_erinnern.at_: Fluchtpunkte. Bewegte Lebensgeschichten zwischen Europa und Nahost. Bregenz 2019

ab 16 Jahren, 90 Minuten

In diesem Modul lernen die Jugendlichen Fatima Hamadi und Batya Netzer kennen, die in unmittelbarer Nachbarschaft am See Genezareth lebten und unterschiedliche Sichtweisen auf die Ereignisse rund um den Krieg 1948 und die Staatsgründung Israels entwickelten. Die SchülerInnen nähern sich über Karten der Geschichte des Nahen Ostens und reflektieren dessen konfligierende Erinnerungen. Anhand zweier unterschiedlicher Darstellungen setzen sich die SchülerInnen mit der Narrativierung von Geschichte auseinander.



4 Gründe, warum BDS antisemitisch ist

Bildungsstätte Anne Frank: 4 Gründe, warum BDS antisemitisch ist. Frankfurt am Main 2019 

ab 14 Jahren, Broschüre, kein konkreter Unterrichtsvorschlag

Eine kleine Broschüre, deren gut leserliche und kompetente Texte im Unterricht genutzt werden können. Die vier Argumente: Die Forderung nach der Zerstörung des jüdischen Staates, die Anwendung von Doppelstandards, die Dämonisierung eines Staates und Generalisierung aller Jüdinnen und Juden sowie die fälschliche Annahme, alle wären für die Politik Israels in Verantwortung zu ziehen. Hierbei wird nicht auf die Perspektive der PalästinenserInnen verzichtet.



Was geschah? Jüdisch-muslimische Beziehungsgeschichten

Bundeszentrale für politische Bildung: Handreichung „Kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus“, 11 Aktivitäten für die schulische und außerschulische politische Jugend- und Erwachsenenbildung. Bonn 2016, S. 21-23 

ab 14 Jahren, 90 Min.

Anhand von drei historischen Ereignissen wird die weit verbreitete These der „ewigen Feindschaft“ zwischen JüdInnen und MuslimInnen anhand historischer biografischer Beispiele spielerisch irritiert. Die Teilnehmenden lernen Aspekte der Vielfalt und Ambivalenz im historischen Zusammenleben von JüdInnen sowie MuslimInnen im islamischen Kulturraum kennen. Gearbeitet wird mit dem Lesen von Texten, der Erstellung von Plakaten in Kleingruppen, einem Ratespiel und Plenar-Diskussion.



Israel und Palästina – Einführung in ein kompliziertes Thema. Quizspiel zum Nahostkonflikt
Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus: Anders Denken. Die Onlineplattform für Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit. Berlin

ab 14 Jahren, 60 Min.

Als spielerischer Auftakt für die Beschäftigung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt vermittelt dieses Quiz erste Informationen über Hintergründe und aktuelle Konfliktfelder. Es eignet sich als Einstieg ins Thema auch für Teilnehmende ohne Vorkenntnisse. Die Vermittlung von Informationen wird damit verbunden, homogenisierende und vereinseitigende Lesarten des Konflikts zu irritieren, bestehende Schwarz-Weiß-Bilder zu hinterfragen und einfache Gut-Böse-Schemata aufzubrechen.



Miteinander leben. Friedensprojekte im Nahostkonflikt

Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus: Anders Denken. Die Onlineplattform für Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit. Berlin

ab 14 Jahren, 60 Min.

Die Teilnehmenden lernen verschiedene zivilgesellschaftliche Projekte und Initiativen kennen, die sich für ein friedliches Zusammenleben von Israelis und PalästinenserInnen stark machen. Gemeinsam überlegen sie, inwiefern solch ein Engagement zur Überwindung von Vorurteilen innerhalb beider Gesellschaften sinnvoll ist. Im Unterrichtsverlauf wird eine Gruppenarbeit mit einem kurzen Text zur jeweiligen Initiative und Arbeitsfragen von einer Präsentation und Vorstellung der Initiativen abgelöst.



Jenseits von Schwarz-Weiß. Ein Zeitstrahl zu Geschichte und Geschichtsbildern des Nahostkonflikts
Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus: Anders Denken. Die Onlineplattform für Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit. Berlin

ab 16 Jahren, 165 Min.

Eine vertiefende Behandlung der historischen Voraussetzungen und Grundkonstellationen des Nahostkonflikts. Der Fokus liegt dabei auf der Frühzeit des Konflikts, angefangen bei der steigenden jüdischen Einwanderung in das historische Palästina bis zur Staatsgründung Israels, dem ersten Israelisch-Arabischen Krieg und der aufkommenden Flüchtlingsfrage. Nach einem einleitenden Kurzvortrag der Lehrenden bearbeiten vier Arbeitsgruppen unterschiedliche historische Phasen, immer aus „israelischer“ und „palästinensischer“ Perspektive.



