Was ist Antisemitismus?
Antisemitismus stellt einerseits – wie andere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit – eine Form des Othering dar, der Konstruktion von „den Anderen“. Das geschieht über körperliche, soziale und ökonomische Zuschreibungen, die häufig als „natürlich“ und daher unveränderlich angesehen werden. Dazu kommen Verallgemeinerungen auf der Basis von bewusst oder unbewusst tradierten Stereotypen. Aufgrund der tatsächlichen oder vermuteten Zugehörigkeit zu einer Gruppe werden Menschen oder Institutionen (meist negative) Eigenschaften unterstellt. Antisemitismus als Ressentiment ist mehr als ein bloßes Vorurteil, er ist eine Ideologie der Ungleichheit und eine Welterklärung. Er steht somit in vielfältiger Beziehung zu anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit wie Rassismus, Antiziganismus, Sexismus oder LGBTQIA+-Feindlichkeit. Mit dem Rassismus teilt der Antisemitismus die Markierung einer Gruppe, die als scheinbar anders und fremd gegenüber der eigenen Gruppe oder gar als außerhalb der „natürlichen“ (nationalen) Ordnung stehend betrachtet wird. Er teilt auch die damit verbundene Abwertung.
Das spezielle Merkmal des Antisemitismus andererseits ist, dass Jüdinnen und Juden eine besondere Macht, besonderer Einfluss und Überlegenheit zugeschrieben wird. Der Antisemitismus ist also gleichzeitig Abwertung und Überhöhung. Er bietet ein umfassendes Weltdeutungssystem an, in dem Jüdinnen und Juden etwa als „geheime Strippenzieher“ für wirtschaftliche, politische und soziale Strukturen und insbesondere für gesellschaftliche Krisen verantwortlich gemacht werden.
Antisemitismus und Rassismus
Gemeinsamkeiten: Fremdmachung (Othering) und Abwertung
Spezifika des Antisemitismus: Überhöhung und Vorwurf der Verschwörung
In den letzten Jahren wurden unterschiedliche Definitionen für Antisemitismus erarbeitet und kontrovers diskutiert. Für das österreichische Bildungssystem wurde die 2016 veröffentlichte Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) als Bezugspunkt gewählt. Definitionen geben Orientierung und dienen als Hilfsmittel, sie haben jedoch keine juristische Relevanz. Eine Arbeitsdefinition wie die der IHRA soll in der Bildungsarbeit als Analyse- und Verständniswerkzeug unterstützen, um ein sorgfältiges Ergründen und Beschreiben eines Sachverhaltes zu ermöglichen. Dabei müssen sowohl der Gesamtkontext berücksichtigt als auch der spezifisch antisemitische Gehalt einer Aussage oder Handlung ergründet werden. Die Definition kann nicht die Auseinandersetzung mit emotionalen Prozessen, Motivationen und Intentionen ersetzen – denn nicht jede problematische Aussage ist zwangsläufig antisemitisch. In der pädagogischen Arbeit geht es darum, Lernprozesse zu initiieren, Fehlkonzepte offenzulegen, ein kritisches historisches und gesellschaftspolitisches Bewusstsein sowie Empathie zu schaffen.
IHRA Arbeitsdefinition von Antisemitismus
»Antisemitismus #1 ist eine bestimmte Wahrnehmung #2 von Jüdinnen und Juden #3, die sich als Hass #4 gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische #5 Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen #6.«[1]
Die folgenden Erläuterungen helfen, die allgemein gehaltene Arbeitsdefinition besser zu verstehen und anwenden zu können:
| #1 | Antisemitismus entstand als Ideologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er entwickelte sich aus dem Antijudaismus, der christlichen Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden. |
| #2 | Wahrnehmung bezieht sich auf die Einstellungen, Sicht- und Verhaltensweisen gegenüber Jüdinnen und Juden und auch auf die Deutung dieser Einstellungen, Sicht- und Verhaltensweisen: Antisemitismus bezieht sich also nicht darauf, wie Jüdinnen und Juden wirklich sind, sondern wie sie von Antisemitinnen und Antisemiten gesehen werden. |
| #3 | Das tatsächliche oder unterstellte Jüdischsein dient als dominante oder gar ausschließliche Kategorie der Wahrnehmung. Somit können auch vermeintlich neutrale oder positive Aussagen (bis hin zum sogenannten Philosemitismus) problematisch sein, wenn diese Jüdinnen und Juden als „eigentümlich“, „speziell“ oder generell „anders“ (Othering) darstellen. |
| #4 | Antisemitismus kann sich in versteckten Andeutungen, diskriminierenden Aussagen, verbalen Beleidigungen, aber auch in körperlichen Angriffen und ausgrenzender Politik äußern. Die Palette reicht von Schimpfworten und Witzen über die Verwendung von Bildern und Symbolen bis zu ideologischer Hetzrede und Hassparolen – sowohl online als auch offline. |
| #5 | Antisemitismus kann auch gegen Nicht-Jüdinnen und -Juden geäußert werden, z. B. wenn „Du Jude!“ als Beschimpfung gemeint ist. |
| #6 | Institutionen oder Geschäfte von Jüdinnen und Juden sind wiederkehrend Ziel von antisemitischen sowie terroristischen Angriffen. Deswegen stehen viele jüdische Einrichtungen in Österreich unter Polizeischutz. |
