Anhaltender Antisemitismus in der EU: Neue FRA-Studie belegt steigenden Antisemitismus in Europa

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) präsentierte am 10.12.2018 eine Studie über persönliche Erfahrungen von Jüdinnen und Juden mit Antisemitismus. Auch 80 Jahre nach dem „Anschluss“ ist Antisemitismus weiterhin verbreitet und in der Gesellschaft verankert. Die Studie befragte 16 500 Jüdinnen und Juden in 12 europäischen Staaten - rund 90 % der Befragten sind der Meinung, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt.

28% der Befragten haben im vergangenen Jahr antisemitische Belästigungen erfahren, wobei die Mehrheit (79%) diese Vorfälle nicht der Polizei oder einer anderen Behörde gemeldet hatte. Der Grund hierfür liegt laut FRA im Eindruck der Betroffenen, dass eine Meldung nichts bewirken würde. Die Gruppe der als jüdisch zu erkennenden, etwa durch das Tragen einer Kippa, ist am stärksten von Belästigungen betroffen.

 

Aus Sicht der Befragten nimmt Antisemitismus zu - rund 90 % der Befragten sind der Meinung, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt. Ebenfalls rund 90 % halten antisemitische Äußerungen insbesondere im Internet für ein Problem und 70 % erfahren Antisemitismus im öffentlichen Raum, in den Medien und in der Politik.

 

„Es ist erschütternd festzustellen, dass Antisemitismus in der EU Jahrzehnte nach dem Holocaust weiter zunimmt“, erklärt der Direktor der FRA, Michael O’Flaherty. „Die Mitgliedstaaten müssen diese Entwicklung zur Kenntnis nehmen und sich intensiver bemühen, der Judenfeindlichkeit vorzubeugen und sie zu bekämpfen. Jüdinnen und Juden haben das Recht, frei, ohne Hass und ohne Angst um ihre Sicherheit zu leben,“ so der Leiter der in Wien ansässigen EU-Agentur.

 

Die Ergebnisse stammen aus den zwölf Mitgliedstaaten, in denen Schätzungen zufolge über 96 % der jüdischen Bevölkerung in der EU leben. Die Studie wurde auch in Österreich durchgeführt. Die Vorgängerstudie wurde 2013 durchgeführt, damals gaben 66 % an, dass Antisemitismus immer noch ein großes oder ziemlich großes Problem sei. Diese Zahl stieg in der vorliegenden Erhebung auf 85 %. Die Mehrheit der Befragten gab an, dass Antisemitismus und Rassismus das dringendste Problem der EU Mitgliedsstaaten sei. 72 % äußerten Sorge über die Intoleranz gegenüber Moslems.

 

„Antisemitismus scheint in der Gesellschaft so tief verwurzelt zu sein, dass regelmäßige Belästigungen für die Befragten zum Alltag geworden sind,“ so die FRA. 33 % der Befragten Jüdinnen und Juden aus Österreich empfinden, dass der Antisemitismus in den letzten fünf Jahren stark gestiegen sei.  Die Studie fragte auch nach dem Kontext der antisemitischen Äußerungen, hier wurde das Internet als das verbreitetste Forum für antisemitische Belästigungen ausgemacht, gefolgt von anderen Medien und politischen Events.

Um Antisemitismus wirksam zu begegnen schlägt die FRA mehrere Maßnahmen vor, darunter auch eine Intensivierung der Bildungsarbeit über den Holocaust: „Diese Ergebnisse zeigen, dass die Mitgliedstaaten dringend sofort wirksame Maßnahmen ergreifen müssen. Dabei müssen sie eng mit einem breiten Spektrum an Interessensgruppen zusammenarbeiten, insbesondere jüdischen Gemeinden und zivilgesellschaftlichen Organisationen, um Antisemitismus effektiver vorzubeugen und zu bekämpfen. Beispiele für entsprechende Maßnahmen sind: die Aufklärung über den Holocaust zu intensivieren und das Bewusstsein für diese Thematik zu schärfen, jüdische Gemeinschaften und Stätten zu sichern und Hassdelikte gegen Juden regelmäßig zu überwachen“.

 

Empfehlungen zur antisemitismuskritischen Bildungsarbeit

Das Handbuch „Addressing Anti-Semitism through Education“ der UNESCO und von ODIHR, der Menschenrechtsinstitution der OSZE, entstand unter Mitwirkung von _erinnern.at_. Die Publikation zeigt in fünf Kapiteln wesentliche Konzepte auf, bietet Richtlinen für EntscheidungstägerInnen und stellt „good practice“ Beispiele vor, darunter auch das Lernheft „Ein Mensch ist ein Mensch. Rassismus, Antisemitismus und sonst noch was…“ oder auch die Online-Toolbox „Stories that Move“ von _erinnern.at_.

 

Download der Studie "Experiences and perceptions of antisemitism - Second survey on discrimination and hate crime against Jews in the EU": - Link

 

Links:

Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA): - Link

Was ist Antisemitismus? Österreich nimmt IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus an: - Link

Der Standard: "Antisemitismus-Bericht der EU: Jeder dritte Jude überlegt auszuwandern" - Link

ZDF: "Antisemitismus nimmt für Juden immer mehr zu" - Link

SZ: "Antisemitismus in Europa nimmt massiv zu" - Link

FRA-Bericht „Being Black in the EU“: - Link

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Die Studie befragte 16 500 Jüdinnen und Juden in 12 europäischen Staaten - rund 90 % der Befragten sind der Meinung, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt.
Die Studie befragte 16 500 Jüdinnen und Juden in 12 europäischen Staaten - rund 90 % der Befragten sind der Meinung, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt.
Die Vorgängerstudie wurde 2013 durchgeführt, damals gaben 66 % an, dass Antisemitismus immer noch ein großes oder ziemlich großes Problem sei. Diese Zahl stieg in der vorliegenden Erhebung auf 85 %.
Die Vorgängerstudie wurde 2013 durchgeführt, damals gaben 66 % an, dass Antisemitismus immer noch ein großes oder ziemlich großes Problem sei. Diese Zahl stieg in der vorliegenden Erhebung auf 85 %.
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