Angehörigenarbeit an Gedenkstätten ehemaliger Orte der NS-"Euthanasie"
Regelmäßige und institutionell begleitete Angehörigenbesuche gibt es an NS-Gedenkstätten, insbesondere an KZ-Gedenkstätten, seit Ende der 1960er Jahre. Diese Entwicklung verlief parallel zur offiziellen Anerkennung dieser ehemaligen Orte des NS-Terrors als Gedenkstätten. Seit den späten 1990er Jahren bieten viele dieser Einrichtungen gezielte Programme, Archivzugänge und Begleitung für Überlebende, Nachkommen und Familien von NS-Opfern an.
An Orten der NS-„Euthanasie“ entwickelten sich Angehörigenbesuche deutlich später, vor allem ab den 1980er und 1990er Jahren – auch, weil sich die Gedenkstättenlandschaft dort erst sehr spät herausbildete (das Beispiel Schloss Hartheim zeigt dies deutlich: Die Gedenkstätte wurde erst 2003 offiziell eröffnet). Hinzu kamen erschwerte Bedingungen: Psychische Erkrankungen sowie körperliche und geistige Beeinträchtigungen waren gesellschaftlich lange mit Stigma und Scham belegt, weshalb der Wunsch nach Angehörigenbesuchen erst spät sichtbar wurde. Zudem wussten viele Familien lange nicht, wo sie überhaupt nach Spuren suchen konnten, da im Zuge der NS-Patient*innenmorde gezielt mit falschen Sterbeurkunden gearbeitet worden war, um Tatorte und Todesumstände zu verschleiern.
Heute stehen viele Gedenkstätten an ehemaligen Orten der NS-„Euthanasie“ bewusst Angehörigen offen und verzeichnen eine wachsende Zahl von Anfragen durch Nachkommen.
Peter Eigelsberger ist seit 2009 Leiter der Dokumentationsstelle Hartheim und als solcher neben zahlreichen anderen Tätigkeiten im Bereich der Dokumentation auch mit dem Kontakt zu Angehörigen von Menschen betraut, die im Zuge der NS-„Euthanasie“ in der Tötungsanstalt Schloss Hartheim in Alkoven bei Linz/Oberösterreich ermordet wurden. Er unterstützt bei der Recherche zu Menschen, die oft über Generationen nicht Teil des familiären Gedächtnisses waren oder über deren Ermordung aus Scham lange gar nicht oder kaum gesprochen wurde.
Im Gespräch mit Antonia Winsauer (ERINNERN:AT Wien) berichtet er von diesem Aspekt seiner Arbeit.
Mit welchen Anliegen abseits wissenschaftlicher Recherche wenden sich Menschen an die Dokumentationsstelle?
Im Grunde gehen die Anfragen weit über das Forschungsfeld hinaus. Man kann sagen, dass wir eine Anlaufstelle für Menschen geworden sind, die Verwandte suchen, die während der NS-Zeit in Psychiatrien waren. Wir haben uns in den letzten Jahren eine große Expertise angeeignet und können, auch wenn die gesuchten Familienmitglieder nicht hier in Hartheim ermordet wurden, recht kompetent weiterhelfen. Es ist auch immer gut zu wissen, in welchem Bundesland man sucht, da die NS-Psychiatrie regional organisiert war. Wenn beispielsweise eine Person aus Oberösterreich oder aus Linz medizinisch-psychiatrische Hilfe oder Betreuung brauchte, kam sie in die Psychiatrie Niedernhart in Linz. Wenn Patient*innen aus Niederösterreich stammten, kamen sie nach Mauer-Öhling oder nach Gugging und so weiter. Das ist immer recht überschaubar und man weiß dann recht schnell, in welche Richtung man weitersuchen kann.
Existiert eine Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, auch auf interdisziplinärer Ebene?
Relativ neu sind unsere Kontakte im archäologischen Bereich, vor allem mit dem Institut für Archäologie der Uni Wien, wegen der Fundobjekte, die 2001 hier auf dem Gelände entdeckt wurden. Eine andere, bereits lange bestehende interdisziplinäre Zusammenarbeit ist jene im Bereich der Krankenpflegeausbildung. Hier entwickelten wir ein eigenes Format für Pflegeberufe, und in diesem kommen wirklich sehr viele Gruppen zu uns, aus Österreich wie aus Deutschland. Ganz anders schaut es da in der akademischen Ausbildung von Mediziner*innen aus: Ein Besuch an einer Gedenkstätte wie unserer ist leider überhaupt nicht im Curriculum enthalten, obwohl es doch immens wichtig wäre, dass die angehenden Ärzt*innen damit konfrontiert werden, was ihre Vorvorgänger*innen mit Menschen gemacht haben. Nur selten gibt es Lehrveranstaltungen der MedUni, bei denen eine Exkursion zu uns geplant ist und durchgeführt wird.
Wie hoch ist ungefähr der Anteil der Besucher*innen der Dokumentationsstelle, die Angehörige von Opfern der NS-„Euthanasie“ sind oder dies vermuten und deshalb Kontakt mit Hartheim aufnehmen?