Kritik an Israel und Antisemitismus
_erinnern.at_: „Ein Mensch ist ein Mensch. Rassismus, Antisemitismus und sonst noch was…“ Bregenz 2012

ab 14 Jahren, Methode mit Arbeitsblatt

Der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen legitimier Kritik an Israel wird anhand von drei Zitaten von Wissenschaftlern, einem Jugendlichen und einer Bildbetrachtung bearbeitet. Es wechseln dabei Kleingruppen mit Plenar-Diskussionen ab. Die Methode ist gut mit anderen Kapiteln (z.B. „Was ist verboten?“) aus diesem Heft kombinierbar.

Handreichungen & Webtools


Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg:

Wahrnehmen – Benennen – Handeln. Handreichung zum Umgang mit Antisemitismus an Schulen. Stuttgart 2019


Umfangreiche Broschüre mit kurzen Texten. Zum Teil wurden die Artikel schon anderswo veröffentlicht und hier überarbeitet zusammengetragen. Der erste Teil bietet Grundlagenwissen zu verschiedenen Ausdrucksformen des Antisemitismus an. Teil Zwei sammelt pädagogische und didaktische Handlungsempfehlungen und geht hierbei auf unterschiedliche schulische Szenarien und Formen ein. Themen sind Verschwörungsmythen genauso wie der Nahostkonflikt. Teil Drei bearbeitet Grundlegendes zur Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur. Teil Vier stellt vier konkrete Unterrichtsmodelle vor, den E-Learningkurs „Sind denn alle verrückt hier?!“, Arbeit mit dem Film „1948 – jüdischer Traum, arabisches Trauma. Wie Israel entstand.“, das Unterrichtsbeispiel „Darf man das?“ gegen sekundären Antisemitismus sowie die Jugendbuchlektüre „Die Jagd nach dem Kidduschbecher“.



Amadeu Antonio Stiftung:
»Nichts gegen Juden.« Berlin 2017

Gesammelt wurden gängige antisemitische Parolen, Vorurteile und Unwahrheiten wie diese: »Ich habe ja nichts gegen Juden, aber ...«, »Die Deutschen haben ja auch gelitten!«, »Kindermörder Israel!« oder »Die Zionisten sind die Nazis von heute!« Diese Vorurteile werden entlarvt und aufgeklärt. In klarer und einfacher Sprache wurde hier eine Argumentationshilfe für alle zusammengestellt, denen vielleicht manchmal die Worte fehlen, um Antisemitismus zu widersprechen. Die kurzen Texte sind dezidiert für die Nutzung in sozialen Medien konzipiert und können über vorgefertigte Facebook-Beiträge oder kleine Graphiken für Twitter sehr niederschwellig genutzt werden. Für Interessierte lässt sich auf jeder einzelnen Themenseite eine weitere Textebene ausklappen, auf der ein ausführlicherer Einstieg in das jeweilige Thema zu finden ist.



Amadeu Antonio Stiftung:

„Man wird ja wohl Israel noch kritisieren dürfen …?!“ Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus. Berlin 2017

Die Broschüre zeigt in gut lesbaren Beiträgen Wesen und Funktionen des (israelbezogenen) Antisemitismus auf und stellt pädagogische Ansätze und Handlungsoptionen vor. Nach einer Analyse des israelbezogenen Antisemitismus wird gezeigt, anhand welcher Kriterien sich antisemitische Zuschreibungen in Bezug auf Israel erkennen und von Kritik abgrenzen lassen. Es folgt ein Exkurs zum Antisemitismus der Boykottbewegung gegen Israel und im Rechtspopulismus. Im dem auf die Praxis orientierten Teil wird z.B. Antisemitismus in Sozialen Medien und der pädagogische Umgang damit (inkl. Online-Tool) vorgestellt oder eine Reflexion zum pädagogischen Umgang mit dem Nahostkonflikt. Thema ist auch der Einfluss der Reflexion des eigenen Handelns auf das Gelingen und wie Zuweisungen, antisemitisch zu sein, selbst die Form einer rassistischen Zuschreibung annehmen können. Am Schluss folgt noch eine Sammlung pädagogischer Tipps.



amira - Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus:

Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von Antisemitismus in der offenen Jugendarbeit. Berlin 2010

Die Publikation reflektiert Erfahrungen des Projektes und stellt sowohl Fortbildungen und Workshops für MultiplikatorInnen als auch Projekte vor, die mit Jugendlichen durchgeführt werden können. Den Angeboten sind jeweils Einführungsartikel vorangestellt. Präsentiert werden das Grundkonzept, die Ziele sowie die konkrete Durchführung des Angebots. Die Angebote für MultiplikatorInnen beinhalten einen theaterpädagogischen Ansatz zur Bearbeitung der pädagogischen Haltungen im Umgang mit Antisemitismus sowie eine Fortbildung zum argumentativen Umgang mit Antisemitismus. Projektvorschläge für die Arbeit mit Jugendlichen sind eine Workshop-Reihe zum Thema „Ich und der Nahostkonflikt“, eine Stadtteilrallye zu Religion, Migration und Identität, ein Rap-Workshop zum Antisemitismus, Workshops speziell für getrennte Mädchen- und Jungengruppen sowie Empfehlungen für die Durchführung von Begegnungsprojekten.

Texte


Monique Eckmann und Gottfried Kößler:

Diskussionspapier. Pädagogische Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Antisemitismus. Qualitätsmerkmale und Spannungsfelder mit Schwerpunkt auf israelbezogenem und sekundärem Antisemitismus. Deutsches Jugendinstitut. Genf u. Frankfurt a. M. 2020

Eine kompakte und vielschichtige Sammlung relevanter Grundlagen und Fragestellungen. Der erste Teil des Textes behandelt pädagogische Eckpunkte bezüglich antisemitismuskritischer Bildungsarbeit und geht dabei auf Zielsetzungen und Grenzen sowie auf Grundsätze bzw. die Philosophie des pädagogischen Handelns ein, auf Rahmenbedingungen sowie das notwendige inhaltlich-methodische Hintergrund-Wissen (speziell zu Antisemitismus und Nahostkonflikt). Der zweite Teil definiert Qualitätsmerkmale antisemitismuskritischer Bildungsarbeit in der themenspezifischen, pädagogischen, ethischen, methodischen und selbstreflexiven Dimension. Der dritte Teil bespricht Spannungsfelder wie Mehrheits- und Minderheitsperspektiven, Antisemitismus und Rassismus, Antisemitismus unter MuslimInnen, Nahostkonflikt sowie offene Kontroversen zur pädagogischen Methodik.



Peter Ullrich: Über Antisemitismus sprechen – Essay.

In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg): Aus Politik und Zeitgeschichte 26-27. Bonn 2020, S. 36-41

Ullrich skizziert spezifische diskursive Dynamiken in der Debatte um die Erinnerung(skultur) an den NS-Antisemitismus und die Shoah sowie die Definition von Antisemitismus und die Verquickung beider Debatten mit jener um den Nahen Osten. Es geht also um den „Nahostkonflikt zweiter Ordnung“, einen israelbezogenen Antisemitismus und die BDS-Kampagne. Erschwert wird die Diskussion durch radikale Identifikation, Unklarheit in Positionen und Forderungen sowie Stigmatisierung und Vorverurteilung der jeweils Anderen. „Durch diese Entwicklungen werden Diskursräume geschlossen, wo Ambivalenzen anerkannt, ausgehalten und diskutiert werden müssten [...]“ Wenig hilfreich erachtet Ullrich eine Arbeitsdefinition zu Antisemitismus, wie der IHRA, die aus seiner Sicht wissenschaftliche Schwächen aufweist, oftmals unklar oder gar tendenziös formuliert ist und politisch instrumentalisiert wird.



Jan Riebe:
Was tun bei (israelbezogenem) Antisemitismus? – Pädagogische Tipps.

In: Amadeu Antonio Stiftung: „Man wird ja wohl Israel noch kritisieren dürfen …?!“ Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus. Berlin 2017


Riebe definiert einleitend kurz Ziel und Zielgruppe antisemitismuskritischer Pädagogik, um danach ausführlich auf Aspekte der Voraussetzungen der Lehrpersonen einzugehen, darunter Selbstreflexion und Sensibilisierung (auch für virtuellen Antisemitismus). Danach werden Aspekte präventiver Arbeit, der Behandlung des Nahostkonfliktes, Gedenkstättenfahrten, der Thematisierung jüdischen Lebens und dem Ernstnehmen von Diskriminierungserfahrungen besprochen. In Abgrenzung zur Prävention wird dann auf das Vorgehen nach antisemitischen Äußerungen und Taten eingegangen: Betroffene schützen, nicht weghören, Involvierte unterstützen, aus der antisemitischen Differenzkonstruktion auszusteigen, theoretisches Wissen nicht losgelöst von der pädagogischen Situation und Antisemitismus nicht losgelöst von anderen Ausgrenzungsmechanismen und Ungleichwertigkeitsideologien betrachten sowie Antisemitismus ‚über Umwege‘ thematisieren.