Da wir das nicht statistisch erfassen, kann ich es nicht ganz genau sagen. Aber uns erreichen schon mehrere solcher Anfragen pro Woche, sodass wir pro Jahr hier klar in den dreistelligen Bereich kommen. Am häufigsten werden wir per E-Mail kontaktiert. Die Menschen sind auch immer herzlich eingeladen, zu uns zu kommen. Wir machen uns dann einen Termin aus, damit man sich ein bisschen Zeit nehmen kann, etwa für einen gemeinsamen Rundgang durch die Gedenkstätte. Was mir auffällt, ist, dass die Anfragen eher mehr als weniger werden. Das hat vermutlich damit zu tun, dass es mittlerweile mehrere Nachkommensgenerationen sind, die sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen. Diese haben die Scheu verloren, sind auch recht internetaffin, neugierig, und schämen sich nicht, dass sie Menschen in der Familiengeschichte haben, die psychisch krank waren.
Woher stammen die Anfragen der Angehörigen?
Die sind international. Mit Englisch kommt man bei den Anfragen schon recht weit, und als ein großer Vorteil bei der Kommunikation mit Angehörigen per E-Mail taten sich in den letzten Jahren diverse Übersetzungsprogramme hervor. So konnte ich beispielsweise vor einiger Zeit einem älteren Herrn aus Frankreich weiterhelfen, der weder Deutsch noch Englisch konnte. Ich selbst spreche kein Französisch.
Wie sehr prägt die Korrespondenz mit und der Besuch von Angehörigen von in Hartheim Ermordeten deinen Arbeitsalltag?
Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, da sich vieles einfach überschneidet. Ich würde grob schätzen, dass der Kontakt mit Angehörigen etwa ein Viertel meiner täglichen Arbeitszeit einnimmt. Wenn Anfragen reinkommen, versuche ich natürlich, diese möglichst unmittelbar zu beantworten. Hier in Hartheim sind wir in der privilegierten Situation, dass die Dokumentationsstelle speziell für solche Angelegenheiten zuständig ist. In anderen Gedenkstätten für die Opfer der NS-„Euthanasie“ gibt es eine solche Trennung nicht – da ist die jeweilige Gedenkstätte immer auch gleich Dokumentationsstelle. Noch dazu sind die Gedenkstätten in Deutschland oft auch personell schlechter aufgestellt als wir es hier in Hartheim sind.
Du hast bereits angemerkt, dass der Zugang von Angehörigen, die einer jüngeren Generation angehören, ein anderer ist als bei Nachkommen der ersten oder zweiten Generation. Welche Gründe stecken deiner Meinung nach dahinter?
Ich denke einfach, dass, je weiter entfernt man verwandt ist, man sich im Umgang leichter tut. Der Großteil der Opfer hier im Schloss Hartheim waren ja Menschen mit psychischen Erkrankungen. Und diese waren immer und sind auch noch heute oft ein gesellschaftliches Tabuthema. Jene Menschen, die wie hier im Schloss Hartheim ermordet wurden, zählen zu den vergessenen Opfern. Viele der unmittelbaren Verwandten zündeten damals für ihre sich in der NS-Psychiatrie ermordeten Angehörigen Kerzen an und gedachten diesen wie man auch Männern, die als Soldaten im Krieg geblieben sind, gedachte. Und irgendwann wurde dann vergessen, wer die Person auf dem Foto neben dem Heiligenbild ist. Es wurde auch kaum über diese Menschen gesprochen in der Familie. Und die dritte oder vierte Generation stolpert jetzt vielleicht über ein Dokument wie etwa eine Sterbeurkunde, googelt und recherchiert in vielen Fällen erstmal, was „Hartheim“ überhaupt für ein Ort ist, und geht dann dem Verdacht nach, dass hier jemand aus der Familie getötet worden sein könnte. Meiner Erfahrung nach war es in den wenigsten betroffenen Familien Thema, dass ein Familienmitglied Opfer der NS-„Euthanasie“ geworden ist. Diese Fälle gibt es natürlich auch, aber das ist eher selten. Hin und wieder stellt sich aber heraus, dass innerfamiliär doch Wissen da war, zumindest bruchstückhaft.
Für mich persönlich ist es ein wahnsinnig schönes Erlebnis, Teil des Prozesses zu sein, wenn Menschen, die hier in Hartheim ermordet wurden, wieder Teil des familiären Bewusstseins werden, oder wenn man Angehörige, mit denen man per E-Mail in Kontakt war, persönlich kennenlernen darf.
Welche Bedeutung hat deiner Ansicht nach die Publikation der Personendaten im Online-Dienst des Bundesarchivs Berlin, invenio, im Jahr 2018 für die Suche von Angehörigen?
Das Bundesarchiv entschied damals, die Namen und die Geburtsdaten der Ermordeten als Findbehelf für die erhaltenen Krankenakten online zu stellen, weitaus mehr Möglichkeiten der Verschlagwortung sind aber nicht im Internet zu finden, sondern wurden vom Bundesarchiv den Gedenkstätten zur Verfügung gestellt, die wir wiederum an Angehörige weitergeben können. Diese können aber auch relativ problemlos einen Scan der NS-Krankenakten vom Bundesarchiv Berlin erhalten, manche finden auch den Weg zu uns nach Hartheim über diesen Weg. Ich finde gut, dass es diese Möglichkeit der Online-Recherche gibt.