Jan Riebe:
Israelbezogener Antisemitismus. Eine Herausforderung für die Jugendarbeit
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In: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): „Läuft bei Dir!“ Konzepte, Instrumente und Ansätze der antisemitismus- und rassismuskritischen Jugendarbeit. Berlin 2017, S. 23-25

Kurz und prägnant zusammengefasst, wie bei der Betrachtung Israels zwischen Kritik und Antisemitismus unterschieden werden kann. Hierbei wird auf einige Leerstellen und problematische Sichtweisen hingewiesen, die in der pädagogischen Auseinandersetzung mit israelbezogenem Antisemitismus zu finden sind. Oft kommt es zu einer Umwegekommunikation, die vorgibt, „Kritik an Israel“ zu formulieren und sich dabei (wenn auch verklausuliert) antisemitischer Stereotype bedient. Folgend wird der 3D-Test als eine Möglichkeit der Analyse vorgestellt, wie auch der Vorschlag der Erweiterung durch Beachtung des Kontextes von Äußerungen. In der pädagogischen Bearbeitung ist jedoch nicht die detaillierte Analyse von zentraler Bedeutung, sondern es soll nach den Funktionen und Beweggründen solcher Äußerungen gefragt und diese bearbeitet werden. Pädagogische Fachkräfte sind angehalten, die eigene Position zum Gegenstand immer wieder kritisch zu hinterfragen.


Rosa Fava:
„Israelkritik“ und Antisemitismus
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In: Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus: Commitment without Borders – Ein deutsch-türkisches Handbuch zu Antisemitismusprävention und Holocaust Education. Berlin 2016

Ausgehend vom konstatierten Zusammenhang zwischen Kritik bzw. Feindschaft gegenüber Israel und dem Antisemitismus benennt Rosa Fava Hilfsmittel zur Analyse von Antisemitismus in israelkritischen Äußerungen. Darunter auch den „3D-Test“ nach Natan Scharansky oder die Betrachtung anhand der expliziten Aufzählung der „Arbeitsdefinition Antisemitismus“. Weiters werden Anzeichen aufgezählt, die einen Hinweis liefern können, ob sich bewusster oder unbewusster Antisemitismus in die Argumentation gegen Israel mischt oder diese motiviert. Besprochen werden hier: Emotionalität, die Ignoranz gegenüber der Funktion eines jüdischen Staates als Zufluchtsort, der Ressentiment-immanente Begriff der „Israelkritik“, ein vollständig negatives Bild von Israel, die Reduktion von Israel auf den Nahostkonflikt und die Instrumentalisierung eines realen Rassismus in Israel zur Delegitimierung Israels als per se rassistisch und kolonial fundierte Vorherrschaft.



Hanne Thoma, Ahmad Mansour: Der Nahostkonflikt als Projektionsfläche. Ziele einer pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen mit türkischem, arabischem oder palästinensischem Familienhintergrund
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In: amira - Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus: Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von Antisemitismus in der offenen Jugendarbeit. Berlin 2010, S. 27-29

Zielgruppenspezifische pädagogische Prozesse müssen sich der Ursachen gewahr sein, die einen sachorientierten Blick verstellen. Von hier aus kann eine selbstständige Urteilsfähigkeit gestärkt werden, bei gleichzeitiger Markierung roter Linien. Und dennoch: „Sie müssen erfahren, dass sie individuell anerkannt und wichtig genommen werden, dass man ihnen zuhört und dass sie zunächst einmal alles sagen dürfen, was sie denken, ohne gleich verurteilt zu werden.“ In der Bearbeitung des Konfliktes soll folgendes in den Vordergrund rücken: die potentielle Lösbarkeit von Konflikt um Land und Ressourcen, die Heterogenität der AkteurInnen und Interessen innerhalb der Konfliktparteien, die Vermittlung von Medienkompetenz, Perspektivwechsel und Empathiefähigkeit sowie Kriterien an die Hand zu geben, die sie darin unterstützen zu erkennen, was legitime Kritik ist „und wann vermeintliche »Kritik an Israel« eigentlich eine Form des Antisemitismus ist.“

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Lernmaterial
Themen
Antisemitismus
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Digitales Lernangebot Handreichung Lernmaterial/Lernheft
Region/Bundesland
International
Schultypen
Sek. I Sek. II
Lernalter
Ab 14 Jahren Bis 14 Jahre
Erstellt am 2021-01-13T18:43:19+02:00, zuletzt geändert 2021-09-07T14:36:00+02:00