Nicht immer haben Angehörige die Möglichkeit, mit Hilfe von Dokumenten Gewissheit über das Schicksal eines Familienmitglieds zu bekommen. Wie geht man – auch als Dokumentationsstelle oder Gedenkstätte – damit um, wenn die Aktenlage nicht eindeutig ist?
Wenn das tatsächlich der Fall ist, muss man die Nichtbelegbarkeit auch so den Angehörigen vermitteln. Auch wenn eine Ermordung oft sehr wahrscheinlich ist, bleibt eine Vermutung manchmal eine Vermutung und wird von uns den Angehörigen auch als solche weitergegeben. Vielleicht ist es hin und wieder aber auch für Angehörige eine angenehmere Überlegung, dass die*der Verwandte doch eines natürlichen Todes gestorben sein könnte, als mit der Gewissheit der Ermordung umgehen zu müssen.
Arbeitet Hartheim im Bereich Angehörigenarbeit mit anderen Gedenkstätten ehemaliger NS-„Euthanasieanstalten” zusammen?
Einen recht guten Austausch haben wir mit anderen „T4“-Gedenkstätten in Deutschland. Viele Menschen, deren Tod in Hartheim beurkundet wurde, starben an ganz anderen Orten, die einfach näher am Ort der Unterbringung der Personen waren. Oder umgekehrt – einige Patient*innen, die in Linz untergebracht und ganz sicher in Hartheim getötet wurden, sind teilweise in Grafeneck bei Stuttgart oder in Brandenburg an der Havel beurkundet. Mit einem Aktentausch wollten die Täter*innen die Verwandten der Opfer und die Öffentlichkeit täuschen und zudem die Distanz zum wahren Todesort erweitern. In solchen Recherchefällen hilft es schon, wenn wir in gutem Austausch miteinander sind und den Angehörigen sagen können, wo sie hilfreiche Informationen finden.
Du hast vorhin schon von Veränderungen in der Arbeit mit Angehörigen gesprochen. Gibt es noch andere Entwicklungen in diesem Bereich?
Was schon in anderen „T4“-Gedenkstätten ausprobiert wurde, und was wir aktuell auch für die nähere Zukunft planen, ist ein Angehörigentag, bei dem sich diese untereinander austauschen können. Unser Wunschdenken ist, dass dann Familien zusammenkommen, die vielleicht ähnliche Probleme oder Schicksale haben, ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Wir sind hier in der Probephase, haben vor, den Angehörigen einen Input zu geben, und hoffen, dass diese dann auch untereinander ins Gespräch kommen. Hervorragende Arbeit wird in München gemacht, wo Veranstaltungen angeboten werden, bei denen es unter anderem auch wissenschaftliche Vorträge gibt.
Meine letzte Frage bezieht sich auf einen insgesamt betrachtet recht kleinen Teil der Angehörigen von Menschen, die hier in Hartheim waren. Und zwar jener der Täter*innen. Kommen auch Anfragen von dieser Seite?
Es gibt einzelne Gespräche mit Kindern von Täter*innen, aber der eigentliche Schlüssel ist hier die Enkelgeneration. Ich habe mittlerweile schon zu verschiedenen Enkel*innen Kontakt, etwa aus Hamburg oder aus Linz, die ganz genau wissen wollen, was ihr Großvater oder ihre Großmutter hier in Hartheim gemacht hat – etwa als Sekretärin oder als „Krankenpfleger“. Diese fragen sich: „Wie konnte der Opa, wie konnte die Oma nur?“ Mein eigener Zugang ist hier eher, verstehen zu wollen, wie ein junger Mensch in eine Situation kommt, Täter*in zu werden – damit ich Erklärungsversuche anbieten kann. Von der dokumentierenden Seite ist natürlich auch noch die Frage interessant, ob es noch Quellen in der Familie gibt. Wir wollen wissen, wer diese Menschen waren. Am Wichtigsten ist für mich im Gespräch mit Nachkommen, Klarheit zu schaffen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview erschien in der aktuellen Ausgabe der „Alpendistel. Magazin für antifaschistische Gedenkkultur“ (2025), die hier digital verfügbar ist. Über die E-Mailadresse des Vereins Alpine Peace Crossing kann das Magazin auch gegen eine Spende für die Portogebühr bestellt werden: office@alpinepeacecrossing.org
Zusätzliche Informationen:
Der Besuch einer NS-"Euthanasie"-Gedenkstätte ist in Wien ebenfalls möglich, und zwar Am Steinhof . Sie wird - samt Ausstellung - vom Dokumentationarchiv österreichischen Widerstandes (DÖW) verwaltet.
https://www.gedenkstaettesteinhof.at/de/content/die-ausstellung-im-otto-wagner-spital
https://www.doew.at/
Zuordnung
- Region/Bundesland
- Österreich Oberösterreich
